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Full text of "Grundriss der geschichte des neutestamentlichen kanons"

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GRUNDRISS 



DER 



GESCHICHTE DES NEUTESTÄMENTLICHEN 

KANONS. 

EINE ERGÄNZUNG 
ZU DER EINLEITUNG IN DAS NEUE TESTAMENT. 



VON 



THEODOR ZAHN. 



> LEIPZIG. 

A. DEICHERT'SCHE VERLAGSBUCHH. NACHF. 
(GEORG BÖHME). 

1901. 



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/f0/, s/rw.*f. 




Alle Kechte vorbehalten. 



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Vorwort. 



Dem mehrfach geäußerten Wunsch," daß die Einleitung in das Neue Testament 
durch einen diesem Werk einigermaßen gleichartigen Grundriß der Geschichte 
des neutestamentlichen Kanons ergänzt werden möge, habe ich auf die Dauer 
nicht Widerstand zu leisten vermocht. Meine Bedenken dagegen bezogen sich 
zumeist auf die Weiterentwicklung des Kanons in der Zeit von Origenes bis zu 
Justinian. Da ich aber nicht weiß, wann meine Kräfte und andere Aufgaben, 
die vordringlicher zu sein scheinen, es gestatten werden, diese Entwicklung in 
einem dritten Bande meiner Geschichte des Kanons darzustellen und damit jenes 
weitläufige Werk zum Abschluß zu bringen, so wage ich es, in gegenwärtigem 
Grundriß das Ganze zu umspannen und auch über solche Dinge, die noch sehr 
gründlicher Untersuchung bedürfen, in Kürze etwas Bestimmtes zu sagen. Einen 
Teil der Entschuldigungsgründe, welche Lucas in seiner Vorrede für sein kühnes 
Unternehmen geltend macht, darf ich doch vielleicht für mich in Anspruch 
nehmen. 

Nach Anlage und wesentlichem Inhalt ist der Grundriß eine erheblich 
erweiterte und hoffentlich auch merklich verbesserte zweite Auflage des Artikels 
„Kanon des Neuen Testaments" in der dritten Auflage der Protestantischen 
Realencyklopädie. 

Erlangen den 18. Juni 1901. 

Th. Zahn. 



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Inhalt 



Seite 

§ 1. Begriffliches 1 

§ 2. Das Neue Testament um 170—220 14 

§ 3. Das Neue Testament um 140—170 27 

§ 4. Älteste Spuren und Entstehung von Sammlungen apostolischer Schriften . 35 

§ 5. Origenes und seine Schule 41 

§ 6. Das ursprüngliche Neue Testament der Syrer und dessen Fortbildung. . . 44 

§ 7. Lucianus und Eusebius .53 

§ 8. Athanasius 58 

§ 9. Die Weiterentwicklung im griechischen Orient bis zur Zeit Justinians . . 60 

§ 10. Die Angleichung des Occidents , 63 

Beilagen. 

I. Der muratorische Kanon 74 

II. Der Kanon des Codex Claromontanus 79 

III. Der afrikanische Kanon von c. 360 -80 

IV. Der römische Kanon von 382 82 

V. Ein syrischer Kanon aus der Zeit um 400 83 

Die Abkürzungen, welche ich hier wie in der Einleitung gebraucht habe, werden 
durchweg von selbst verstanden werden. Nur das sei bemerkt, daß „GK I. II" die 2 
Bände der Geschichte des neutestamentlichen Kanons (1888 — 1892) und „Forsch" die 6 
Teile der Forschungen zur Gesch. des neutestamentlichen Kanons und der altchrist- 
lichen Literatur (1881—1900) bedeutet. 



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§ 1. Begriffliches. 

Unter dem Kanon versteht der Theolog auch ohne die nähere Bestimmung 
desselben als des Bibelkanons die Bibel selbst als die Sammlung der heiligen 
Schriften der christlichen Kirche und drückt durch diese Bezeichnung der Bibel 
im Unterschied von anderen Namen derselben den Gedanken aus, daß die in 
der Bibel vereinigten Schriften in der Kirche als eine abgeschlossene, alle anderen 
Schriften ausschließende Sammlung von Urkunden der göttlichen Offenbarung 
anerkannt sind, welche als solche rücksichtlich ihres Ursprungs und Inhalts an 
der Heiligkeit der Offenbarung selbst teilnehmen und daher auch für Lehre und 
Leben der Kirche ein xavtov, ein Maßstab, eine Bichtschnur oder Begel sind. 
Für das geschichtliche Verständnis ist wesentlich, daß die Sache, die wir so 
nennen, d. h. eine in der Kirche als maßgebend anerkannte Sammlung hl. Schriften, 
mehrere Jahrhunderte älter ist, als der Name und Begriff, womit wir sie zu 
bezeichnen pflegen. Das Wort xavcbv in dieser Bedeutung und überhaupt in 
seiner regelmäßigen und technischen Anwendung auf die Bibel beider Testamente 
taucht nach dem Zeugnis der vorhandenen Literatur erst um die Mitte des 
4. Jahrhunderts auf. Da der damals hiedurch ausgedrückte Begriff sehr früh 
und bis heute verschieden aufgefaßt worden ist, erscheint eine kurze lexikalische 
Erörterung unumgänglich J ). 



1) Cf Benfey, Griech. Wurzellexikon II, 156; Hehn, Kulturpflanzen und Haustiere 
in ihrem Übergang aus Asien nach Griechenland und Italien (6. Aufl. 1894) S. 297 — 301 
unter „Rohr, Arundo Dorax L."; Hommel, Die semit. Völker u. Sprachen I, 407. 498; 
Schrader, Linguistisch-historische Forsch, zur Handelsgeschichte I, 156; Lewj r , Die se- 
mit. Fremdwörter im Griech. S. 133 cf S. 99. 117. Für xdvra, lat. canna ist als ältere 
Form xdvrj verbürgt durch die teilweise sehr alten Derivate y.dveov (xarrjyopos xrX.), 
xavrjg, xaviag, xdva&por, xavaargov, xdviorpov, auch lat. canalis. Als sicher darf gelten, 
daß xdvri (xdvra) ein semitisches Lehnwort ist = hebr. n:p, syr. Njjg, assyr. - babyl. 
kanü. Fraglich aber erscheint, ob xavcov eine erst auf griechischem Boden entstandene 
Weiterbildung ist, oder ein in sehr früher Zeit direkt aus einer semitischen Sprache 
entlehnter technischer Ausdruck wie %iia>v. Im Hebr. ist der botanische Name r\\p selbst 
in verschiedener Weise zur technischen Bezeichnung geworden: 1) Der hohle Schaft 
sowie die 6 von ihm ausgehenden Röhren und Arme des goldenen Leuchters im 
Zahn, Grundrifs der Geschichte des neutestamentlichen Kanons. I 



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2 § 1. Begriffliches. 

Das griechische xctvtbv, gleichen Stammes mit xdvrjj xdvvcc (Rohr, Schilf- 
rohr und sodann Röhre), ist ein in vorhomerischer Zeit aus dem Semitischen 
entlehntes Fremdwort und bezeichnet zunächst das Rohr in seiner Verwendung 
als Werkzeug, sodann das betreffende Werkzeug, auch wenn es nicht mehr, 
wie anfänglich, aus Rohr, sondern aus. irgend einem anderen Stoff angefertigt 
wurde 2 ). Für die Feststellung der mannigfaltigen Anwendungen und Über- 
tragungen des Wortes, welche hier nicht vollständig aufgezählt werden können, 
ist die durch die Etymologie gesicherte und in manchen ziemlich weit abliegen- 
den Ableitungen und Anwendungen 3 ) wieder zu Tage tretende Urbedeutung 
maßgebend. 1. Bei den Griechen heißt so am häufigsten ein Werkzeug des 
Zimmermanns und überhaupt Bauhandwerkers zur Bestimmung und Her- 
stellung der geraden Richtung des zu bearbeitenden Holzes oder Steines 4 ), „das 
Richtscheit, ein einfaches, meist mit Maßstab versehenes, genau gearbeitetes 
Holz, eine Art Lineal u 5 ), lat. regula (nicht ganz gleicher Bedeutung amussis). 
Dieser Bedeutung entspricht es, daß neben der Geradheit besonders auch die 
TJnbeugsamkeit als unerläßliches Attribut des xccvtov erfordert wird °) ; ferner 
der Gebrauch des Worts für das Lineal des Schreibers 7 ), die konstante 



Heiligtum Ez 25, 31 — 36; 37, 21. 2) Meßrute, Maßstab und zwar ein solcher von 
bestimmter Länge = 6 Ellen Ez 40, 3 (wo daneben die Meßschnur erwähnt wird); 40, 
5—7; 41, 8; 42, 16 — 19, vollständig rn?i>rt nijD, LXX xdlapos fiiroov (sie), vulg. calamus 
mensurae cf Ap 11, 1 xdAapos ofiows QdßScp. 3) Wage Jes 46, 6; LXX orafr/tiös. vulg, 
statera ; 4) später auch Lineal Tract. Sopherim 1, 1 für das ältere "p (Mischna, Kelim 
XII, 8) s. die Lexika von Levy und Jastrow unter p, wa, naa und Low, Graphische 
Requisiten und Erzeugnisse bei den Juden S. 185 f. 

2) Homer neDnt die Querhölzer an der Innenseite des Schildes xapopss, auch wenn 
sie ausnahmsweise aus Gold gefertigt sind II. 8, 193 cf 13, 407. Auch die Spule des 
Webers und die Spindel der Spinnerin (II. 23, 407; Aristoph. Thesmoph. 822) werden 
meist nicht aus einem Stück Rohr bestanden haben. 

3) Z. B. canalis eigentl. Röhre. Ableitungsrohr, auch Luftröhre und Flöte'; 
Kanone (Feuerrohr). 

4) Aeschines c. Ctesiph. 66 ov ydo dooiarop iori toSixaiop^düA (OQiofiEvovroZsvdfiois toU 
vfieriQOis. (ootzbq ydg Iv rrj rexrovixrj, otuv eidevai ßovXoped'a to oq&ov xal ro fitf, top 
xavova Ttoootpepoftev, cp diayipcooxsrai, ovtcj xal sv Talg ygoupals tcop Ttapapojucov Ttapcc- 
xeirai xaveov iov Sixaiov rovrl ro oaviSiov, to yjr}<pioju.a xal ol Tragayeypaju/tiepoi vo/uoi. 
Unter den /uerpa te xal ogyavcc, welche die Texronxrj beim Schiffsbau, Hausbau und 
anderen Arten der gvlovpyixrj anwendet, nennt Plato Phileb. p. 56 zuerst den xaveop, 
weiterhin röovos (Zirkel, circinus)^ 8utßrjxr t $ (Blei- oder Setzwage, libella), ord&/urj (Blei- 
lot, perpendiculum) , Ttoooaycoywp (Winkelmaß, dafür p. 51 ycopia, lat. normet neben 
xaveov). Cf Plut. praec. ger. reipubl. 13 p. 807 ; Pollux, Onom. X, 147. 

5) So Blümner, Technologie u. Terminologie der Gewerbe und Künste bei Griechen 
u. Römern II, 233, vgl. überhaupt dort S. 231—237; III, 91 f. 

6) Polyb. XII, 12; Plut. ad princ. inerud. 2 dorpaßrje xal ddidoTpoyos. Iren. I, 9, 
4 dxLvrjg (interpr. lat. immobilis), Tert. virg. vel. 1 immobilis et irreformdbilis. 

7) So in mehreren Gedichten der Anthol. (ed. Jacobs IV, 39 nr. 2; p. 58 nr. 50. 
51. 52; vol. III, 197. 198 nr. 10. 11, auch xavopiofia und xapovis II, 53 nr. 3; p. 200 nr. 



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§ 1. Begriffliches. 3 

Übersetzung durch regula s ), auch die "Wahl der mit xavcov als Objekt ver- 
bundenen Verba 9 ), und die häufige Verbindung mit Namen anderer fester Meß- 
werkzeuge 10 ). — Unvergleichlich seltener begegnet man der Bedeutung Wage- 
balken oder Zünglein in der Wage 11 ), welche sich entweder aus der 
Vergleichbarkeit mit dem Richtscheit und seiner Anwendung 12 ), oder daraus er* 



17). dem. ström. VI, 36 p. 757 ed. Potter beschreibt einen navcov, welcher zugleich als 
Behälter für das Schreibrohr und das Tintenfaß dient. 

8) Cf Blümner II, 234. S. unten A 18. Auch im kirchlichen Sprachgebrauch, bei 
den lat. Übersetzern des Irenaeus und des Origenes, bei Tertullian und Novatian, 
wo es sich um den xavcov trjs morecos, trjs dlrj&eias handelt, tritt überall regula ein. 
Ebenso in der Vulg. 2 Kr 10, 13. 15. 16; Gl 6, 16; Phl 3, 16. Paulus betrachtet 2 Kr 
10, 13 — 16 die göttliche Bestimmung über das, was der einzelne Mensch in seinem Be- 
ruf leisten soll, als ein Richtmaß, wonach sich sowohl die Ausdehnung des Arbeitsfeldes 
als das Urteil über die Leistung bemißt; dagegen bezeichnet er Gl 6, 16, womit Phl 3,16 
zu vergleichen ist, auch wenn dort xavovi zu streichen ist, einen von ihm selbst aus- 
gesprochenen Grundsatz als ein Kichtmaß, wonach sich das als ein Schreiten vorgestellte 
Handeln ohne Abweichung von der durch das Richtmaß bezeichneten Linie zu 
richten hat. 

9) TtQoond'ivai Aristoph. av. 1001. 1004, Ttgoocpegeiv Aeschin. s. A 4, hitdyeiv Epict. 
diss. III, 3, 14 f.; Marc. Aur. V, 22, nooodyeiv Luc. hist. conscr. 5. Das Richtscheit 
als solches und in seiner Verwendung als Maßstab legt man an. 

10) Aristoph. ran. 799 xavovas kgoioovoi xal Tttfxeis eiicov. Luc. hist. conscr. 5 ge- 
braucht abwechselnd xavcov und 7ztj%vs cf C. 39 7tr)%vs eis xal fierpov dxoißes. 2 Kr 10, 13 
rb [ibtqov rov xavovos. Aristot. Eth. Nicom. III, 16 und Methodius ed. Bonwetsch 
p. 347, 22 xavcov xal /ueroov. Dahin gehört auch die Zusammenstellung von xavcov und 
yvcopcov (= ycovia, norma, Winkelmaß) Luc. Hermot. 76; Harmonid. 3. — Aristophanes 
Thesmoph. 821 ff. vergleicht die Lanze der Männer mit dem xavcov der Spinnerinnen 
oder Weberinnen, wie den Schild derselben mit dem Sonnenschirm der Frauen. — Da, 
wie der xavcov, auch die Richtschnur (o%oTvos, linea, auch griech. favirj cf Blümner 
III. 91 f. Note 2 cf II, 232 f.) und das Lotblei (ardd'fir/ 1 perpendiculum) dem Bau- 
handwerker dazu dient, in horizontaler bezw. vertikaler Richtung die gerade Linie 
innezuhalten, so berührt sich der Begriff des xavcov nahe mit diesen beiden. Zumal bei 
bildlichem Gebrauch kann daher die Zusammenstellung von xavcov und otad'firi, Richt- 
scheit und Richtschnur nicht befremden Xenoph. Agesil. 10, 2; Luc. Hermot. 18; hist. 
conscrib. 63. Aber Verwechselungen dieser Synonyma sind bei ordentlichen Schriftstellern 
schwerlich nachzuweisen. 

11) Hiefür wird fälschlich Aristoph. ran. 799 angeführt (s. vorige A). Auf das 
Bild des Wagens in v. 797 f. (raXdvrcp cna&jueiv und fieiaywyeiv) folgt v. 799 das Bild 
des Messens in bezug auf Geradheit und Länge [xavöves xal 7irj'/eis), sodann v. 800 
das Bild der Ziegel formung und v. 801 werden didfcetgoi xal ofijves genannt, 
Werkzeuge, die bei der Ausführung des Baus zur Anwendung kommen. Das Scholion 
zu xavovas (Schol. in Arist. ed. Dindorf I, 366) : idicos id litdvco rfjs rovrdvrjs ov xal eis 
ioorrjTa avTTjv ayov ist nicht eben deutlich. Das Zünglein selbst (rovrdvrj, trutina, auch 
exameri) heißt xavcov. Clem. homil. 9, 15 Wird dem Abergläubischen, der die Götter- 
bilder für lebendige Wesen hält, gesagt: krcl ^vyov lit 1017)0 avi es avrd, Yaov ovros rov 
xavovos, to dvrioooTtov &7tl Trjs ireoas 7tkdariyyos d'ivTes, dj-icooara avrd fj olxorega 
yevea&ai rj xovcpoTega, xal ovtcos edv yevrjrai, %v7tvod iariv. 

12) Besonders bei Übertragungen auf das geistige und sittliche Gebiet wird eben- 

1* 



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4 § 1. Begriffliches. 

klärt, daß man in alter Zeit auch hierzu das wegen seiner Geradheit und 
Leichtigkeit dafür geeignete Bohr verwandte 18 ). Jedenfalls beruhen die meisten 
oder sämtlichen Übertragungen nicht auf dieser zweiten, sondern auf der ersten 
technischen Bedeutung: Richtscheit, Lineal. 2. Von den Übertragungen, 
welche auf Vergleichung beruhen, in der weiteren Entwicklung aber teilweise 
zu technischem Gebrauch sich verfestigen, sind die wichtigsten folgende : 1) Mit 
dem Richtscheit verglichen werden die geschriebenen Gesetze als Maßstab der 
Beurteilung von Recht und Unrecht, sowie als Richtschnur des Verhaltens 14 ). 
Ganz auf gleicher Linie liegt es, wenn in der alten Kirche zwar nicht häufig, 
aber doch gelegentlich das Evangelium oder die Worte Jesu oder die hl. Schriften 
als ein Kanon bezeichnet werden 16 ). Mit einem Richtscheit verglichen wird 
2) auch der musterhafte Mensch 16 ). Daher konnte der Bildhauer Polyklet um 400 
v. Chr. sowohl die Statue, in welcher er die Normalgestalt des Menschen dar- 
zustellen versuchte, xavtiv nennen, als auch der Schrift, in welcher er diese Statue 
erläutert und die daran zu beobachtenden Regeln entwickelt hat, dasselbe Wort 
zum Titel geben 17 ).' Als Buchtitel hat das Wort schon früher Demokrit und 



sowohl die Vergleichbarkeit als die Verschiedenheit des Verfahrens. bei der Bestimmung 
des Gewichts und der Geradheit deutlich. Of Epict. diss. I, 28, 28 — 30: dem xptvai 
ßd^rj entspricht der ^vyos, dem xpivat, rd ev&ia xal orgeßXd der xdvcov oder auch II, 
11, 13 die ard&fiTj. Cf auch II, 11, 15 f. und § 20, wo es von der rjdovij heißt: vnaye 
avrrp tcg xavovt, ßdXe eis tov gvyov. Diese deutliche Unterscheidung und alles bisher im 
Text und in den Anmerkungen Gesagte widerlegt die Meinung von Lagarde (Reliqu. 
jur. eccl. graece p. VI), daß trutinae examen (d. h. trutina = examen) die Grund- 
bedeutung von xavcov und die Wurzel der meisten Übertragungen sei. 

13) Vgl. Hehn a. a. 0. S. 298. 579; Schrader, Forsch, zur Handelsgesch. I, 156. 

14) Aeschines c. Ctesiph. 66 oben A 4. Clem. ström. I, 167 o&ev 6 vo/tios et- 
xorcos e%Qrjrcu 8id Mcovoicos Se86o$ai (Jo 1, 17), xavcov rvyxdvcov Sixaicov re xal dSixcov. 

15) Clem. ström. IV, 15 (nach Anführung von Worten Jesu) /uaxdpios ovrooi, ov rrjv 
dnXfjv Ificpaivcov /uaprvpiav, dXXd rrjv yvcoazixrjv, cos xard rov xavöva rov evayyeXiov TtoXi- 
revadfievos 8id rijs tiqos %6v kvqwv dyaTtrjs. Von den Gnostikern, welche Worte Jesu anfuhren 
und mißdeuten, ström. III, 66 ol itdvra /udXXov rj rc$ xard ttjv dXrj&eiav evayyeXixcp oxoiyrioavxes 
xavovi. — Tertull. c. Marc. III, 17 sagt von der Vergleichung der Geschichte Christi mit 
der Weissagung des AT's: oportet actum eius ad scripturarum regulam recognosi (cf 
c. 17 in. reliquum ordinem eius cum scripturis conferamus). — Ptolem. Valent. epist. ad 
Floram bei Epiph. haer. 33, 7 fordert ein xavoviaai itdvrag rovs Xoyovs rfj rov ocovr\Qos 
fjficov SiSaaxaXiq (cf § 3 rcov ^rj&rjaouevcov rjfiTv rag dnoSeil-eis ix rcov rov acorrJQOS 
rjficov Xoycov Ttagicncovres). 

16) Xenoph. Agesil. 10, 2; Plut., quomodo adol. poetas audire debeat 8 p. 25 E 
xavoves d^erijs ditdar^s xal o^&ottjtos. Epict. diss. III, 4, 5 xavcov xal 7raod8eiy/ua iols äXXois. 
Luc. Scytha 7 sagt von Solon ovros aoi 6 kXXrjvixds xavcov, rovro Selyfia ttjs tpilooocpias 
rrjs drnxijs. Auch Conviv. 7. Ahnlich Clem. ström. I, 167 Mcovafjs öe avveXovri ehtelv 
r6/uoe %fi\pvxos rjv. Cicero ad famil. 16, 17 tu, qui xavcov esse meorum scriptorum soles. 

17) Plin. h. nat. 34, 19, 55 nur von der Statue ; von dieser und von dem so betitelten 
Buch Galen, de Hippocr. et Plat. dogm. V, 3 (opp. ed. Kühn V, 449). Cf Luc. de saltatione 
75; de morte Peregr. 9. Das mit xavcov stammverwandte xdvaßos (xdwaßos) heißt Modell. 



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§ 1. Begriffliches. 5 

später Epikur 18 ) gebraucht. Es wird zum technischen, keiner Näherbestimmung 
bedürftigen Namen 3) für die in Sätzen ausgedrückte Regel sowohl 
der Philosophen als der Grammatiker, insbesondre für die ethischen Regeln 19 ). 
In der Kirche bezeichnet von der Mitte des 2. Jahrhunderts an 6 xaviüv 
tffi ülrid'eiag, 6 x. rfjg nitneiog, regula veritatis, r. fidei das formulirte 
Bekenntnis des christlichen Glaubens, insbesondere das Taufsymbol, 
dann auch in erweitertem Sinn den Inbegriff der in der Kirche allgemein an- 
erkannten Glaubenslehren 20 ). Diese weitere Bedeutung eignet noch mehr dem 
fast nur bei den Griechen eben hiefür üblichen Begriff ö btyiXr]Oia<JTi7tbg xa- 
vcbv oder ö xavwv Tfjg kxTcXrjalag. Während in der Verbindung 6 x. tfjg &Xr]- 
d'eiag und ifjg Ttiozetog ursprünglich der im Taufbekenntnis formulirte Glaube 
und die in demselben kurz zusammengefaßte Offenbarungswahrheit selbst als das 
Richtscheit vorgestellt wurde, wonach alles Lehren und Leben normirt und be- 
urteilt werden soll, und erst allmählich die Vorstellung sich entwickelt, daß 
dieser Kanon oder Gott und Christus durch denselben vorschreibe, was man zu 
glauben und für Wahrheit zu halten habe, liegt im Begriff des „kirchlichen 
Kanons u oder des „Kanons der Kirche u unmittelbar die Vorstellung, daß die 
Kirche ihrerseits einen Inbegriff von festen Lehrsätzen und Lebensregeln auf- 
gestellt habe und ihren Gliedern diesen als eine Norm des Glaubens, Lehrens, 
Lebens und Urteilens mitteile. Dem entsprechend heißt 4) xavcbv jede einzelne, 
von einer wirklichen oder fingirten kirchlichen Auktorität, insbesondere von den 
Synoden aufgestellte kirchliche Satzung 21 ). Weiter entfernt von der Ur- 
bedeutung hat sich der Gebrauch von xavcov 5) im Sinn von regelmäßiger 
(jährlicher) Naturallieferung und überhaupt Abgabe im politischen wie 
im kirchlichen Leben. Die Satzung, welche bestimmt, was eine Provinz oder 
ein einzelnes Grundstück abzuliefern hat, der gesetzlich bestimmte Ansatz für 



18) Sein grundlegendes Werk negl x^ir^iov fj xavcov, Epict. II, 23, 21 to nepl 
xavovog, Cicero nat. deor. I, 16, 43 de regula et judicio; Seneca epist. 89, 11 de judicio 
et regula, 

19) Epict, diss. I, 28, 28 {U&cofiev ini rove xavovae) — 30; II, 11, 13—25; III, 13^ 
14 f.; Lucian. Halieus 30. Noch nicht technisch, aber lehrreich der Gebrauch des Verbs 
bei Arist. Eth. Nicomach. II, 2 p. 1105 xavovi^o/uev $e rag npdgeig . . . rßovfi xal Xvni]. 

20) Cf meinen Artikel „Glaubensregel- 4 in Prot. REncykl. VI 8 , 682—688. Haupt- 
stellen: Iren. I, 9, 4; 22, 1; III, 2, 1; Polykrates bei Eus. V, 24, 6; Clemens ström. 
IV, 3. 100; VI, 124. 125. 131. 165; VII, 41. 90. 94 (auch Titel einer Schrift des 
Clemens x. ixxArjoiaoTixdg fj itgos rovg fovdat&vrag cf Forsch III, 35 ff.) ; Tert. apol. 47 ; 
praescr. 12. 13. 14. 26; virg. vel. 1; Prax. 3; Aronym. c. Artemon. bei Eus. V, 28, 13; 
Hippol. refut. X, 5; Orig. princ. I praef., IV, 1, 9; Novat. trin. 1. 9. 25. 

21) Diese Bedeutung überall, wo in der Mehrzahl von xavoves t^g ixxXijaias die 
Hede ist, wie Eus. h. e. II, 17, 1, aber auch sonst, wo der Zusammenhang ergibt, daß 
eine einzelne Satzung gemeint ist, wie bei Dionysius Alex. (Eus. h. e. VII, 7, 4) rovrov 
eycö tov xavova xal tov rvnov naga rov fiaxapiov nana rificov *H(>axXa naQeXaßov. 



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6 gl. Begriffliebes. 

die Lieferung leiht seinen Namen dem zu liefernden oder gelieferten Quantum 22 ). 
Nicht so einfach zu erklären ist der unfragliche und ziemlich häufige Gebrauch 
von xavebv 6) im Sinn von Liste, Verzeichnis, Tabelle. Die xavoveg 
tiqÖXMQOI des Claudius Ptolemäus um 150 n. Chr. waren astronomische „Hand- 
tafeln", und der dazu gehörige xaviov ßaoikkov oder ßaoikeiajv war nichts an- 
deres als eine Liste nackter Königsnamen 23 ). Die 10 xavöveg, welche Eusebius 
seiner Ausgabe der Evv voranstellte, waren nicht etwa Regeln oder Grund- 
sätze, sondern systematisch geordnete, aus dürren Ziffern bestehende Stellen- 
register. Die Methode, nach der sie ' ausgearbeitet, und die Regeln, nach denen 
sie zu benutzen waren, hat Eusebius nicht in diesen navoveg, sondern in dem 
ihnen vorausgeschickten Brief an Karpianus entwickelt 24 ). Ebenso verhält es 
sich mit den Sachregistern zu den Paulusbriefen und zu anderen Schriften, 
welche die Lateiner eanones nannten 25 ). Indem Eusebius den zweiten Teil 
seiner Chronik xqovmoI navöveg oder %qovmov xavövog avvta^tg nannte 20 ), ge- 
brauchte er eine seit lange herkömmliche Bezeichnung chronologischer Tabellen 27 ). 
Wenn dieser Sprachgebrauch überhaupt aus der Bedeutung „Richtscheit" abzu- 
leiten ist, so war diese Herkunft in christlicher Zeit jedenfalls völlig aus dem 
Bewußtsein geschwunden. Auch der Gebrauch von xavebv 7) im Sinn von 
xkfjQog geht auf die Bedeutung „Register, Katalog" zurück. Ol iv %fy xccvövi 
oder auch iv t$ vhJQQ i^eva^opLevoL (C. Nicaen. 16. 17. 19) sind die Personen, 
welche durch den kirchlichen Census (griech. e^haoig) in eine Liste, nämlich 
in die Liste der Kirchendiener eingetragen sind und in derselben geführt werden, 
im Gegensatz zu der unterschiedslosen Masse der Laien (C. Nie. 19 iv xolg 
Xa'txolg l^erväCeGd'ai cf. Conc. Quinisext. can. 5 iv leQatiKip Y.a%ak6y(^ = iv 
xctvövi). Die in dieser Liste eingetragenen Personen sind ol xavovwoi, zu 
welchen nach Cyrillus procat. 4 auch die als besonderer Stand anerkannten As- 
keten, die Witwen usw. gehören; ebenso die kirchlich angestellten, geschulten 
und nach Noten singenden Sänger (c. Laod. 15 ipalral xavovtxol). Der Name 



22) Cf in Kürze den Artikel canon fmmentarim, auch annona in Pauly-Wissowa's 
REnc. Von Abgaben der Bauern an die Kirche Marci vita Porphyrii c. 22, 41. ed. 
Bonn. (1895) p. 20. 36; Äthan, apol. c. Arianos 60 Montfaucon I, 178. Eine ähnliche 
Metonymie ist uns geläufig bei vielen Hohl- und Längenmaßen: 2 Maß Bier, 3 Ellen 
Tuch, 1 Glas Wein im Unterschied von Weinglas. 

23) Ed. Halma II, 3 ff. cf Ideler, Handbuch der Chronol. I, 109. 

24) Abgedruckt z. B. bei Tischendorf-Gregory, Prolegg. p. 145 ff. cf meinen Ar- 
tikel „Evangelienharmonie" Prot. REncykl. V, 8 654. 

25) Priscillianus ed. Schepss p. 107—147. Cf Hilar. Pictav. ed. Bened. p. 602 ; 
August, de civit. ed. Hoffmann p. XI. XLI. 

26) Ed. Schoene II, 4; ecl. proph. ed. Gaisford p. 1; Hieron. v. ill. 81 cf v. ill.61 
über Hippolytus. 

27) Plutarch, Solon c. 27 xpovixois not leyofiivois xavöoi, cf Dionys. Hai. ant. I, 
78 über den Historiker Timaeus in bezug auf eine unglaubliche chronologische Angabe : 
ovx olö° ot(o xavovt /gcofievos. 



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§ 1. Begriffliches. 7 

der Liste, in welche alle solche Personen eingetragen waren, wurde sehr bald, 
wie das bei ähnlichen Worten so oft geschehen ist, auf die darin aufgeführten 
Personen, auf den betreffenden Stand im konkreten Sinn übertragen 28 ). Es 
würde hier 8) der von den Gelehrten vielgenannte „Kanon der 10 attischen 
Redner" zu nennen sein, wenn dieser Name antik wäre. Die auf uns ge- 
kommenen Verzeichnisse dieses und verwandten Inhalts enthalten das Wort 
yiavcbv gar nicht, sondern statt dessen etwa niva^ 29 ). Wenn bei Quintilian 
(inst. I, 4, 3; X, 1,54) ordo Übersetzung von kccvwv sein sollte, wie zuweilen 
in der lat. Kirchensprache, so doch nicht im Sinne von „Maßstab, Regel", 
sondern wie auch das daneben gebrauchte numerus zeigt, im Sinne von Reihe, 
Liste. Der bei den Philologen übliche Ausdruck canon X oratorum ist eine 
moderne Imitation des theologischen Sprachgebrauchs, welche Ruhnken (Opusc. 
v. arg., ed. 2, I, 386) durch seine vorsichtigen Worte: Itaquc ex magna ora- 
torum copia tarn quam in canon em decem duntaxat retulerunt veranlaßt, aber 
nicht verschuldet hat. — Mit mehr Sicherheit ist hier zu nennen 9) der canon 
missae. Es bedürfte aber einer eindringenden Untersuchung, welche hier nicht 
vorgetragen werden kann, um zu beweisen, daß der so benannte Teil der Meß- 
gebete seinen Namen erhalten hat von der Liste der Personen, deren darin ge- 
dacht wird und zwar nicht sowohl der Lebenden und Verstorbenen, für welche 
Fürbitte eingelegt wird, als der Heiligen, auf deren Verdienste und Fürbitte 
Berufung eingelegt wird. Einen Verstorbenen in diesen Kanon d. h. in diese 
Namenliste aufnehmen, heißt ihn kanonisiren 30 ).. 

Der regelmäßige Gebrauch des Wortes in bezug auf die Bibel ist, wie 
gesagt, in der Literatur erst von der Mitte des 4. Jahrhunderts an nachweisbar 31 ). 
Origenes und seine Schüler, auch Eusebius und dessen Altersgenossen scheinen 



28) Can. Antioch. 1. 2. 6. 11. — Eine weitere Übertragung der Vorstellung eines 
Standes der Immatrikulirten auf die Heiligen der Bibel findet maD im Dialog des 
Adamantius (Ausg. der Berl. Ak. 1901) p. 40, 32. 

29) Zuletzt herausgeg. von Kröhnert, Canonesne poetarum, scriptorum, artificum 
per antiquitatem fuerint. Königsberg 1897. Dort p. 8. 11. 15 f. wiederholt niva^. 

30) Zur vorläufigen OrientiruDg genügt ein Paralleldruck der abendländischen 
Messen wie z. B. bei Hammond, Liturgies Eastern and Western p. 326 von Incipit 
canon an , besonders p. 328. 338. 340. Cf auch zwei bei Ducange-Henschel unter canon 
nr. 4 citirte Urkunden und vor allem Dio Cass. 60. 4, 6: die Namen des Caligula und 
des Tiberius stehen nicht Iv rq> xataloyco rwv avroxoaroocov, wv /uvrjprjv Ini re role 
ogxois xal Itu rais ev%ai$ Ttoiov/ue&a. — Eine andere Anknüpfung bot die Vorstellung 
des Klerus als eines Standes der Immatrikulirten und von der Masse der Gläubigen 
Eximirten, s. oben A 28. 

31) Die gelegentliche, aber seltene Beurteilung und Benennung der Bibel oder 
einzelner Teile derselben als eines xavcov bei den Älteren (oben S. 4 A 15) hat keine 
technische Terminologie begründet. Jene begegnet uns vereinzelt noch um 400 bei 
den Griechen, die doch niemals die Bibel selbst „den Kanon" schlechthin zu nennen 
sich gewöhnt haben. Isid. Peius, epist. IV, 114 tov xavova rrje älrj&eias, ras d'eiag 
frjfu yoacpde. Ahnlich Macar. Magn. apocr. IV, 10 top xavova ttjs xaivtje Sia&rjxr]£. 



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8 § 1. Begriffliches. 

ihn noch gar nicht zu kennen. Dagegen sagt Athanasius vom Hirten des 
Hermas: fiij Sv in rov ytavövog**). In seinem Osterbrief von 367 bezeichnet 
er die von den Aposteln den Vorfahren übergebenen und in der Kirche als 
göttlich geglaubten Schriften dreimal als xavoritöfieva im Gegensatz zu den 
&7t6xQV(pa und im Unterschied von einer dritten Klasse, den &vctyivtoox4(A€va 
(GK II, 210 ff. Z. 17. 60. 65). In dem bald nach dem Tode des Athanasius 
verfaßten Vorbericht zu seinen Festbriefen heißt es nach der syrischen Version 
zum J. 367: „in diesem Jahre schrieb er einen Kanon betreffs der hl. Schriften 
machend" 38 ). Um 350 überträgt der syrische Übersetzer der Kirehengeschichto 
des Eusebius (III, 25, 6) yQacpctg oi% hdiad-rjytovg durch „diejenigen, welche 
nicht im Kanon der Kirche gesetzt sind* 4 . Der Zeit um 360 gehört, abge- 
sehen von dem später hinzugefügten Schriftenverzeichnis, der Can. 59 Laod. an, 
in welchem %a xavovixct %f\g xaivfjg °xai nalaiag dia&rjxrjg (sc. ßißkia) im 
Gegensatz zu xa axavovioxa ßißXia stehen (GK II, 202). Amphilochius be- 
schließt seinen Katalog der hl. Schriften: olrtog &ipevö4axaTog xavtov &v eXr] 
%(hv &€07tvevOT(jüV YQacpwv (GK II, 219). Nicht so häufig, als man zu meinen 
scheint, ist diese Gruppe von Wörtern von den Griechen so auf die Bibel an- 
gewandt worden. Man bevorzugte die vor 350 üblichen Ausdrucksweisen oder 
ließ sie doch mit jenen abwechseln. Ein Zeitgenosse des Chrysostomus (Chrys. 
ed. Montf. VI, 430) sagt von den joh. Briefen: %(hv öh ixycXrjGia^oiiUvwv, ov 
tüjv &7toxQV(p(ov [A€V fj 7tQd>TY] irtiOTolrj, Tr\v yaq devxiqav xccl tqIttjv Ol 7UXZiQBg 
&7tOY.avovi£ovoiv. Leontius' um 530 (de sectis act. II, 1, 4) gebraucht xa 
iyMXrjoiaoTixa ßißlla = tä Kavovi^öjAeva ßißkia Iv tjj IxxXrjoia. Die 
Stichometrie bei Nicephorus (GK II, 297. 299 f.) deiai ygacpal InxlrjOia^ousvai 
mal x6xavovi<J[.i4vai mit dem doppelten Gegensatz oaai AvTikiyovTai xal ovx 
£Mt).r]Oid£ovTai und &7t6xQV(pa. — Die hl. Schriften verdanken ihre Zugehörig- 
keit zum kccv(üv einer auf sie gerichteten menschlichen Tätigkeit, welche 
xavovi&iv (opp. ä7toxavovi£eiv) heißt 34 ). Als zum Kanon gehörige Schriften 
sind sie xavovutd, xavovi^oiteva, xeKavoviaf.iiva (opp. axccvoviora, a7t6xQvcpa xtL). 
Hiernach kann der Sinn von xavtibv und seinen Derivaten in der Anwendung 
auf die Bibel nicht zweifelhaft sein. Es ist dabei nicht an die Grundbedeutung 
„Richtscheit, Lineal, Maßstab, Norm" zu denken und bei der Entstehung des 



32) Decr. syn. Nie. 18 Montf aueon I, 223, bald nach 350 geschrieben. 

33) Festal letters of Äthan, ed. Cureton, 2. Teil S. 1. Ebendort S. 52 in der 
Überschrift eines Excerpts aus diesem Brief wird dessen Inhalt mit den Worten ange- 
geben: „in welchem er in kanonischer Weise (xavovtxcSg) bestimmt, daß dieses die gött- 
lichen Schriften sind, welche die Kirche reeipirt". 

34) Cf Theodoret (prol. in cant. opp. ed. Schulze II, 3) im Gegensatz zu Theodors 
Verwerfung des Hohen Liedes: ol /uaxdoioi Tiari^se ol tovto t s ßißXiov raze &elai9 
ygacpals ovvr eia%6Te e xal are drj Ttvevfiartxov, xavovioavrss re avro xal ixxXijoia 
ngeTteiv aTcoyrjvdiievoi. Kosmas (Montfaucon , Coli, nova II , 92) von den Vätern, 
welche Verzeichnisse der biblischen Bücher aufgestellt haben: Tzdvres ol xavovioavres 
ras ivSia&irovg ßißXovs. 



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§ 1. Begriffliches. 9 

Sprachgebrauchs nicht daran gedacht worden ; denn die für göttlich und heilig 
geachteten Schriften können nicht an einem außer ihnen liegenden Maßstab 
von Menschen gemessen, darnach eingerichtet oder irgendwie gemaßregelt werden, 
können also nicht Objekt eines von xavwv in diesem Sinn abgeleiteten Y.<xvovl£eiv 
werden oder je gewesen sein. Eben deshalb kann aber auch xav&v in solcher 
Anwendung nicht die Bibel selbst bezeichnen, sofern sie als Richtscheit und 
Kegel dient, woran Anderes gemessen und wonach Anderes normirt wird. 

Wenn Amphilochius im Bückblick auf die voranstellende Liste der hl. 
Schriften sagt: „Dies dürfte ein möglichst trugloser Kanon der inspirirten 
Schriften sein", so kann er damit natürlich nicht die aufgezählten Schriften 
selbst meinen, welchen als inspirirten eine keiner Steigerung oder Herabminderung 
fähige Truglosigkeit zukommt, sondern nur das von ihm selbst mit möglichster 
Sorgfalt und Treue aufgestellte Verzeichnis derselben im Gegensatz zu minder 
genauen oder redlichen Verzeichnissen der hl. Schriften. Es ist also Y.avd)v 9 
entsprechend einem weit verzweigten allgemeinen Sprachgebrauch (oben S. 6 f.), 
von der Mitte des 4. Jahrhunderts an im Sinne von KaTdXoyog auf die Liste 
der als hl. Schriften in der Kirche anerkannten Bücher angewandt worden 36 ). 
Und dabei haben es die Griechen bewenden lassen. Sie haben weder die Bibel 
selbst den Kanon genannt, noch der Vorstellung, daß die Bibel die maßgebende 
Auktorität sei, einen Einfluß auf ihren Gebrauch von xavcbv, xavovMOQ, navoviteiv, 
xavovi^6f.i€vog eingeräumt. Nur in ganz anderer Richtung hat bei Griechen und 
Syrern eine Verschiebung des Begriffs stattgefunden. Da die mehr oder weniger 
amtliche Aufstellung eines Katalogs der hl. Schriften eo ipso auch Aufstellung 
eines xavcov im Sinne einer kirchlichen Satzung und Regel ist, so mischte sich 
dieser Begriff ein. Dies zeigt sich vielleicht schon in der syrischen Übersetzung 
des Vorberichts zu den Festbriefen des Athanasius 86 ), deutlicher darin, daß die 
Späteren den Begriff der Kanonicität durch K€xavovia/ii^va ausdrücken 87 ), was die 
ein für allemal erfolgte Aufnahme der Schriften in die Sammlung der hl. Schriften, 
ihre „Kanonisirung" im modernen Sinne, bedeutet, während Athanasius, und 
auch die Späteren manchmal neben der jüngeren Ausdrucksweise, dafür xavovi- 
£6p6va gebrauchen, was nur besagt, daß die Bücher im Inventar aufgeführt, in 



35) Eus. h. e. III, 25, 6 im Rückblick auf das voranstehende kritische Verzeichnis 
der hl. Schriften und insbesondere der Antilegomena : dpayxaicos 8k xal tovtcov oficos 
top xardloyov TteTtoiTJjued'a. Vom atl. Kanon des Melito h. e. VI, 26, 12 Ttoielrai xard- 
Xoyov, von demjenigen des Origenes h. e. VI, 25, 1 ex&eoiv TteTtoiqrai rov rcav Ieqojv 
yoafc5v rfjg Ttcdaiäg Siad'rjxrjg xaraXoyov. Rufin übersetzt de8ignat qui sit canon veteris 
testamenti. — Chrysost. de sacerd. IV, 4 rov xaraXoyov tcop d'eicov exßdXXeiv ygatpcor. 
Hieron. praef. in Tob. Vallarsi X, 1. 

36) S. oben S. 7, deutlicher bei dem ebendort A. 33 citirten Excerptor. 

37) Stichom. Niceph. im Titel, Pseudoath. Synopsis GK II, 29. 315. 316 Mitte. 
Leontius de sectis act. III, 1 fiixQi ydo rtop Ttod^ecov tc5p a7toor6Xcop y.exavöncnai 
84%£od'ai rjfiäe. 



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10 § 1. Begriffliches. 

das Register eingetragen werden und einzutragen sind, so oft man ein solches 
aufstellt oder abschreibt. Sehr bezeichnend ist, daß Zonaras im Kommentar zum 
39. Festbrief des Ath. den modernen Ausdruck geradezu dem ursprünglichen 
substituirt (Migne 138 col. 564). Bei den Lateinern, welche diesen Unter- 
schied nicht deutlich durch Partizipien ausdrücken konnten, tritt er doch zu- 
weilen hervor 38 ). Das griech. "Wort hat sofort auch bei den Lateinern Eingang 
gefunden, in Mommsens Kanon um 359—365 (GK II, 1008 Z. 1. 38 libri 
canonici), sehr häufig bei Priscillian (s. Index von Schepss), Philaster haer. 88, 
Rufinus expos. symb. 38, der das "Wort als Übersetzer des Origenes und des 
Eusebius sehr oft einträgt; bei Augustin, der noch ein Bewußtsein davon hat, 
daß dies ein moderner Sprachgebrauch sei (epist. 82, 3 solis eis scripturarum 
libris, qui jam canonici appellantur) u. s. w. Sofort aber bemerkt man den 
großen Unterschied , daß diese Lateiner die Bibel selbst canon nennen "). 
Sehr bezeichnend ist für die Veränderung des Begriffs die gelegentlich vor- 
kommende Übersetzung reguiaris (Orig. lat. in Mt. § 117 = canoixatus § 28 
= canonicus § 46). Indem die ursprüngliche Bedeutung von xavcov = regula 
bei den Lateinern wieder lebendig wurde, verknüpfte sich mit dem von den 
Griechen in sehr anderem und äusserlichem Sinne auf die Bibelverzeichnisse an- 
gewandten "Wort der Gedanke, daß die hl. Schrift die oberste, in Sachen des 
Glaubens maßgebende Auktorität sei. Dieser Gedanke hat der Kirche niemals 
ganz gefehlt; er ist auch den Griechen nicht abhanden gekommen (oben S. 7 
A 31). Es war aber doch etwas Neues, daß die Lateiner den eben erst bei 



38) Cf einerseits Ambros.(?) explan, symboli bei Caspari, Quell, zur Gesch. des Taufs. 
II, 56 apocalypsis Johannis, qui libellus canonizatur, andererseits Pseudochrys. op. 
imperf. in Mt. 2, 23 (M.ontf. VI p. XXXIV) alios prophetas, qui non sunt nobis canonizati. 

39) So deutlich bei Priscillian: in canone p. 46, 1; 48, 7; 50, 2. 11; 52, 14—17; 
53, 5; 55, 19; 56, 20 = in libris canonis p. 50, 18 = in libris canonicis p. 55, 13 = 
inter profetas dispositi canonis p. 46, 2; extra canonem p. 44, 11 = extra canonicorum 
librorum numerum p. 51, 23. — Hieronymus, dem natürlich der Sprachgebrauch seiner 
griechischen Zeitgenossen geläufig war, schreibt doch gelegentlich epist. 71, 5 canonem 
Hebraicae veritatis . . . pueris tuis et notariis dedi describendum und versteht darunter 
nicht etwa ein Verzeichnis der bei den Juden als heilige Schriften anerkannten Bücher, 
sondern den ganzen Text des von ihm aus dem Hebräischen übersetzten AT's. — August, 
doctr. christ. II, 8, 3 leitet seine Aufzählung der biblischen Bücher mit den Worten ein: 
totus auteni canon scripturarum . . . his libris continetur. Cf Speculum c. 24 (ed.Weihrich 
p. 154): caput in canone testamenti novi notissima et praeclarissima quattuor evangelia 
tenuerunt. C. Crescon. II, 31, 39: neque enim sine causa tarn salubri vigilantia canon 
ecclesiasticus constitutus est, ad quem certi prophetarum et apostolorum libri pertineant, 
quos omnino judicare non audeamus, et seeundum quos de ceteris litter is vel fidelium vel 
infidelium libere judicemus. Proinde cum apostolus, cuius epistolae in auetoritate canonica 
vigent etc. — Specul. praef. p. 1 in scripturis sanetis, id est legithnis, propheticis et 
evangelicis et apostolicis, auetoritate canonica praeditis. Augustins Begriff vom Kanon 
charakterisirt der unendlich oft von ihm gebrauchte Ausdruck auetoritas canonica, cf 
noch de civit. XV, 23, 4; XVII, 20, 1. 



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§ 1. Begriffliches^ H 

den Griechen aufgekommenen Namen für die Liste der biblischen Bücher, xavwv, 
als einen regelmäßigen Namen auf die Bibel selbst als eine abgeschlossene 
Sammlung und die maßgebende Autorität übertrugen. Dadurch erst ist der 
uns geläufige Begriff geschaffen worden, welcher der griech. Kirche stets fremd 
geblieben ist. 

Die Vorstellung einer abgeschlossenen Sammlung von Offen- 
barungsurkunden ist früher durch (naXaid und naivfy dia&rjKY] ausgedrückt 
worden, und die Zugehörigkeit zu dieser seit Origenes durch ivdiddrpiog (de 
orat. 14,4; sei. in Psalm. Delarue II, 528), häufig bei Eusebius (h. e. III, 3, 
1. 3; 9, 5; 25, 6; V, 8, 1; VI, 14, 1), wofür Epiphanius (de mens. 3. 4. 10) 
und manche Spätere (GK II, 971) ivdid&etog gebrauchen. Die Übertragung 
des Begriffs diad-rjxi] von der göttlichen Offenbarung und Stiftung auf das Buch 
oder die Bücher, worin sie den nachgeborenen Geschlechtern vorliegt, schon im 
AT vorgebildet (Ex 24, 7; Dt 9, 9), von Paulus vollzogen (2 Kr 3, 14), ist doch 
erst ziemlich spät in der Kirche üblich geworden, zumal in bezug auf das NT. 
Sie findet sich noch nicht bei Irenäus, auch noch nicht deutlich bei dem Anti- 
montanisten von 194 (bei Eus. h. e. V, 16, 3 t<J) %f$ %ov evayyeUov xaivfjg 
öia&rjxrjQ Xöytt)), dagegen mehrmals bei Clemens und in der doppelten Über- 
setzung testamentum und instrumentum bei Tertullian, aber selbst bei Origenes 
noch gelegentlich mit einem Ausdruck der Entschuldigung wegen der Ungenauig- 
keit dieses kirchlichen Sprachgebrauches (GK I, 103 — 113). Man begnügte 
sich früher und vielfach auch noch in der späteren Zeit mit unbestimmten Aus- 
drücken, wie al ygacpal (seltener f] yQacprj für das Ganze) mit und ohne die 
Zusätze Syiai, legal, xtelai, xvQiaxai, oder mit volkstümlich ungenauen Be- 
zeichnungen der Hauptteile, wie „Gesetz und Evangelium", „Propheten und 
Apostel". Im Verkehr mit Andersgläubigen nannte man dieselben Schriften 
auch „unsere Schriften", „unsere Literatur" (GK I, 86). Als solche galt aber 
natürlich nicht alles , was Christen geschrieben hatten oder gar was Christen 
lasen, sondern die der christlichen Gemeinde als solcher gehörige und ihr im 
Unterschied von anderen Kreisen eigentümliche Literatur. So meinte es der 
Gnostiker Valentin (Clem. ström. VI, 52), wenn er %a yeyQa^iiva iv ttj 
ixxlrjoiq tou d-eov in Gegensatz zu %a yeyQafii^ieva iv xalg drjf.tooiaig ßlßloig 
stellte (GK II, 953 ff.). So die Aloger, wenn sie erklärten, die Schriften des 
Johannes seien „nicht wert, in der Kirche zu sein". So Origenes, wenn er die 
in der Kirche als heilige Schriften geltenden Bücher oft %a cpsgöfieva iv Talg 
ixxhrjoiaig oder iv rcdoj] ixxXrjolq zu nennen pflegt (epist. ad. Arist. 1. 2. 4. 
11; in Matth, tom. XIV, 21 [falsche LA iv tj) hxl.]; c. Cels. V, 54). Die 
Voraussetzung der Betrachtung gewi8ser Schriften als einer besonderen Klasse 
sowohl heiliger wie der christlichen Kirche gehöriger Schriften bildet der kirch- 
liche, genauer der gottesdienstliche Gebrauch. Die Kirche als solche 
besitzt nur diejenigen Schriften, und in der Kirche in vollem Sinne befinden sich 
nur diejenigen, welche im Gottesdienst gelesen und der Erbauung und Belehrung 



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12 § 1. Begriffliches. 

der Gemeinden zu Grunde gelegt werden. Cf Can. Mur. 1. 66 sagt von ge- 
fälschten Briefen des Paulus und anderen Pseudepigraphen : quae in ecclesiam 
catholicam recipi non potest , 1. 68 f. epistola Judae et . . . in catholica (sc. 
ecclesia) habentur, 1. 72 von einer Schrift des Petrus quam quidam ex nostris 
legi in ecclesia nolunt, 1. 77 f. vom Hirten se publicare . . . in ecclesia populo 
neque inter prophetas completos numero neqiie inter apostolos in finem temporum 
potest Die regelmäßige gottesdienstliche Lesung, welche bei Origenes, Eusebius 
u. a. häufig dtjiiooievsodm (seltener örj^isvea&ai) ev exxlrjoicug heißt (GK I, 
128. 131; II, 111 — 114) war das wesentliche Merkmal der als heilige Schriften 
zu betrachtenden Bücher. Die Rezeption eines Buchs in die Kirche ist allemal 
eine Rezeption in den Kreis der gottesdienstlichen Lesebücher und damit der 
hl. Schriften (Orig. prol. in cant. Delar. III, 36 legenda suscipere). Dies be- 
stätigt der ursprüngliche Gebrauch von dvtöxQvcpog im Gegensatz zu ivdidd'rjKOQ 
und seinen älteren und jüngeren Äquivalenten. Dieser von den Juden über- 
nommene Begriff (hebr. rtf-l, griech. zuweilen auch &itÖQQrjTog Orig. ad. Afr. 12, 
oppos. QTjrög z. B. Epiph. de mens. 3, 11; 4, 14; lat. libri secreti, oppos. 
manifesti, vulgati , publici) bezeichnet ursprünglich nur den Ausschluß eines 
Buchs von der gottesdienstlichen Lesung, ohne daß damit ein abschätziges Urteil 
über den Ursprung oder den religiösen Charakter des Buchs ausgesprochen 
wäre 40 ). Diesen namentlich bei Origenes noch ganz rein erhaltenen Begriff 
darf man sich dadurch nicht verdunkeln lassen, daß schon vor Origenes ein 
Irenäus oder Tertullian über einzelne apokryphe Schriften, hauptsächlich wegen 
des mit denselben getriebenen Mißbrauchs, ungünstig geurteilt haben. Einem 
Tertullian ist der Hirt eben damit apokryph, daß er von katholischen wie mon- 
tanistischen Versammlungen unwert geachtet worden ist, „in die göttliche Ur- 
kunde eingetragen zu werden" (pud. 10. 20). Der durch den Gegensatz des 
Apokryphen ausgedrückte Begriff entbehrt freilich der vollen Bestimmtheit; denn 
erstens waren die Bücher, welche zur Lesung im Gottesdienst zugelassen 
wurden, nicht in der ganzen Christenheit, die seit dem Anfang des 2. Jahr- 
hunderts sich „die katholische Kirche" nannte 41 ), schlechthin dieselben. Ins- 
besondere in bezug auf das NT bestanden bis über das 4. Jahrhundert hinaus 
bedeutende Unterschiede zwischen den verschiedenen Ländern. Zweitens 
schwankte innerhalb der einzelnen Orts- und Provinzialkirchen zeitweilig und bis 
in spätere Zeiten das Urteil # über Aufnahme oder Ausschluß mehr als einer 
Schrift. Drittens ermangelte der Begriff der regelmäßigen gottesdienstlichen 
Lesung selbst der völligen Bestimmtheit. Es wurden kirchliche Sendschreiben, 
wie der erste Clemensbrief und ein Brief des römischen Bischofs Soter in 
Korinth mehr als einmal am Sonntag der versammelten Gemeinde vorgelesen 42 ); 



40) Dan 12, 4. 9; 4 Esra 12, 36—38; 14, 18-48 cf. GK I, 123-142; II, 325. 

41) Ign. Smyrn. 8, 2; mart. Polyc. inscr. 

42) Dionysius von Korinth um 160 bei Eus. h. e. IV, 23, 11. 



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§ 1. Begriffliches. 13 

ebenso an vielen Orten die Berichte über die Leiden nnd Siege der Märtyrer 
an ihren Todestagen u. dgl. Auch unter den aus der Apostelzeit vererbten 
Schriften müssen je nach ihrer Zweckmäßigkeit für die Erbauung Unterschiede 
in bezug auf die Häufigkeit oder Regelmäßigkeit ihres gottesdienstlichen Gebrauchs 
bestanden haben. Ohne diese Anlässe zur Unsicherheit der Grenzen der Bibel 
gäbe es keine Geschichte des Kanons. Aber trotz aller Unbestimmtheit der 
Begriffe und aller dadurch bedingten Schwankungen und Entwicklungen hat 
man während aller der Jahrhunderte, in welchen der Kanon eine Entwicklungs- 
geschichte gehabt hat, an der Identität des Kreises der kanonischen und des 
Kreises der gottesdienstlichen Lesebücher festgehalten. "Wenn * Augustin die 
Kanonicität der "Weisheit Salomos verteidigt (de praed. sanct. 27 ; GK II, 257), 
und wenn Theodor Mops, die Kanonicität des Hohenliedes bestreitet (Mansi, 
Coli. conc. IX, 227), so gilt beiden als entscheidendes Argument die nach- 
weisliche lectio publica oder deren Gegenteil. Die Versuche, zwischen kanonischen 
Schriften und kirchlichen Lesebüchern zu unterscheiden, blieben ohne nachhaltige 
"Wirkung und hinderten nicht, daß nach wie vor iycxlrjaia^6f.i€Vog (in der Ver- 
sammlung vorgelesen) und eKxhqOMXGTixög bis ins Mittelalter hinein völlig gleich- 
bedeutend mit xavovixÖQ gebraucht wurde. Der Hauptunterschied zwischen der 
Zeit vor und der Zeit nach 330 — 350 besteht darin, daß vor dieser Epoche die 
Frage, welche Schriften als hl. Schriften zu betrachten oder zur diaOrjxrj zu 
rechnen seien, im wesentlichen darnach beantwortet wurde, welche Schriften von 
altersher im Gottesdienst gelesen wurden, und daß hingegen nach dieser Epoche, 
seit man anfing, amtliche Listen der hl. Schriften aufzustellen, um allen Schwankungen 
und Ungleichheiten ein Ende zu machen, gleichzeitig verordnet wurde, daß nur 
diese Schriften zur gottesdienstlichen Lesung zugelassen und als Beweismittel in 
dogmatischen Erörterungen verwendet werden sollen. 

Fragt man aber, worauf die Kirche sowohl vor den kirchenamtlichen 
Satzungen aus der Zeit von 350 an, als bei Aufstellung dieser Satzungen den 
gottesdienstlichen Gebrauch der betreffenden Schriften, auf welchem ihre Schätzung 
als hl. Schrift beruht, zurückführte, so begegnet uns überall die Antwort: diese 
und nur diese Schriften seien der Kirche zu solchem Gebrauch übergeben worden 
z. B. bei Clemens (ström. III, 93 iv voig 7tagaöeÖ0f.i^V0Lg fj/tlv %i%xctqoiV 
eöayyskloig im Gegensatz zum Ägypterev.), Serapion von Antiochien (Eus. h. e. 
VI, 12, 3 von Pseudepigraphen TOiavxa oi 7taQeXdßo(.iev)j Origenes (hom. in 
Luc. GK II, 625; über den Hebr. als kanonisch und paulinisch bei Eus. VI, 
25, 13), Eusebius (h. e. III, 3, 2; 37, 2), Cyrill (catech. IV, 35), Athanasius 
(39. Festbr. GK II, 210), Bufin (expos. symb. 36 f. mehrmals „ecclesiis traditi"). 
Eine geschichtliche Kunde darüber, wer diese Bücher den Gemeinden als hl. 
Schriften übergeben und sie in den gottesdienstlichen Gebrauch eingeführt habe, 
besaß die altkatholische Kirche, soweit unsere Kenntnis ihrer Literatur reicht, 
nicht. "Wenn wirklich im Kanon des Muratori die Kanonisirung der Privat- 
briefe des Paulus durch sanctificatae sunt ausgedrückt ist, so ist der Mangel jeder 



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14 § 1. Begriffliches. 

Andeutung über das Subjekt und die näheren Umstände dieser Handlung ein 
beredtes Zeugnis dafür, daß um 200 eine geschichtliche Erinnerung daran nicht 
mehr vorhanden war. Indem Irenäus voraussetzt, daß die Evangelisten ihre 
Bücher geschrieben haben, um der Gemeinde damit zu dienen, gilt ihm die Ab- 
fassung der Evv selbst als ein trauere des Ev an die Kirche seitens der Apostel 
(I, 27, 2; III, 1, 1 besonders von Marcus cf Eus. h. e. II, 15, 2; Iren. IUj 
11, 9; IV, 34, 1). Als ebenso selbstverständlich galt, daß die Briefe der 
Apostel und die Apokalypse zum Zweck nicht nur einmaliger Lesung und nicht 
nur für die in den Überschriften genannten Einzelgemeinden geschrieben worden 
seien. Von den Schriften des AT's war ohnehin kaum etwas anderes zu denken, 
als daß sie von den Aposteln den von ihnen gestifteten Gemeinden sofort „über- 
geben" und zum fleißigen Gebrauch empfohlen worden seien (cf Just. apol. I, 
49). Es war daher nichts Neues, wenn Athanasius die ganze Feststellung des 
Kanons der beiden Testamente als ein Werk der „Autopten und Diener des 
Worts von Anfang" (Lc 1, 2), also der Apostel betrachtete, welche diese 
Schriften „den Vätern übergeben haben" (GK II, 210). Vorsichtiger hatte 
Origenes von den Männern der Urzeit gesprochen (bei Eus. VI, 25, 12 ol 
&Q%alot ävögeg, was Severianus durch ol Ttalaiol tlov l7tiGxÖ7tcov wiedergibt 
Cramer, Cat. VII, 115) oder von den Vätern, welche die Grenzen der hl. 
Schriften für ewige Zeiten gezogen haben (ad Afric. c. 5) ; Cyrillus von den 
Aposteln und den Bischöfen der Anfangszeit, welche diese und nur diese 
Schriften (den Gemeinden) übergeben haben (catech. IV, 35), und Philaster von 
den Aposteln und ihren Nachfolgern, welche sogar das Verbot erlassen haben 
sollen, andere als die kanonischen Schriften in der katholischen Kirche zu lesen 
(haer. 88). 



§ 2. Das Neue Testament um 170—220. 

Da uns keine Nachrichten über die Entstehung des NT's zu Gebote stehen, 
so sind wir darauf angewiesen, von einem in hellerem Licht stehenden Punkt 
der Entwicklung aus rückwärts schreitend, unter sorgfältiger Berücksichtigung 
der einschlagenden Tatsachen, welche uns auf diesem Wege aufstoßen, dem Ur- 
sprung näher zu kommen. Einen solchen Ausgangspunkt bietet uns die angegebene 
Periode. Schon zu Anfang derselben war der Kampf mit den häretischen 
Richtungen so weit entschieden, daß die Sekte Marcions und die Schulen der 
Gnostiker, unter welchen die des Valentinus die bedeutendste war, von der 
Kirche ausgeschieden waren. Die 156 begonnene montanistische Bewegung war 
noch in vollem Gang und wirkte während dieser Periode anregend nicht sowohl 
auf den Bestand des NT's, als auf die Würdigung seines spezifischen Wertes. 
Die Kirche hatte ein NT, wenn auch diese Bezeichnung erst im Verlauf der 
Periode allgemein üblich wurde. Gerade gegenüber der Behauptung der Mon- 



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§ 2. Das Neue Testament um 170—220. 15 

tanisten, daß mit dem Auftreten der phrygischen Propheten eine neue Epoche 
der Offenbarung eingetreten sei, welche mit der durch Christus und die Apostel 
erfolgten Offenbarung ebenbürtig sei, ja über diese hinausführe und wert sei, 
gleich dieser in schriftlicher Form der Gemeinde als Licht und Recht auf dem 
Wege ihrer weiteren Entwicklung dargeboten und erhalten zu werden, steigerte 
sich in der Kirche das Bewußtsein, daß die Zeit der endgiltigen Offenbarung mit 
dem Tode des letzten Apostels ihr Ende erreicht habe und somit auch der Kreis 
der Offenbarungsurkunden mit den letzten aus der Apostelzeit ererbten und im 
Gemeindegottesdienst gelesenen Schriften abgeschlossen sei (GK II, 4 — 22. 
111 — 117; II, 75; Forsch V, 16 f.). Im Gegensatz zum Montanismus wie zu 
den Häretikern betrachtete man nicht selten Ap 22, 18 f. als den unüberschreit- 
baren Grenzstein der kirchlichen Bibel *). Und doch fehlte viel daran , daß 
die Bibel, insbesondere das NT, damals eine festbegrenzte Größe gewesen wäre. 
Der C. Mur. 6. 79 f. sagt deutlich genug, daß „die Apostel" nicht ebenso wie 
,,die Propheten" in bezug auf die Zahl abgeschlossen seien; er berichtet von 
Meinungsverschiedenheiten, welche unter den Katholiken über eine Schrift unter 
dem Namen des Petrus bestanden, und weist auf Verhandlungen über den Hirten 
hin, wobei es sich fragte, ob er gleich den Propheten und Aposteln zur Lesung 
im Gottesdienst zugelassen werden sollte. Vollends eine Vergleichung des Be- 
standes in den verschiedenen Teilen der Kirche würde noch andere beträchtliche 
Verschiedenheiten ans Licht gezogen haben. Aber trotz des lebhaften Verkehrs 
unter den Kirchen hat man sich damals auf derartige Vergleichungen kaum 
eingelassen. Im Gegensatz zu Marcion und Montanus überwog das Gefühl des 
gemeinsamen, unantastbaren Besitzes der katholischen Kirche an hl. Schriften, 
und selbst der Montanist bezeichnete die kirchliche Bibel beider Testamente im 
Unterschied von den Offenbarungen der neuen Propheten als „communia instru- 
menta scripturarum pristinarum" (Tert. monog. 4). Es gab in der Tat einen 
überall zu findenden eisernen Bestand, in Vergleich mit welchem die mehr oder 
weniger fraglichen Bestandteile der Sammlung wenig ins Gewicht fielen. Bei 
dem folgenden Nachweis im einzelnen wird zunächst abgesehen von der syrischen 
Kirche von Edessa, sowie von der bereits zur Sekte gewordenen judenchristlichen 
Kirche und den übrigen Sekten. 

1. Die 4 Ew. Im Gegensatz zu dem selbstgeschaffenen Ev, welches 
Marcion seiner Gemeinde gegeben hatte, zu dem evangelium vcritatis, welches 
die Valentinianer neben den 4 Evv der Kirche gebrauchten, zu der Verwerfung 
des joh. Ev seitens der Aloger, sowie zu dem ausschließlichen Gebrauch des 
Mt oder des Mr bei anderen Parteien betont Irenäus, daß der Logos, der die 
Welt gebildet, der Kirche das Ev in einer vierfachen Gestalt gegeben habe 
(III, 11, 8 eöcüKsv fyilv T€TQ(xfiOQ(pov to evayyehov)j welche zu verletzen eine 



1) Der Antimontanist vom J. 194 bei Eus. V, 16, 13; Iren. IV, 33, 8; V, 30, 1; 
Tertull. c. Hermog. 22; GK I, 113 A 2; S. 115 A 1. 



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16 § 2. Das Neue Testament um 170—220. 

Sünde gegen Gottes Offenbarung und Geist sei. Die Einheit und die aus- 
schließliche Geltung der Ew des Mt, Mr, Lc, Jo fand schon damals ihren 
Ausdruck darin, daß diese 4 Bücher als das eine und einzige Ev (tb eu.) 
bezeichnet und, wo das Bedürfnis obwaltete, für Einzelnes den Zeugen namhaft 
zu machen, die Verfasser der 4 Teile des kirchlichen Ev in der Form xarä 
Mar&aiov, Mccqkov ktX. angeführt zu werden pflegten 2 ). Wie wenig andere 
Ew für den kirchlichen Gottesdienst jener Zeit in Betracht kamen, beweist das 
völlige Schweigen über solche bei Tertullian und im C. Mur., dessen Vf. es 
doch gleichzeitig nötig fand, zwei unechte Briefe des Paulus abzulehnen und die 
Meinungsverschiedenheiten in bezug auf andere Schriften zu erwähnen. Auch 
Clemens, welcher sich gegen die verschiedenartigsten außerbiblischen und außer- 
kirchlichen Schriften und Überlieferungen äußerst weitherzig zeigt, unterscheidet 
doch, wo es auf die einer Schrift zukommende Beweiskraft ankommt, scharf 
„die uns (d. h. der Kirche) übergebenen 4 Ew" von solchen Büchern wie das 
Ev der Ägypter (ström. III, 93). Wo er von der Entstehung der Ew handelt, 
berücksichtigt er nur die vier (bei Eus. h. e. VI, 14, 4), und er führt ev Texte, 
welche von den kirchlichen abweichen, auf Leute zurück, welche ,,die Ew 
umsetzen" (ström. IV, 41). Um diese Zeit und schon zu derjenigen des 
Irenäus fehlte jede Erinnerung daran, daß jemals in der Kirche d, h. im Gottes- 
dienst derselben ein anderes Ev außer den vieren gebraucht worden sei, oder 
daß eines dieser Ew eine Zeit lang um seinen Platz unter den kirchlichen Lese- 
büchern zu kämpfen gehabt habe. Vom joh. Evangelium leugneten auch seine 
entschlossenen Gegner, die sogenannten Aloger um 170, nicht, daß es zu Leb- 
zeiten des Apostels Joh. entstanden und seitdem „in der Kirche' 1 sei. Als 
Tatian um 170 — 180 für seine syrischen Landsleute das Diatessaron verfaßte, 
sprach er schon durch diesen Titel aus, daß für die Herstellung eines kirchlichen 
Evangelienbuches selbstverständlich keine anderen Quellen als diese 4 Ew in 
Betracht zu ziehen seien. Die Regel wird nur bestätigt durch die scheinbare 
Ausnahme , welche Serapion von Antiochien um 200 machte *), indem er 
gewissen Leuten in der zu seinem Sprengel gehörigen Gemeinde von Bhosus 
gestattete, ein nach Petrus genanntes Ev zu lesen. Er tat dies, wie er selbst 
sagt, ohne das Buch durchgelesen zu haben, und im Vertrauen auf die Recht- 
gläubigkeit der Leute, welche wegen ihrer Benutzung dieses Ev Verdrießlich- 



2) Häufig bei Irenaeus, Clemens, C. Mur., Origenes, Cyprian u. s. w., selten bei 
Hippolyt (z. B. refut. haer. VII, 30), niemals bei Tertullian ; auch von den Syrern nicht 
nachgebildet, während bei den Lateinern bis um 400 Formen wie cata Lucan die 
Herkunft aus dem griechischen Original bezeugen. Über die falsche Deutung des 
Manichäers Faustus (August, c. Faust. XXXII, 2) und vieler Moderner, wonach Matthaeus, 
Marcus etc. hiedurch nicht als Vf der Ew, sondern als die im Hintergrund stehenden 
Auktoritäten bezeichnet sein sollten s. Einl. II 2 , 173 f. 179, übrigens auch GK I, 164 ff. 

3) Eus. h. e. VI, 12, 2-6; GK L 177 f.; II, 742—751; Zahn, Das Petrusev. 
S. 2-5. 



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§ 2. Das Neue Testament um 170—220. 17 

keiten in der Gemeinde gehabt und an das Urteil des Bischofs appellirt hatten. 
Nachdem Serapion aber erfahren hatte, daß jene Leute heimliche Häretiker 
seien, wußte er sich von einer Sekte in Antiochien, den sogenannten Doketen, 
das Buch zu verschaffen, studirte dasselbe und schrieb, nachdem er dessen 
heterodoxen Charakter erkannt hatte, in diesem Sinne an die G-emeinde zu 
Rhosus, seine frühere Nachsicht entschuldigend und seinen erneuten Besuch 
ankündigend. Selbst wenn mit dem "Wortlaut seines Briefs die Auffassung ver- 
träglich wäre, wonach Serapion vorübergehend Lesung des Petrusev's im 
Gemeindegottesdienst zu Rhosus gestattet hätte, würde klar sein, daß dies eine 
Abweichung von der allgemeinen Gewohnheit gewesen wäre. Der Bischof der 
Metropole kannte das Buch gar nicht; nur bei einer häretischen Sekte konnte 
er ein Exemplar auftreiben, und sofort widerrief er sein anfängliches Urteil. In 
der Tat hatte er aber nur den Grundsatz angewandt, den auch Clemens, Origenes, 
der Verfasser der Didaskalia u. a., ja selbst Irenäus (in bezug auf mündliche 
Erzählungen der Apostel schul er und das "Werk des Papias) befolgt haben und 
den man später förmlich aussprach (Philaster haer. 88), daß auch apokryphe, 
pseudepigraphe und sogar häretische Schriften, welche den Anspruch erheben, 
von Propheten und Aposteln herzurühren, von den „Vollkommenen" ohne 
Schaden, ja sogar mit Nutzen gelesen werden können. Die Kirche gehen sie 
nichts an; von deren Gottesdienst bleiben sie ausgeschlossen. Soweit das Ge* 
dächtnis der Lehrer um 170 — 220 zurückreichte, war von jeher wahr gewesen, 
was Origenes sagte: „Die Kirche Gottes billigt nur die 4 Evv u (hom. 1 in Luc, 
griechisch GK II, 627). 

2. Die Briefe des Paulus und der Hebräerbrief. Überall 
recipirt waren 13 derselben. "Wenn in C. Murat. 1. 60 — 63 die Reception der 
4 Privatbriefe ausdrücklich gerechtfertigt wird, so scheint das weniger durch 
Erinnerung an eine spätere Einführung derselben in den Gottesdienst veranlaßt 
zu sein, als durch den eigenen Gedankengang des Verfassers, wonach die an 
7 Gemeinden gerichteten Briefe des Paulus ebenso wie die 7 Briefe in Ap 1 — 3 
von vornherein für die durch die symbolische Zahl repräsentirte Gesamtkirche 
berechnet waren. Die in dieses Schema nicht passenden Privatbriefe bedurften 
eben darum einer besonderen Rechtfertigung. Ob für die dort abgewiesenen 
Briefe an die Laodicener und Alexandriner (1. 63 — 68) damals von irgend 
jemand ernstlich der Anspruch der Reception erhoben wurde, wissen wir nicht. 
Dagegen bestand zwischen großen Abteilungen der katholischen Kirche eine 
Verschiedenheit in bezug auf den Hebräerbrief 4 ). Die Kirche von Alexandrien 
hat ihn von jeher als ein echtes "Werk des Paulus in Verbindung mit den übrigen 
Briefen desselben gelesen, und die Beobachtung seiner stilistischen Verschieden- 
heit hat dort zunächst nur Hypothesen über einen etwaigen Übersetzer des 
angeblich hebräisch geschriebenen Briefs hervorgerufen. Nachdem aber Origenes 



4) GK I, 283-302; Einl H 2 , 111 ff.; Prot. JREnc. VII 8 , 492-506. 
Zahn, Grundrifs der Geschichte des neu testamentlichen Kanons. 



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18 § 2. Das Neue Testament um 170-220. 

mit Hilfe der Annahme, daß Paulus die Ausarbeitung einem Schüler überlassen 
habe, die Tradition seiner Heimatkirche verteidigt hatte, blieb diese dort unan- 
gefochten und verbreitete sich von Alexandrien aus im ganzen Orient. Dagegen 
gehörte er bis über die Mitte des 4. Jahrhunderts hinaus nicht zum NT der 
katholischen Kirche des Abendlandes. Das völlige Schweigen des C. Murat. und 
der Afrikaner von Cyprian bis zu Optatus und zum Mommsenschen Kanon wird 
durch das Zeugnis des Cajus von Born (Eus. VI, 20), des Eusebius (h. e. III, 3, 5) 
u. a. bestätigt. Schon darum können Irenäus und Hippolytus, die ihn mit Hoch- 
achtung gelesen, aber dem Paulus abgesprochen haben, nicht als Zeugen dafür 
gelten, daß er zum NT der Kirchen von Lyon und Rom gehört habe. Daß er 
auch in Karthago um 220 weder als kanonisch noch als paulinisch galt, bezeugt 
Tertullian gerade durch die Art, wie er seine Berufung auf denselben an die 
vorangehenden Schriftbeweise anschließt (pud. 20). Wenn er ihn aber ohne jede 
Andeutung von Unsicherheit als „Barnabae titulus ad Hebraeos" citirt und weiter 
im Vergleich mit dem Hirten über ihn schreibt : „receptior apud ecclesias epistola 
Barnabae", so gibt er eine Tradition wieder, welche weder die alexandrinische, 
noch diejenige der katholischen Kirche von Afrika und Rom war. Man wußte 
längst, daß dieselbe Stelle Hb 6, 4 — 8, auf welche der Montanist Tertullian 
sich dort beruft, von den Novatianern in gleichem Interesse stark verwertet 
worden ist (Epiph. haer. 59, 2; Philaster haer. 89 ; Ambros. de poenit. II, 2). 
Neuerdings aber sind diese Tatsachen in ihrem Zusammenhang deutlicher geworden. 
In den kürzlich ans Licht gekommenen Tractatus Origenis, deren Abfassung 
durch Novatian von äußerster "Wahrscheinlichkeit ist, wird Hb 13, 15 ohne 
Umschweife als ein Wort des sanctissimus Barnabas mitten unter Sprüchen aus 
Paulus citirt 5 ). Nicht in der katholischen Kirche Borns oder Karthagos, 
sondern in den montanistischen und sodann in den novatianischen Gemeinden 
war der Hb und zwar als ein Werk des Barnabas recipirt. Ob auch in katho- 
lischen Gemeinden Kleinasiens, der Heimat des Montanismus, bleibt ungewiß. 

3. Von der Apostelgeschichte (GK I, 192 — 197) ist nur zu sagen, 
daß sie überall unter dem Titel 7tqd^eig {acta, später meist actus) twv &7to(n6ku)V 
als ein Werk des Evangelisten Lucas anerkannt war, und daß ihre Zugehörigkeit 
zum NT nicht nur durch reichliche Benutzung zum Schriftbeweis bei Irenäus, 
Tertullian u. a., sowie durch ihre Stellung zwischen Evv und Paulusbriefen im 
C. Murat. bezeugt ist, sondern auch durch die ausdrückliche Büge gegen Marcion, 
daß dieser sie verworfen, d. h. nicht in sein NT aufgenommen habe 6 ). 

4. Die Apokalypse hat aus allen Teilen der Kirche jener Epoche die 

5) Tractatus Origenis de libris ss. scripturarum ed. Batiffol (Paris 1900) p. 108. 
Die Verhandlungen über die Herkunft dieser Predigten sind noch nicht abgeschlossen. 
Für Novatian als Vf traten ein Weyman, Arch. für lat Lexikogr. XI, 467. 545 — 578; 
Haußleiter, Th. Ltrtrbl. 1900 Nr. 14—16; Zahn, N. kirchl. Ztschr. 1900 S. 348—360. 

6) Tert. c. Marc. V, 2; praescr. 22; Pseudotert. haer. 16; Adamantii dial. c. Marc. 
H, 12 (Beri. Ausg. p. 80), indirekt auch kraft des Zusammenhangs Iren. IH, 12, 12; 
14, 1; 15, 1. 



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§ 2. Das Neue Testament um 170—220. 19 

stärksten Beweise ihrer Anerkennung für sich aufzuweisen. Theophilus von 
Antiochien (gest. bald nach 180) und die Gemeinde von Lyon im Jahre 177 
citiren sie als heilige Schrift (Eus. h. e. VI, 24, 1 ; V, 1, 58). Irenäus, welcher 
die Anfechtung des 4. Ev durch die Aloger scharf verurteilt (III, 11, 9), und 
der C. Mur., welch«* deren Polemik gegen dieses und die Briefe des Joh. zu 
berücksichtigen scheint (1. 16 — 34) , halten die Ap einer Rechtfertigung nach 
dieser Seite hin nicht für bedürftig. Irenäus (V, 30, 2), Tertullian (fuga 1. 7 ; 
pud. 20) und Clemens (paed. II, 108) citiren sie gelegentlich als „die Apoka- 
lypse" schlechthin, obwohl es mehrere andere Schriften dieses Titels gab, von 
welchen Clemens eine sogar kommentirt hat (Eus. VI, 14, 1). Im Gegensatz 
zu der besonderen Hochschätzung der Ap bei den Montanisten haben die Aloger 
unter den joh. Schriften , die sie sämtlich für Werke Kerinths erklärten , die 
Ap in verächtlichstem Tone kritisirt. Aus dem gleichen Gegensatz ist es zu 
erklären, daß der Bömer Cajus (vor 217) nur diesen Teil der Kritik der Aloger 
sich aneignete (Eus. III, 28). Hippolyt, der schon früher gegen die Aloger 
eine Apologie für das 4. Ev und die Ap verfaßt hatte, suchte nun in einer be- 
sonderen Schrift gegen Cajus dessen Kritik der Ap zu widerlegen 7 ). Keine 
größere Abteilung der katholischen Kirche hat sich damals in ihrer Hoch- 
schätzung der Ap irre machen lassen. Der Anspruch des Buchs, auf unmittel- 
barer Offenbarung zu beruhen und für alle Gemeinden bestimmt zu sein, sowie 
die alte Überlieferung, daß es erst um 95 geschrieben sei, begünstigte die Be- 
trachtung dieses Buchs als des Schlußsteins des NT's (oben S. 15 A 1). 

5. Die „katholischen Briefe". Die Stellung der 7 Briefe, welche 
wir seit Anfang des 4. Jahrhunderts unter diesem Namen als integrirenden Be- 
standteil des NT's genannt 8 ) und schließlich mit Ausschluß anderer Schriften 
verwandter Art überall anerkannt finden, war um 200 eine sehr verschieden- 
artige. Dem ersten Brief des Johannes, der überall recipirt war, müssen 
von vornherein die beiden kleineren Briefe gleichen Titels angehängt gewesen 
sein, wenn ihre Geschichte in der Kirche und selbst ihre Erhaltung begreiflich 
sein soll. Gleiche Behandlung mit dem ersten erfährt der zweite direkt und 
indirekt bei Irenäus (I, 16, 3; III, 15, 8) und Clemens (ström. II, 66; hypot. 
Forsch HI, 92). Daß uns von der Auslegung des 3. Briefs in den Hypoty- 
posen des Clemens, d. h. in der lateinischen Übersetzung eines Bruchstücks der- 
selben, nichts erhalten ist, kann das Zeugnis der Griechen, welche das ganze 
Werk in Händen hatten, des Eusebius und des Photius, daß Clemens sämtliche 



7) Über die Aloger und Cajus GK I, 220—262; II, 47. 967-991, 1020 ff. 

8) Eus. h. e. II, 23, 25 'Idxcoßov, ov rj itQanr\ rcäv ovojua^ofiivcov xad'oXixwv Itiujxo- 
Xcov elvai Xiyerai • lariov Se tos rofreverai fiev — ov noXXol yovv rc5v TtaXatcöv avrrjs 
kfivriftovevoav, cos ovSh rrji Xeyofiivrjs 'lovSa, piiäe xal avrrjg ovoqg tcjv krctd Xeyofiivcav 
xa&oXixcov — ö/ucos Se Itopev xal ravras /Lierd tcov Xoitzcöv Iv TtXeiorais SeSr\fioovevfieva<i 
ixxXrjoiais. VI. 14, 1 ttjv 3 IovSa Xeyeo xal ras XoiTtdg xafroXixdg smoroXas. Cyrill. cat. 
IV, 36; der echte Euthalius bei Zacagni p. 405. 409. 

2* 



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20 § 2. Das Neue Testament um 170—220. 

katholische Briefe darin behandelt habe, nicht entkräften fl ). Die Zweifel, welche 
der unbedingten Anerkennung von 2 und 3 Jo in manchen Teilen der Kirche 
mehr oder weniger lange im "Wege standen, "betrafen nach Origenes (bei Eus. 
VI, 25, 10) und dem Mommsenschen Kanon (6K II, 145), sowie nach dem 
Bestand der Peschittha und des griechischen NT's von Antiochien im 4. Jahr- 
hundert überall und stets diese beiden Briefe in gleichem Maße. Es ist auch 
überwiegend wahrscheinlich, daß der C. Mur. 1. 69 die beiden kleineren Briefe 
als recipirt bezeichnet, dies jedoch nicht, ohne anzudeuten, daß ihre Abfassung 
durch den Apostel Jo allerdings nur durch die in der Kirche übliche äußere 
Titelüberschrift verbürgt sei. Wo man nicht wußte, daß der Apostel Jo im 
Kreise seiner Schüler 6 TtqeaßvTBqoq genannt worden war, konnten Bedenken 
gegen seine Autorschaft die Stellung der Briefe des Presbyters im NT um so 
leichter erschüttern, als sie schon wegen ihres geringen Umfangs nur selten an 
der öffentlichen Lesung teilnehmen konnten, und auch selten Gelegenheit war, 
sie zu citiren. — Ahnlich verhält es sich mit dem Brief des Judas. "Während 
er von Clemens als ein „katholischer Brief" kommentirt (Forsch III, 83, 10), 
von C. Mur. 1. 68 als in der katholischen Kirche recipirt bezeichnet, von Ter- 
tullian (de cuitu fem. I, 3) als beweiskräftige Schrift eines Apostels citirt worden 
ist, deutet Origenes, der ihn sonst unbedenklich citirt, einmal an, daß er nicht 
allgemein anerkannt werde (tom. XVII, 30 in Matth.). Er war im 4. Jahr- 
hundert ein Antilegomenon (Eus. III, 25, 3; VI, 13, 6; 14, 1), wurde unter 
anderem auch wegen seiner Benutzung jüdischer Apokryphen von manchen für 
unecht erklärt und verworfen (Hieron. v. ill. 4 cf Eus II, 23, 25) und nicht 
nur von den Antiochenern und Syrern, sondern auch von Afrikanern um 360 
(C. Momms. GK II, 144 f.) stillschweigend ausgeschlossen. Er hat also seine 
Anfängliche Kanonicität später in weiten Kreisen wieder eingebüßt. — Der 
Brief des Jakobus, welcher sehr früh im Abendlande gelesen worden ist 
und wahrscheinlich dem Irenäus, vielleicht auch dem Hippolytus bekannt war 10 ), 
hat doch bis zur Mitte des 4. Jahrhunderts in keiner abendländischen Kirche 
zum NT gehört. Das völlige Schweigen des C. Murat. und des C. Momms. 
über ihn wird durch das negative Zeugnis der lateinischen Schriftsteller der- 
selben Zeiten bestätigt. Dagegen scheint der Jk bei den Griechen des Ostens 



9) Forsch III, 10—15. 64—93. 130—156; GK I, 322. 349 A 2. Die Angabe des 
Eusebius h. e. VI, 14, 1 macht Anspruch auf Genauigkeit; diejenige des Photius (bibl. 
cod. 109) ist jedenfalls von Eusebius unabhängig und beruht auf eigener, wenn auch 
unvollständiger Lesung. Cassiodor ließ nur das Bruchstück, welches er vorfand, über- 
setzen, nämlich eine Auslegung von 1 Pt, Jud (nach Cassiodor's unrichtiger Angabe: 
Jk) 1 Jo, 2 Jo; aber der Titel der ältesten Hs (Forsch III, 79) bezeichnet dieses Stück 
auch nicht als des Clemens Auslegung der katholischen Briefe, sondern als ein Bruch- 
stück aus des Clemens Werk mit dem Titel „Hypotyposen". 

10) GK 1, 323—325. 962; Einl I 2 , 92. 97 ff.; Bonwetsch, Stud. zu den Komm. 
Hippolyt's S. 26. 



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§ 2. Das Neue Testameut um 170—220. 21 

zu den am allgemeinsten anerkannten Schriften gehört zu haben. Daß Clemens 
ihn kommentirt hat, ergibt sich nicht nur aus dem allgemein lautenden Zeugnis 
des Eusebius und des Photius (s. vorhin S. 20), sondern auch durch Kombi- 
nation der vorhandenen Fragmente der Hypotyposen (Forsch III, 150 f.; VI, 
257. 271 ; GK. I, 322. 349). Obwohl Origenes einmal ihn als Antilegomenon 
charakterisirt (s. unten § 5), steht er im C. Ciarom. 1. 65 noch vor dem 1 Jo, 
und er würde in der später abgeschlossenen Hebdomas der katholischen Briefe, 
sowie bei denjenigen Griechen und Syrern, welche nur 3 katholische Briefe an- 
erkannten, nicht regelmäßig die erste Stelle einnehmen X1 ), wenn sein Ansehen 
nicht im griechischen Orient ein besonders gesichertes gewesen wäre. Beach- 
tenswert sind die Citate bei Methodius 12 ). "Wenn der Jk noch um 325 von manchen 
für unecht erklärt (Eus. II, 23, 25) und daher von Eusebius unter die Anti- 
legomena gerechnet wurde (III, 25, 3), so kann sich dies ebenso wie die gleich- 
bedeutende Bemerkung des Origenes nur auf die damals noch andauernde Ab- 
lehnung seitens der Lateiner und der Syrer beziehen. — Die allgemeine An- 
erkennung des ersten Petrusbriefes um 200 ist durch Irenäus, die Epist. 
Lugd. von 177, Clemens, dessen Auslegung wir noch besitzen, Tertullian, Hippo- 
lytus u. a. (GK I, 303 — 306), sowie durch den Gebrauch im 3. Jahrhundert 
(Cyprian und seine Zeitgenossen; Origenes bei Eus. VI, 25, 8 (.uav £7UOTolt]V 
Of.tokoyovi.ievrjv) verbürgt. Es würde C. Mur, eine unerklärliche Ausnahme 
machen, wenn er ihn gar nicht erwähnt hätte. Es ist daher wahrschein- 
lich an der Stelle, wo von einer Schrift des Petrus oder mehreren solchen die 
Rede ist 13 ), ursprünglich vom 1 Pt gesagt gewesen , daß er ebenso wie die 
joh. Apokalypse recipirt sei, während gegen die kirchliche Lesung des zweiten 
Petrusbriefs von manchen Katholiken protestirt werde. Dies würde voraus- 
setzen, daß der 2 Pt im Umkreis von Rom nicht ganz unbekannt, aber nicht 
gleich dem 1 Pt recipirt war. Ob Irenäus ihn gekannt, bleibt zweifelhaft; von 
Hippolytus dagegen ist dies mit Sicherheit zu behaupten 14 ). Andererseits fehlt 
jedes Zeugnis dafür, daß der 2 Pt im Abendland vor 350 zum NT gehört habe. 
Im C. Momms. wird geradezu gegen den Versuch seiner Kanonisirung protestirt. 
Anders im Orient. Ist nicht zu beanstanden, daß Clemens ihn kommentirt habe 
(vorhin S. 20), so war er doch, wie das große lat. Fragment der Hypotyposen 
beweist, in der Bibel des Clemens nicht dem 1 Pt angeschlossen (Forsch III, 
154). Origenes scheint ihn zwar selbst für echt und für eine hl. Schrift zu 



11) So nach Eusebius (s. vorhin S. 19 A 8), Cyrill, Euthalius, Athanasius, Epipha- 
nius, Gregor Naz., Amphilochius, cf auch GK II, 376 f. 

12) Ed. Bonwetsch S. 291, 26, wo der Jk jedoch fälschlich dem Paulus zugeschrieben 
wird, und 8. 249, 14. 

13) C. Mur. 1. 71 f., GK 1, 306 ff. II, 110 ff. 140. 142. Prot. REncykl. IX 8 , 803. 

14) GK I, 316 f. In den später bekannt gewordenen Schriften s. Berl. Ausg. I, 1, 
164, 19: 210, 8; 240, 2; I, 2, 120, 22. 



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22 § 2. Das Neue Testament um 170-220. 

halten (hom. 13, 6 in Num; hom. 4, 4 in Lev; comm. in Rom lib. IV, 9; 
VIII, 7), bekennt aber doch, daß die Meinungen über ihn geteilt seien (Eus. 
IV, 25, 8). Der 2 Pt muß von alter Zeit her im Orient eine andere Stellung 
zum NT gehabt haben, als der 1 Pt, wenn man erwägt, daß Eusebius (h. e. III, 
3, 1) es geradezu als die ihm zugekommene Überlieferung bezeichnet, daß jener 
nicht evötddnqyLog sei; ferner daß noch Didymus um 380 ihn für unecht und 
nicht kanonisch erklärt, obwohl er ihn selbst kommentirt, häufig genug citirt und 
ohne Protest anerkennt, daß er öffentlich gelesen werde (Migne S. gr. 39, 1774); 
endlich daß er von den Antiochenern und den Syrern um dieselbe Zeit regel- 
mäßig abgelehnt wurde, obwohl es ihm an Zeugnissen aus der Zeit vor Eusebius 
auch in Asien keineswegs fehlte (GK I, 31 2 f.). — Eine ähnliche Stellung nahm 
um 200 und auch späterhin der sogenannte Brief des Barnabas in Ale- 
xandrien, aber unseres Wissens nur dort, ein. Clemens hat ihn in seinem Bibel- 
kommentar ausgelegt und zwar, wie es scheint, im Anschluß an die später aus- 
schließlich so genannten katholischen Briefe (Eus* VI, 14, 1). Origenes gibt ihm 
das Attribut „katholisch" (c. Cels. I, 63), welches «r sonst dem 1 Pt (Eus. VI, 
25, 5), dem 1 Jo (de orat. 22; tom. 17, 19 in Matth.) und, wie schon Clemens 
(Forsch III, 83, 10), dem Jud gibt (1. VI in Rom). In dem wahrscheinlich 
von Origenes verfaßten biblischen Onomastikon war auch der Barnabasbrief berück- 
sichtigt und zwar als einer der katholischen Briefe (GK II, 948 — 953). Im 
C. Ciarom. 1. 70 steht er hinter den 7 katholischen Briefen und vor Ap und 
AG. Erst spätere Entscheidungen haben ihn auch in Alexandrien aus dieser 
Verbindung und damit überhaupt aus dem Verband des NT's entfernt. Vgl. 
jedoch das Verzeichnis der 60 Bücher, die Stichometrie bei Nicephorus (GK II, 
292. 299) und ein armenisches Verzeichnis (Forsch V, 116. 117. 121 ff. 136). 
— Anhangsweise sind hier der Brief des Clemens von Born oder vielmehr 
der römischen Gemeinde an die korinthische und die irrtümlicherweise unter 
dem Namen eines zweiten Korintherbriefs des Clemens demselben 
angehängte Predigt zu erwähnen (GK I, 351—360; II, 193. 289. 301). Ob- 
gleich sie wegen ihrer eine Ortsgemeinde nennenden Adresse nicht zu den katho- 
lischen Briefen zu passen scheinen, sind sie doch im Canon, apost. 85 gerade 
an diese als heilige Schriften angeschlossen und in der Handschrift des 11. Jahr- 
hunderts, welche uns den 2 Clem vollständig erhalten hat, zwischen den Bar- 
nabasbrief, der ein katholischer war, und die Lehre der 12 Apostel gestellt. 
Zwischen den katholischen Briefen und den Paulinen stehen sie in einer a. 1170 
geschriebenen syrischen Hs. , und es ist dort wenigstens der 1 Clem als ein 
katholischer bezeichnet. "Wahrscheinlich hat auch Epiphanius (haer. 30, 15) 
nur vermöge einer Verwechselung statt dieser Clemensbriefe zwei andere Briefe 
unter dem Namen des Clemens (de virginitate) als hmGxokaX lyKvxfooi (d. h. 
katholisch) al Iv zotig ayicug ixxhjaiaig &vayivtoox6f.uvai bezeichnet. Für eine 
ehemalige Verbindung beider Briefe mit dem NT zeugt ferner der alexandri- 
nische Bibelkodex, in dessen Index und Text sie hinter der Ap, im Index aber 



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§ 2. Das Neue Testament um 170—220. 23 

vor der Angabe der Summa aller biblischen Bücher stehen (GK II, 289), ferner 
ein armenisches Verzeichnis (Forsch V, 116. 123 f.), wahrscheinlich auch die 
Stichometrie bei Nicephorus (GK II, 301), vor allem aber die Versicherung 
des Eusebius (III, 16), daß der 1 Clem von altersher und auch noch zu seiner 
Zeit in sehr vielen Kirchen öffentlich gelesen wurde. Daß dies wenigstens 
früher auch mit dem 2 Clem geschehen sei, welcher in der Überlieferung un- 
trennbar mit jenem verbunden erscheint, deutet Eusebius III, 38, 4 an. Von 
Korinth aus, wo der 1 Clem um 170 zuweilen im Gottesdienst gelesen wurde 
(oben S. 12), hat sich dieser Brauch mit dem Brief selbst verbreitet, und 
zwar wahrscheinlich zuerst nach Alexandrien, später zu den Syrern. Clemens 
Alex, citirt ihn häufig (Lightfoot, S. Clement I, 158 f.), einmal ström. IV, 105 
als Schrift des Apostels Clemens, Origenes als Schrift eines Apostelschülers, dem 
Paulus Phl 4, 3 ein gutes Zeugnis ausgestellt (tom. 6, 30 in Jo; princ. II, 
3, 6). Citate und Anspielungen finden sich bei den Alexandrinern Dionysius 
(c. 260), Petrus (c. 305), Didymus (c. 380), Timotheus (c. 460), und wahr- 
scheinlich bezieht sich auf diese Briefe, was von kirchlicher Reception zweier 
Clemensbriefe bei den Kopten überliefert ist (Assemani Bibl. or. III, 14). Ihre 
Verbindung mit dem NT ist jedoch eine losere, als die des Barnabas. Clemens 
AI. hat sie nicht wie diesen in den Hypotyposen behandelt ; sie fehlen im Cat. 
Ciarom. Eusebius erwähnt sie nicht unter den Antilegomena (III, 25, vgl. 
jedoch Forsch V, 123). Im Abendland haben sie nie ein Verhältnis zum NT 
gehabt. Irenäus citirt den 1 Clem nur ebenso wie den Philipperbrief Polykarps 
als ein gewichtiges Zeugnis für den Fortbestand der apostolischen Tradition in 
nachapostolischer Zeit (III, 3, 3 — 4). 

6. Sonstige Schriften von vorübergehender Kanonicität. Obenan ist 
hier derHirtdesHermaszu nennen (GK I, 327 — 347). Irenäus (IV, 20, 2), 
Tertullian vor seiner Entscheidung für den Montanismus (orat. 16) und Clemens 
(passim vgl. GK I, 329) haben ihn durchaus als heilige Schrift behandelt. Es 
fehlt auch nicht an Spuren davon, daß er damals in Antiochien gleiches Ansehen 
genoß (1. 1. 332). Zu Anfang des 3. Jahrhunderts aber sind , wie man aus C. 
Mur. 1. 73 — 80 und Tert. pud. 10. 20 sieht, sowohl in katholischen als in mon- 
tanistischen Gemeinden zu Karthago und Rom Verhandlungen über den Hirten 
geführt worden, deren Ergebnis jedenfalls eine Lockerung des Bandes zwischen 
dem Hirten und der Bibel war. Der Montanist Tertullian in seiner scharfen 
Polemik gegen die unter anderem auf den Hirten sich stützende laxe Disziplin 
des römischen Bischofs drückte dies schroff so aus, dass der Hirt nicht wert 
gefunden worden sei, in die göttliche Urkunde eingetragen zu werden, sondern 
von allen kirchlichen Versammlungen beider Parteien für apokryph, ja für eine 
Fälschung erklärt worden sei. Mögen die Montanisten so geurteilt haben, so 
doch nicht die Katholiken. Nach dem C. Mur. ist der Hirt zwar von der öffent- 
lichen und regelmäßigen Lesung, welche das Vorrecht der prophetischen und aposto 
lischen Schriften ist, ausgeschlossen, andererseits jedoch seine Lesung nicht nur 



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24 § 2. Das Neue Testament um 170—220. 

erlaubt, sondern auch anbefohlen worden 16 ). Diesem milden Urteil, de* ersten Ver- 
such, eine Klasse deuterokanonischer Schriften zu bilden, entspricht der Erfolg, 
Bischof Kallistus und sein Klerus um 220 stützten sich mit Wort und Tat auf 
den Hirten (Tert. pud. 20) ; auch deren Gegner Hippolyt verleugnete nicht seine 
Vertrautheit mit demselben. Es entstanden zwei lat. Übersetzungen des Buchs. 
Ein unbekannter römischer Bischof (Pseudocypr. de aleat. 2, 3) citirt es als divina 
scriptum. Novatian (trin. 2, früher als die jüngst gefundenen Predigten und 
vielleicht vor seiner Separation geschrieben) weist mit legimus auf den Hirten 
als ein anerkanntes Lehrbuch hin. Commodian hat es eifrig gelesen. Die lat. 
Liturgien zeugen von dem fortdauernden Einfluß des Buchs (GK I, 346 cf Mai, 
scr. vet. n. coli. III, 2, 247 a. E.). Trotzdem war durch jene kirchlichen Be- 
schlüsse um 200 — 210 das schließliche Schicksal des Hirten im Occident (Hier, 
v. ill. 10) im voraus entschieden. Daß im Orient derartige Entscheidungen da- 
mals nicht getroffen worden sind, beweist die weitere Geschichte des Hirten in 
den dortigen Kirchen. — "Während Clemens den Hirten, vielleicht wegen seines 
großen Umfangs, in seinem kurzgefaßten Bibelkommentar nicht behandelt hat, 
hat er die Apokalypse des Petrus, ein kleines Büchlein von kaum 300 
Zeilen (C. Ciarom. 1. 75 : 270 ; Stich. Niceph. 1. 46 : 300), dessen wert geachtet 
(Eus. VI, 14, 1 ; Forsch III, 65. 127. 154, GK I, 308—310; II, 810—820). Im 
C. Ciarom. bildet sie den Schluß der ganzen Liste (Barnabas, Ap Jo, AG, 
Paulusakten, Ap Petri), im Verzeichnis der 60 Bücher und in einer armenischen 
Liste steht sie unter den Apokryphen (GK II, 292; Forsch V, 116. 121. 136), 
bei Nicephorus zwischen Ap Jo und Barnabas unter den Antilegomena (GK II, 
299), so auch bei Eusebius, hier aber in der zweiten Abteilung derselben, welche 
er für unecht erklärt (III, 25, 4 vgl. III, 3, 2). "Während bei Origenes nicht 
einmal Kenntnis dieser Ap sicher nachzuweisen ist (Forsch V, 112?) und über- 
haupt ein Fortleben derselben in Alexandrien nicht bezeugt ist, finden wir sie 
bei dem heidnischen Autor, welchen Makarius von Magnesia bestreitet (Porphy- 
rius?), als ein halbheiliges Buch der Christen citirt, ohne daß der christliche 
Polemiker diese Voraussetzung bestreitet (Apocrit. IV, 6. 7. 16). Nach Sozomenus 
(h. e. VII, 19; GK II, 813) las man noch um 430 in einigen Kirchen Palästinas 
diese Ap alljährlich bei der Vorfeier des Osterfestes. Von Bekanntschaft des 
Abendlands mit derselben fehlt jede glaubhafte Kunde * 6 ). — Die „Lehre der 

15) GK II, 111—118; Prot. REncykl. IX 8 , 804. 

16) Die Hypothese, daß im C. Mur. 1. 71 f. von der Ap des Petrus gesagt sei, ihre 
kirchliche Verlesung werde von einigen Katholiken beanstandet, ist stilistisch nicht zu 
rechtfertigen und hat den Mangel jeder anderweitigen Kunde von Bekanntschaft des 
Abendlandes mit dieser Ap gegen sich. Was Hilgenfeld NT extra can. IV 3 , 74 bei 
Hippolytus als Citate aus derselben ansah, ist ganz unsicher cf GK II, 804. 817 ; Robinson 
and James, The gospel andthe revelation of Peter 1892 S. 79 f.; Harnack, Texte u. Unt. 
IX, 2, 82. Das Gleiche gilt von dem, was Bonwetsch, Stud. zu Hippolytus S. 27 aus 
Hippolytus und Harnack, Texte u. Unt. XIII, 1, 72 aus Pseudocyprian de laude mart. 
c. 20 f. beibringen, zumal beide von der Voraussetzung ausgehen, daß das 1892 zugleich 



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§ 2. Das Neue Testament um 170—220. 25 

12 Apostel" wird von Clemens (ström. I, 100) und Origenes (princ. III, 2, 7) 
als hl. Schrift citirt und fleißig benutzt. Auch während der folgenden Jahr- 
hunderte ist nur für Ägypten gottesdienstliche Verwendung des Buchs sicher zu 
beweisen (Forsch III, 278—287; GK I, 360 — 368; Harnack, Die Apostellehre 
2. Aufl. 1896). Dies gentigt, um zu erklären, daß Eusehius (h. e. III, 25, 4) es 
unter den Antilegomena zweiten Rangs, die Stich. Niceph. 1. 68 unter den Apo- 
krypha, Rufin (expos. symb. 38) mit verändertem Titel unter den libri ecclesiastim 
nennt. Bekannt geworden ist es auch in der Umgegend von Antiochien, wo der 
Vf der Didaskalia und später der Vf der Const. apost. es benutzt haben, und 
im Abendland, wo eine lat. Übersetzung entstand. Das vereinzelte Citat bei 
Pseudocyprian de aleat. 4, 5 (in doärinis apostolorum) mitten unter durchweg 
sehr freien kanonischen und apokryphen Citaten stimmt zu wenig mit der grie- 
chischen Didache, um Schlüsse zu gestatten. — Apokryphe Apostel- 
geschichten sind in der alten Kirche vielfach ohne Kritik gelesen worden. 
Tertullians Grundsatz in bezug auf die im NT nicht mehr erzählten Martyrien 
der Apostel (Scorp. 15 haec ubicumque jam legem, pati discö) wurde auf die 
fabelhaftesten und die heterodoxesten Dichtungen ausgedehnt. Ein näheres Ver- 
hältnis zum NT haben doch nur die im Sinne des Kirchenglaubens geschriebenen 
Akten des Paulus gewonnen 17 ). Der Aufführung derselben zwischen dem 
Hirten und der Petrusapokalypse im C. Ciarom. 1. 74, an der Spitze der Anti- 
legomena zweiten Rangs bei Eusebius (III, 25, 4 cf III, 5) und an der Spitze 
der Apokrypha in der Stichom. Niceph. 1. 63 entspricht der achtungsvolle Ton, 



mit einem großen Fragment des Ev des Petrus von Bouriant herausgegebene apokalyp- 
tische Stück aus der Ap des Petrus herrühre. Eben dies ist aber eine unwahrschein- 
liche Annahme. Gegen dieselbe spricht Folgendes: 1) Die Hs, welcher beide Stücke 
entnommen sind, bietet keinen Anhalt für die Hypothese, daß sie aus zwei verschiedenen 
Schriften des Pt herrühren. 2) In dem apokalyptischen Fragment ist kein einziges der 
sicheren Citate aus der Ap des Pt, die doch ein sehr kleines Buch war, genau wieder- 
zufinden. 3) Die jüngere, erst nach Muhammed entstandene arabische Ap des Pt zeigt 
Berührungen mit einem Citat des Clemens aus der alten Ap des Pt und mit dem 2 Pt, 
dagegen keine mit dem fraglichen Fragment von Bouriant cf Bratke, Ztschr. f. wiss. 
Th. Bd. 36, II (1893) S. 454-493. 4) Der Inhalt desselben paßt wenig zu dem Ge- 
brauch, welchen man in der Karwoche von der alten Ap des Pt machte (s. oben im 
Text). 5) Die schriftstellerische Form dieses Fragments ist ganz diejenige des Petrusev. 
Hier wie dort redet der Apostel Pt (in der angeblichen Ap c. 4, 12 — 5. 15; 10, 25; 
11, 26) zugleich im Namen der 12 Apostel (c, 2, 5 — 3, 8; 4, 11—5,20). Auch hier wird 
Jesus nie mit Namen, sondern stets nur 6 xvqios genannt. -Es wird dieses apokalyp- 
tische Stück nur ein weiteres Fragment des Petrusev sein cf Dieterich, Nekyia p. 16. 
Die Vergleichung des Citats bei Clemens ecl. 41 mit der angeblichen Ap c. 11, 26 zeigt, 
daß der Vf des Petrusev unter anderem auch aus der sicherlich älteren Ap des Pt ge- 
schöpft hat. 

17) GK II, 607—609. 865—910. Über die neuerdings gefundenen koptischen 
Fragmente der Paulusakten C. Schmidt, Neue Heidelb. Jahrbb. VII, 117 — 124; Zahn, 
N. kirchl. Ztschr. 1897 S. 933-944. 



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26 § 2. Das Nene Testament nm 170—220. 

in welchem Origenes (princ. I, 2, 3; tom. 20, 12 in Jo), wahrscheinlich aber auch 
Clemens (ström. VI, 43 ; GK II, 827. 879) sie citirt hat. Seitdem wir wissen, 
was früher nur vermutet wurde, daß der sogen. 3. Korintherbrief, welcher bei 
den Syrern des 4. Jahrhunderts volle Kanonicitat besaß, den Paulusakten ent- 
nommen worden ist, haben wir eben daran einen Beweis für das hohe kirchliche 
Ansehen dieser Akten. Auch im 'Abendland wurden sie glaubig gelesen z. B. 
von Hippolyt (Comm. in Dan. HI, 29, 4 = Niceph. Call. h. e. II, 25 ; GK II, 880), 
ohne jedoch dort in Verbindung mit der Bibel gesetzt zu werden. Vielleicht 
hat die durch Tertullian bapt. 12 mitgeteilte, von Hieronymus v. 111. 7 fortge- 
pflanzte Kunde, daß der Presbyter in Asien, welcher die Akten der Thekla, die 
nur ein Teil der Paulusakten sind, verfaßt hat, infolge seines Geständnisses ge- 
nötigt wurde, sein Amt niederzulegen, dazu gedient, das Ansehen des sehr aus- 
führlichen und wohlgemeinten Buchs im Abendland zu untergraben 18 ). 

Das NT der griechischen und lateinischen Kirchen um 170 — 220 umfaßte 
als unveräußerlichen Bestand: die 4 Ew, 13 Briefe des Paulus, AG, Ap, 
1 Pt, 1 Jo (dem aber regelmäßig auch 2 und 3 Jo angehängt waren), wahr- 
scheinlich auch Judas. Sieht man von den erst um 200 — 210 geführten Ver- 
handlungen über den Hirten ab, so wäre auch dieser hier zu nennen. Dagegen 
bestanden Verschiedenheiten und Schwankungen in bezug auf Jk, Hb, 2 Pt, Ap 
des Petrus, Apostellehre, Barnabas, 1 und 2 Clem, Akten des Paulus und, 
wie bemerkt, den Hirten. Die Art, wie die Kirchenlehrer über die kirchliche 
Geltung der Bestandteile des Grundstocks, besonders auch in ihrer Polemik 
gegen Marcion, die Gnostiker und die Aloger sich äußern, schließt die 
Möglichkeit aus, daß erst zu Lebzeiten eines Irenäus oder der Lehrer des 
Clemens diese Sammlung gottesdienstlicher Lesebücher entstanden sei, und daß 
die Einführung dieser Sammlung in den allgemeinen Gebrauch der katholischen 
Kirche erst um 150 oder 170 einem früheren chaotischen Zustand ein Ende 
bereitet habe. Es fehlten der Kirche um diese Zeit auch die Organe und Ver- 
fassungsformen, um in den autonomen Orts- und Provinzialkirchen mit so gleich- 
mäßiger Wirkung Bücher, welche sich im Gottesdienst der einen oder anderen 
Kirche eingebürgert hatten, zu verdrängen und durch eine in der Hauptsache 
identische Sammlung zu ersetzen. Jeder Versuch eines Staatsstreiches mit 
solcher Absicht würde, selbst wenn die Bischöfe aller Hauptkirchen an der 
Verschwörung beteiligt gewesen wären, an dem zähen Widerstand provinzialer 
Eigenart gescheitert sein, dessen Stärke man an den Osterstreitigkeiten und der 
montanistischen Bewegung beobachten kann. Jedenfalls aber würde er einen 
Kampf um das NT entzündet haben, der länger gewährt und stärkere Spuren in 



18) Pseudocypr. de rebaptismate c. 17 (wahrscheinlich erst um 380 geschrieben cf 
Th. Ltrtrbl. 1899 Sp. 316 gegen GK II, 882) erklärte diese Akten, welche er nnter dem 
Titel Paulli praedicatio citirt, für ein Machwerk von Ketzern, welches sich vielfach mit 
allen hl. Schriften in Widerspruch setze. 



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§ 3. Das Neue Testament um 140—170. 27 

der Geschichte zurückgelassen hätte, als jene Kämpfe um das Passah und die 
neue Prophetie. Am allerunbegreiflichsten aber wäre unter dieser Voraus- 
setzung, daß nach amtlichen Verhandlungen, an welchen alle Hauptkirchen hätten 
beteiligt sein müssen, die einzelnen Kirchen, ohne nach einander zu fragen und 
von einander zu wissen, den Jk oder den Hb teils als hl. Schrift gelesen, teils 
völlig ignorirt haben. Daß das NT um 200 nicht das Ergebnis einer um 150 
oder 170 stattgehabten Revolution, sondern einer weiter zurückliegenden Ent- 
wicklung ist, beweist auch der Zustand der Texte um 200. Sie zeigen eine 
Mannigfaltigkeit, welche nur beim Mangel jeder die Gesamtkirche umfassenden 
Kontrolle sich bilden konnte. Zumal seitdem Marcion seiner Gemeinde ein fest- 
umgrenztes NT mit einem bis aufs Jota festgestellten Text gegeben hatte, konnte 
in der Kirche nicht mehr ein NT geschaffen oder redigirt werden, welches 
nicht nur in bezug auf die dazu gehörigen Bücher fließende Grenzen zeigt, 
sondern auch in bezug auf wichtigste Stücke des Textes, wie das Aposteldekret 
und den Marcuschluß, den einzelnen Kirchen die Wahl oder vielmehr ihre be- 
sondere Gewohnheit freigab. 



§ 3. Das Neue Testament um 140—170. 

Valentin hatte seine Schule gegründet, welche in verschiedene von einander 
abweichende Zweige gespalten und von der Ehone bis zum Tigris verbreitet, 
eine reiche literarische Tätigkeit entfaltete, ohne so entschieden wie Basilides 
u. a. sich von der Kirche getrennt zu halten. Marcion gründete zu Rom, 
nachdem er sich wahrscheinlich im Jahre 144 von der katholischen Kirche los- 
gesagt hatte, seine eigene Kirche. Neben dem Kampfe gegen diese Richtungen 
waren die literarischen Vertreter der Kirche hauptsächlich mit Verteidigung des 
Christentums vor den heidnischen Obrigkeiten und Bevölkerungen beschäftigt, 
und gerade diese apologetische Literatur, welche wenig Gelegenheit bot, über 
die hl. Schriften der Christen zu handeln, ist uns in vielen Stücken erhalten, 
während die gleichzeitigen Streitschriften gegen die Häretiker bis auf wenige 
Bruchstücke und Titel zu Grunde gegangen sind. Dies erschwert die Unter- 
suchung, ohne sie doch unmöglich zu machen. 

1. Marcions Bibel 1 ). Über diese sind wir hauptsächlich durch Tertullian, 
welcher den Ketzer durch sein eigenes NT bekämpfen wollte und zu diesem 
Zweck dasselbe von Anfang bis zum Schluß durchgeht (c. Marc. IV — V), dem- 
nächst durch Excerpte aus demselben bei Epiph. haer. 42, sowie durch einige 
Citate in dem Dialog des Adamantius 2 ), aber auch durch viele zerstreute Nach- 



1) GK I, 585—716; II, 409—529; Versuch einer Wiederherstellung des Textes II, 
455—529. 

2) Neu herausgegeben unter Benutzung der alten lat. Übersetzung von v. d. Sande 
Bakhuyzen, Leipzig 1901. 



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28 § 3. Das Neue Testament um 140-170. 

richten bei Griechen und Syrern bis ins 5. Jahrhundert hinein so gut unter- 
richtet, daß die Versuche, es zu rekonstruiren, nicht vergeblich geblieben sind. 
Marcion hatte neben seinem NT eine zur Rechtfertigung seines dogmatischen 
Standpunktes und seiner kritischen Ausgabe des NT's bestimmte Schrift „die 
Antithesen" ausgehen lassen, welche das symbolische Buch seiner Kirche wurde 
und von Tertullian, Ephraim u. a. studirt worden ist. Indem Marcion die 
im AT beurkundete Offenbarung verwarf, ließ er seine ganze Bibel nur aus 
zwei Büchern bestehen, einem evayyiXiov und einem &7tOGTofox6v, beide ohne 
den Namen eines Verfassers im Titel. Da ihm Paulus als der einzige Prediger 
des unverfälschten Ev unter den Aposteln galt, umfaßte das Apostolikum 
nur Briefe des Paulus, und zwar 10 in folgender Ordnung: Gl, 1, 2 Kr, Em, 
1, 2 Th, Laodic. (= Eph), Kl, Phl, Phlm. Daß diese Sammlung eine von 
Marcion in der Kirche vorgefundene, anders gestaltete Sammlung der Paulus- 
briefe voraussetzt, liegt auf der Hand. Durch exegetische Beweisführung hat 
er zu zeigen gesucht, daß der Brief, den die Kirche unter dem Titel Jtqbq 
> Ecp£<JiovQ fortpflanzte, vielmehr der Kl 4, 16 erwähnte Brief sei und darum 
TtQog AaodvKÜg zu überschreiben sei (Tert. c. Marc. V, 17 cf V, 11). Die in 
der Kirche nicht übliche Voranstellung des Gl hatte er damit gerechtfertigt, 
daß Paulus in diesem Brief wie in keinem andern seinen Standpunkt gegenüber 
dem Judaismus klargestellt habe (c. Marc. V, 2 cf IV, 3). Er hat nach einer 
Andeutung Tertullians (V, 21) die Briefe an Tm und Tt als Privatbriefe ab- 
gelehnt, während er den an Philemou, aber zugleich an dessen Hausgemeinde 
gerichteten Brief aufnahm, und zwar diesen allein unverkürzt. Alle übrigen 
hat er durch bedeutende Streichungen, kleine Textänderungen und kühne Um- 
gestaltungen gründlich umgearbeitet. Voraussetzung war, daß die Fälschung 
der evangelischen Lehre, deren schon die Urapostel sich schuldig gemacht 
haben, von ihnen und ihren Nachfolgern in der Kirche (Tert. V, 19 psend- 
apostoli nostri et juddici evangelixatores) auch auf die Briefe des Paulus ausge- 
dehnt worden sei. Weder auf geschichtliche Überlieferungen, noch auf alte 
Urkunden, die das Ursprüngliche bewahrt hätten, hat Marcion sich berufen, 
sondern hat lediglich auf Grund seiner Anschauung vom wahren Christentum 
und vom Ev des Paulus den kirchlichen Text der Briefe kritisirt und mit 
divin atorischer Kritik den seinigen hergestellt. So auch in bezug auf das Ev. 
Er baute sein Ev auf die Kritik der in der Kirche gebrauchten Ew. Ad 
destruendum Station eoram evangeliorum, quae propria et sub apostolorum nomine 
eduntur vel etiam apostolicorum hat er nach Tert. IV, 3, gestützt auf Gl 2, 
1 — 14, die Urapostel der Übertretung und Heuchelei bis zur depravatio evangelii 
verdächtig erklärt und der interpolatio scripturae beschuldigt (Tert. V, 3), wenn 
er auch ein gewisses Dunkel darüber walten ließ, was die im Judaismus be- 
fangenen Verfasser der Evv, und was die späteren Fälscher verschuldet haben 
(GK I, 591 f. 651 — 66). Daß er das Ev des Lukas, welches er seinem neuen 
Ev zu Grunde legte, als ein "Werk des Paulusschülers Lukas kannte, bekundet 



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§ 3. Das Neue Testament um 140—170. 29 

er schon dadurch, daß er Kl 4, 14 diesen Judaicum evangelizaior (bei Tertullian 
= evangelista) des ehrenden Prädikats „der liebe Arzt" beraubt hat. Gegen 
Sprüche, welche dem Mt eigentümlich sind, wie Mt 1, 23 ; 5, 17; 19, 12, hat 
Marcion ausdrücklich polemisirt (GK I, 663 — 671). Es ist auch kaum zu be- 
zweifeln, daß er einzelne kleinere Stücke aus Mt und Jo in sehr geschickter 
Auswahl seinem Ev einverleibt hat, so Mt 20, 23 (oder Mc 10, 40); Jo 13, 
3—17. 34; 15, 19 (GK I, 671—680). Vor allem aber bezeugt sein Ev, so- 
weit wir dessen "Wortlaut wiederherstellen können, daß ihm ein Text' des Lc 
vorlag, welcher infolge langjähriger Verbindung mit den Ew des Mt und des 
Mc mit den Texten dieser vielfach gemischt war. Dagegen ist bis heute keine 
Spur vom Einfluß eines außerkanonischen Ev bei Marcion nachgewiesen worden. 
Hieraus folgt, daß das Ev der römischen Gemeinde, von welcher Marcion sich 
trennte, um 140 ebenso wie um 200 aus unseren 4 Evv bestand. Auch die 
von Marcion vorgefundene Sammlung der Paulusbriefe unterschied sich in nichts 
von derjenigen im C. Mur. "Wir hören nicht einmal von Polemik Marcions 
gegen Sätze und Lehren des Hb. Daß er Briefe der Pseudapostel Petrus und 
Johannes oder des durch Gl 2, 9. 12 in so schlimmes Licht gestellten Jakobus, 
wenn er sie in kirchlichem Gebrauch fand, ebensowenig wie das AT^ diese 
Sammlung von Schriften des Judengotts, in seiner Gemeinde dulden konnte, 
liegt auf der Hand. Die Ap und AG scheint er ausdrücklich verworfen zu 
haben (Tert. c. Marc. III, 14; IV, 5; V, 1. 2; praescr. 22; Pseudotert. haer. 
16). Im Vergleich mit dem kirchlichen NT nicht nur seiner Zeit, sondern auch 
der zwei folgenden Jahrhunderte mit seinen verschwommenen Grenzen und 
seinem wild wachsenden Text ist dasjenige Marcions ein sauber abgegrenztes, 
ins Kleinste berechnetes Kunstwerk, aber auch das "Werk eines despotischen 
Gesetzgebers. In seiner Umgestaltung von Lc 16, 17 hat er im Hinblick auf 
das von ihm neugeschaffene Evangelienbuch, welches „das Ev Christi" sein 
sollte, dem Herrn das sinnlose Wort in den Mund gelegt, von seinen "Worten 
solle „kein Häkchen" dahinfallen (GK I, 687; II, 479). 

2. Die Bibel bei den Val entinianern 8 ). Was Marcion „mit 
Messer und Schwamm" des Kritikers ins Werk setzte, glaubten Valentin und 
seine Schüler durch Auslegung zu erreichen. Wie sie selbst nicht freiwillig 
aus der Kirche ausschieden, sondern sich nur von den communes ecclesiastici 
unterschieden, so hatten sie auch nichts gegen die übliche Lesung von „Pro- 
pheten und Aposteln" einzuwenden. Sie bedurften keiner eigenen Bibel, 
sondern verstanden es, in die Bibel der Kirche ihre Sondergedanken einzutragen 
und, was ihnen nicht daran zusagte, sich zurechtzulegen. Die Evv der Kirche 



3) GK II, 718—763; II, 953—964. Hierhin gehören nach den neuerdings bekannt 
gewordenen Fragmenten der Johannesakten des Leucius auch diese und die von dem 
gleichen Vf herrührenden Petrusakten cf N. kirchl. Ztschr. 1899 S. 191—218; Forsch VI, 
14-18, 194—205. 220; GK I. 784—788; II, 832— 865 ; T o r m , Valentinianismens Historie 
og Laere, Kopenhagen 1901 p. 66—98. 



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30 § 3. Das Neue Testament um 140—170. 

haben sie ausgiebig benutzt, besonders das vierte (Iren. HI, 11, 7). Ohne Vor- 
aussetzung des johanneischen Prologs ist der künstliche Aufbau der Aonenreihe 
Valentins nicht zu begreifen. Herakleon hat das ganze 4. Ev kommentirt. In 
den Fragmenten der verschiedenen Zweige der Schule finden wir von den 
Briefen des Paulus mit Vorliebe gebraucht Eph, Kl und 1 Kr, aber auch Rm, 
2 Kr, Phl, Gl, welchen letzteren der Valentinianer Alexander kommentirt hat. 
An dem Inhalt der Evv übten sie vielfach Kritik und beriefen sich für ihre 
darüber hinausgreifende Erkenntnis auf die Geheimtradition. Eben diese werden 
sie in dem evangelium veritatis niedergelegt haben, dessen Abfassung und Ge- 
brauch neben den 4 Ew Irenäus ihnen schuld gibt (III, 11, 9; Pseudotert. 
haer. 12 cf Orig. c. Cels. II, 27), und es ist möglich, daß alles, oder doch 
das meiste, was von apokryphen ev Traditionen bei den abendländischen Valen- 
tinianern vorkommt, in diesem fünften Ev Platz gefunden hatte. 

Hier ist auch das Petrusevangelium zu erwähnen. Nach Serapion 
(oben S. 16 f.) war dieses nicht von den Doketen in Antiochien, welche ihm 
ein Exemplar dieses ihres Ev borgten, sondern von Vorgängern dieser Sekte 
verfaßt und in Gebrauch genommen worden. Als Stifter der Doketensekte galt 
aber Oassianus, ein ehemaliger Valentinianer (Clem. ström. III, 91). Demnach 
wäre das Petrusev in dem orientalischen Zweig der valentinianischen Schule, 
dessen Hauptsitz Antiochien war, entstanden, wie das evangelium veritatis bei 
den Valentinianern des Occidents, beide etwa um die Mitte des 2. Jahrhunderts. 
Dazu stimmt der dogmatische und literarische Charakter des großen Bruch- 
stücks des Petrusev, welches Bouriant entdeckt und 1892 veröffentlicht hat. 
Nachdem die erste Aufregung über diesen Fund ruhigeren Erwägungen Platz 
gemacht hatte, hat man sich ziemlich allgemein davon überzeugt, daß dieses Ev 
ganz und gar auf den kanonischen Evv der Kirche beruht 4 ). Außerdem hat 
der Vf wahrscheinlich die auch Justin dem Märtyrer (apol. I, 35. 48) be- 
kannten Pilatusakten benutzt und hat ihnen vor allem die Idee entlehnt, den 
Pilatus möglichst zu entlasten und die Juden als die alleinigen Mörder Jesu 
darzustellen. Der Titel xotoc ühgov, welchen das Petrusev nach Serapion (Eus. 
VI, 12) und Origenes (tom. X, 17 in Matth) trug, ist Nachbildung jener kirch- 
lichen Ausdrucksweise, welche eine aus mehreren, von verschiedenen Verfassern 
herrührenden Evv bestehende Sammlung, den kirchlichen Evangelienkanon vor- 
aussetzt (oben S. 16). 

Einem Zweig der valentinianischen Schule in Kleinasien gehört, wie wir 
noch nicht seit langem wissen, auch Leucius, der Vf der Johannes- 
und Petrusakten, an 5 ). Die beiden Apostel dieser Legenden tasten das 



4) Cf besonders v. Schubert, Komposition des pseudopetrinischen Evangelien- 
fragments, 1893, und Zahn, Das Petrusev. 1893. 

5) Acta apost. apocr. ed. Lipsius et Bonnet I, 45—103; II, 1, 151 (eigentlich erst 
p. 160 von c. 18 an) — 216. Über die Identität des Vf beider Legenden und den 
valentinianischen Standpunkt desselben s. die Literatur oben S. 29 A 3. 



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§ 3. Das Neue Testament um 140—170. 31 

Evangelienbuch, welches im Gemeindegottesdienst gelesen wird, nicht an; sie 
^bekennen sich selbst nach 1 Jo 1, 1 — 4 als an seiner Abfassung beteiligt.^ Da 
sie aber nach Jo 21, 25 in diesem Ev nur soviel haben schreiben können, als 
die Masse zu begreifen im stände war, so gehen sie in ihrer mündlichen Predigt 
vor den Gereifteren darüber hinaus nicht nur mit Deutungen des bereits Ge- 
schriebenen, sondern auch mit reichlichen Mitteilungen aus ihrer unerschöpf- 
lichen Erinnerung an Jesu Taten und Worte 6 ). Dadurch gewinnt der Dichter 
freien Spielraum zu eigener Erfindung, ohne so wie die Yf des ev. veritatis 
und des evayy. x. nhqov förmlich als Evangelist aufzutreten. In der einen 
oder anderen Form haben diese Leute unt 140 — 170 an die 4 Evv der Kirche 
anknüpfend weiter gedichtet. Gebrauch eines anderen nach Stoff und Torrn mit 
den 4 Evv vergleichbaren Buchs, welches dann älter als Yalentinus sein müßte, 
läßt sich in dieser gesamten Literatur nicht entdecken. "Wenn es wahrscheinlich 
ist, daß der Verf des Petrusev die Pilatusakten, und daß die Markosier und 
Leucius ein sogen. Kindheitsevangelium, wie das des Thomas (Iren. I, 20, 1 ; GK 
I, 745 f. ; II, 854), benutzt haben, so sind dies eben keine Evv, keine Bücher, 
welche jemals im Gottesdienst mit den 4 Evv hätten konkurriren können oder 
auch nur wollen. — Leucius hat sich in der Anlage der „Wanderungen des 
Jo" an die Folge der 7 Gemeinden in Ap 1, 11 angeschlossen (Forsch VI, 
197 ff.). Der gleichfalls aus Valentins Schule hervorgegangene Markus, wie 
andere Valentinianer des Ostens haben manches aus der Ap geschöpft. Auch 
von der AG, dem 1 und 2 Pt, dem Hb finden sich deutliche Spuren (GK I, 
754_773. 787; II, 853—855). Kurz, das NT, welches die bedeutendste 
gnostische Schule um 140 — 170 in allen ihren Verzweigungen und literarischen 
Erzeugnissen als Gemeinbesitz der Kirche erkennen läßt, ist identisch mit dem 
NT um 200; nur daß diese „ Geistmenschen u mit dem für die Menge be- 
stimmten, geschriebenen Wort der Apostel auslegend, kritisirend, eintragend 
freier umgingen als die Kirchenlehrer, und daß sie unter dem Schild der Ge- 
heimtradition teils eigene Erfindungen, teils ältere Überlieferungen und Dich- 
tungen, welche nicht „in der Kirche Gottes geschrieben gefunden werden" 7 ), 
als ebenbürtige Zeugnisse der Wahrheit geltend machten. 

3. Die Schriften der Apostel bei Justinus Martyr 8 ). In 
seiner kurzen Beschreibung des sonntäglichen Gottesdienstes, wie ihn die Christen 



6) Acta apocr.-I, 66 f., II, 1. 194; Isid. Peius, epist, II, 99; GK II, 848—853; 
Forsch VI. 195 f. ; über die Entstehung des 4. Ev nach Leucius, Forsch VI, 201 f. 

7) So schrieb Valentinus in der Homilie ttsqI <pi)xov bei Clemens ström. VI, 52 cf 
GK II, 953 ff. 

8) GK I, 457 — 459. 463—585; ßousset, Die Evangeliencitate Justins in ihrem 
Wert für die Evangelien kritik, 1891 ; Baldus, Das Verhältnis Justins zu den synoptischen 
Evv, 1895. Über die Abfassungszeit der Hauptschriften, der Apologie mit ihrem Nach- 
trag (der sogen, zweiten Apologie) und des Dialogs mit dem Juden Tryphon bald nach 
150 s. Forsch VI, 8-14. 364. 



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32 § 3. Das Neue Testament um 140-170. 

überall in Stadt und Land feiern, nennt Justin als erstes (apol. I, 67): 
ta &7tof.tvmovevfxaTa x(bv dutotnoXcov fj %a avyyQdfXfiaza xwv 7tqocpr\%GiV &va~* 
yivcboxerai. Schon I, 66 war zu lesen: ol anoaiokoi ev %olg yevojievoig vit > 
avTOJV &7tof.ivrißOvevf,iaöiv 9 & xaXeliai evayy&ia, ovxcog 7taQ€Ötoxav hrezäXd-ai 
ctvtolg. Hienach ist evayyiXta der in der Kirche übliche Name jener Mehr- 
heit von Schriften, welche der Jude Trypho und Justin selbst auch singularisch 
als „das Ev" bezeichnen ). "Wie in bezug auf andere, den Christen eigentüm- 
liche Gegenstände und Begriffe hat Justin den in der Kirche üblichen Namen 
im Interesse seiner nichtchristlichen Leser regelmäßig durch einen diesen ge- 
läufigen Ausdruck ersetzt. i A7tO(.ivrif.iovev(jiaTa 1 nicht „Denkwürdigkeiten", son- 
dern „Erinnerungen, Aufzeichnungen aus der Erinnerung", bezeichnete eine viel 
gepflegte Gattung der Literatur, deren ältestes und berühmtestes Beispiel 
Xenophons Memorabilien waren. Man nannte solche in der Kegel nach den 
Verfassern, selten nach der Person, deren "Worte oder Handlungen ein Schrift- 
steller aus seiner Erinnerung aufgezeichnet hatte (GK I, 475). Die Beziehung 
der Apomnemoneumata auf Christus als ihren wesentlichen Gegenstand drückt 
Justin deutlich aus, indem er von den Verfassern der Evv oder des Ev apol. 
I, 33 sagt: tog ol &7tof,ivrj[.iov€vaavt€Q Ttdvxa top Ttegl tov otüT^Qog fm&v 
I. Xq. idlöa^av, olg eniatevaainev. Die Bezeichnung der Evv ist jedoch 
ebenso ungenau wie die Angabe über die gottesdienstlichen Lesebücher der 
Christen überhaupt. "Wie unter den „Schriften der Propheten" das ganze AT 
gemeint ist, so sind durch die Nennung nur der äno^iv. t. &tz. durchaus nicht 
andere christliche Schriften ausgeschlossen. Aber auch als Name der Ew ist 
der Ausdruck ein bewußt ungenauer, da Justin einmal ausdrücklich behauptet, 
daß die Apomn. „von den Aposteln und den Schülern derselben verfaßt seien" 10 ). 
Über die Frage, welche Evv darunter zu verstehen seien, würde längst allge- 
meine Übereinstimmung bestehen, wenn man sich gegenwärtig gehalten hätte, 
daß es sich nicht um irgend welche, nach dem Urteil eines einzelnen Schrift- 
stellers glaubwürdige Berichte über Jesus handelt, sondern um diejenigen, welche 
um 150 überall in der Christenheit, in Ephesus, wo Justin bekehrt wurde, wie 
in Rom. wo er schrieb, im Gottesdienst gelesen wurden und als Schriften von 
Aposteln und Apostelschülern galten, in welchen alle Christen die Stimme 
Gottes vernehmen, der sie unbedingten Glauben schenken (dial. 119; apol. 
I, 33). Selbst der Jude spricht von „dem sogen. Ev" (dial. 10) als einer ganz 

9) Trypho sagt dial. 10 vficov Se xal td ev TcpXeyofievcp evayyelicp 7zaQayyeA- 
/uccja S'avfiaord ovrcos xal /ueydXa eniarafiai elvai, cos vTioAa/ußdveiv fir}8eva Svvao&ai tpvhx^cu 
avrd' i/uol yäg i/ueXrjoev ivrvxetv avroZs. Cf C. 18 in. eneiBfi yd(> äveyvcos, co Tgvipcov, 
cos avrös ufioXoy/fOas %<p*is, rd vn exeivov rov ocottjqos rjficov Sidax&tvra. Justin sagt diaL 
100 im Gegensatz zu den atl Weissagungen von Christus: xal lv rcj> evayyelicp de 
yiyQaTtrai eincov (d. h. ist über Jesus geschrieben, daß er gesagt hat ; folgt Citat aus Mt 11, 27). 

10) Dial. 103 ev yd(> roZs aTtofivrjfiovevfiaaiv, ä yrifii vno tcov ärtooroXcov avrov xal 
rcov exeivois Tta^aytoXov&rjadvrcov avvrerdxO'aiy yey^a7trai ort tSgcos cooel &oo/ußoi xarexelro 
avrov evxo/uevov xrl. cf Lc 22, 44. 



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§ 3. Das Neue Testament um 140—170. 33 

bestimmten Größe, und Justin zweifelt keinen Augenblick, daß« jener damit die- 
selben Bücher bezeichne, welche er selbst mit der gesamten Christenheit „das 
Ev u oder „die Evv" zu nennen pflegt. Es können keine anderen sein, als die, 
welche Marcion kritisirt, und welche die Valentinianer so reichlich gebraucht, 
kommentirt und ergänzt haben, Justin unterscheidet nur einmal Apostel und 
Apostelschüler unter den Evangelisten ; es kann aber doch nicht Zufall sein, daß 
er es eben da tut, wo er eine nicht in einem der nach Aposteln genannten 
Evv, sondern nur Lc 22, 44 zu findende Tatsache anführt (dial. 103). Er hat 
also mit bewußter Rücksicht darauf, daß er hier den Bericht nicht eines Apostels, 
sondern des Apostelschülers Lukas citire, gegen seine sonstige Gewohnheit die 
Vf der Apomn. so genau bezeichnet. Aus dem gleichen Grunde vermeidet er 
auch anderwärts, wo er entweder aus Lc allein (dial. 105 n. 13) oder unter 
starker Benutzung des Lc citirt (apol. I, 33), den gewöhnlichen Ausdruck, 
welcher die Apomn. ohne Unterschied als Werke von Aposteln erscheinen ließ. 
Von Tatsachen, welche wir nur durch Mc 3, 16 f. kennen, sagt er, daß sie „in 
seinen (d. h. nach dem Zusammenhang, des Petrus, und nicht etwa Christi) 
Apomn. geschrieben seien" 11 ). Der Einfall, daß damit das Petrusev gemeint 
sei, und somit dieses damals zu den gottesdienstlichen Lesebüchern der katho- 
lischen Christenheit gehört habe, ist schon aus chronologischen Gründen unan- 
nehmbar (oben S. 30) und würde auch dann nicht glaublich sein, wenn im 
Petrusev diese wie andere Stellen aus Mr Aufnahme gefunden hätten, wovon wir 
nichts wissen. Justin nennt vielmehr das Mrev „Erinnerungen des Petrus" 
nach der uralten Überlieferung über den Zusammenhang desselben mit Er- 
zählungen des Petrus 12 ). Ohne die Absicht, den Titel des Buchs zu ändern, 
lag es einem Justin hier darum nahe, es so zu nennen, weil es sich um ein 
Erlebnis des Petrus handelte, Mr aber nach allgemeiner Ansicht des 2. Jahr- 
hunderts in der Tat nicht eigene Erinnerungen an Jesu Worte und Taten, 
sondern Erzählungen und somit Erinnerungen seines Lehrers Petrus aufgezeichnet 
hat. Es ist hier nicht der Ort, den Beweis für die Vertrautheit Justins mit 
unseren Evv zu führen. "Was die Meinung erzeugt hat, daß seine Apomn. 
entweder teilweise oder völlig von den 4 Evv der Kirche verschieden seien, ist 
erstens die Freiheit und Nachlässigkeit seiner Citate, und zweitens die beträcht- 
liche Anzahl von Anführungen evangelischer Tatsachen und Aussprüche, welche 



11) Dial. 106 xai 16 bXtxbIv fiercovo/uay.ivai avrov IHtqov, eva rc5v ärcooToXarv, xai 
yeygdfpd'ai rovro iv rols aTTO/uvTj/uovet'/uaoiv avrov yeyevrj/nivov y.al tovro fierd rov xai 
uW&vs ovo adeXcpovs, vtoig Zeßedaiov bvras, /turcovo/tiaxivai ovo/tiari tov Boavegyes, 6 ionv 
viol ßQovrrfi, orj/ttavrixdv r\v rov avrov kxelvov eh'ai xrX. Cf GK I, 510 fi". 

12) So schon Johannes, der Lehrer des Papias, und dieser selbst bei Eus. h. e. III, 
39, 14; Irenäus, Clemens AI., Tertullian (c. Marc. IV, 2 licet et Marcus qüod edidit, 
Petri afftrmetur, cuius interpres Marcus)] Eusebius (demonstr. ev. III, 5, 95 Ttdvxa ydo 
rd Ttagd Mdoxqy rcäv ITerpov diaXi^eojv elvai ksysrai dTtofivrjfiovsvftaTa); Hieronymus (v. 

Zahn, Grundrifs der Geschichte des neutestamentlichen Kanons. 3 



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34 § 3. Das Neue Testament um 140-170. 

in den kanonischen Evv nicht nachzuweisen sind. In ersterer Hinsicht ist zu 
erinnern, daß dies nur darum hei Justin mehr als z. B. hei Clemens auffallt, 
weil man seine Citate genauer zu untersuchen veranlaßt war, als diejenigen des 
Clemens 13 ); ferner daß uns vieles als apokryph erscheint, was im 2. Jahrhundert 
nachweislich in den kanonischen Evv zu lesen war. In bezug auf die wirklich 
apokryphen Elemente aber ist zu bemerken, daß Justin keinen einzigen einiger- 
maßen selbständigen, neben der kanonischen Überlieferung stehenden Zug durch 
die ihm geläufigen Formeln yiyqaitxat mit und ohne hinzutretendes ev t. &Tto\iv^ 
eyqaipav ol ä7t6oTokoi u. dgl. auf die Apomn. zurückgeführt hat. Von der 
Feuererscheinung bei der Taufe Jesu hat er es geradezu ängstlich vermieden, 
dies ebenso wie die kanonischen Elemente der dortigen Darstellung als einen 
Bericht der Apostel auszugeben (dial. 88). Eine Episode der Passionsgeschichte 
(apol. I, 35), worin er sich nahe mit dem Petrusev (c. 3, 6 f.) berührt, wird 
um so sicherer auf eine gemeinsame Quelle der etwa gleichzeitigen Schriftsteller 
zurückzuführen sein, als einerseits Justin sich unmittelbar darnach auf die 
Acta Pilati beruft, andrerseits aber das Petrusev seine Tendenz, den Pilatus 
so schuldlos wie möglich darzustellen, wahrscheinlich einer eigens diesem Zweck 
gewidmeten Dichtung d. h. den Pilatusakten entlehnt hat. Außerdem ist so gut wie 
sicher, daß Justin das sogen. Protevangelium des Jakobus und das Kindheits- 
evangelium des Thomas gelesen hat. Anderes mag er wie noch viel spätere Kirchen- 
lehrer aus der noch nicht völlig versiegten mündlichen Überlieferung oder aus 
Büchern, welche wie das des Papias allerlei aus derselben gesammelt hatten, 
geschöpft haben. Die in den Gottesdiensten der ganzen Christenheit gelesenen 
Apomn. waren unsere 4 Evv. — Als ein "Werk des Apostels Johannes und ein 
echtes Erzeugnis christlicher Prophetie kannte Justin die Ap (dial. 81). Daß sie 
in den Kreisen, in welchen sie so angesehen wurde, auch je und dann, wie sie 
selbst es fordert, vor versammelter Gemeinde gelesen wurde, ist selbstverständ- 
lich. Über andere apostolische Schriften hatte Justin als Apologet keinen An- 
laß sich ähnlich zu äußern. Wir finden aber, daß seine religiösen Anschauungen 
und Ausdrucksweisen durch fleißige Lesung folgender Schriften bedingt sind: 
Em, 1 Kr, Gl, Eph (Phil?), Kl, 2 Th (Tt, 1 Tm?), Hb, 1 Pt (Jk?), AG und 
— die Lehre der 12 Apostel. Der kirchliche Einfluß des letztgenannten 
Buchs um diese Zeit wird auch dadurch bestätigt, daß die später weit ver- 
breitete Interpolation des Aposteldekrets AG 15, 29 aus Didache 1, 2 wahr- 
scheinlich schon dem Apologeten Aristides um 145 vorlag (vgl. Einl II 2 , 
346. 355). 



ill. 1 in dem Kapitel über Petrus : sed et evangelium juxta Marcum, qui auditor eius et 
interpres fuit, hujus dicitur). 

13) Cf GK I, 174 f. II, 752; Forsch VI, 26 f. 158 f.; Barnard, The biblical Text of 
Clement of AI. in the four gospels and the acts (Texts and Studies ed. Robinson V, 5) 1899 



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§ 4. Älteste Spuren u. Entstehung von Sammlungen apostol. Schriften. 35 

§ 4. Älteste Spuren und Entstehung von Sammlungen apostolischer 

Schriften. 

Aus den in § 3 zusammengestellten Tatsachen, zu welchen eine vollständige 
Untersuchung der für die gleiche Periode zeugenden Literatur noch manche 
Bestätigung hinzuzufügen hat, ergibt sich, daß schon geraume Zeit vor 140 im 
ganzen Umkreis der katholischen Kirche die Sammlung der 4 Ew und diejenige 
der 13 Paulusbriefe neben den Schriften des AT's gelesen wurden, und daß 
noch mehrere andere Schriften, wie Ap, AG, in einigen Teilen der Kirche wohl 
auch Hb, 1 Pt, Jk und Briefe des Jo und vielleicht sogar die Apostellehre der 
gleichen Ehre gewürdigt wurden. 

1. Die Sammlung der Paulusbriefe läßt sich an der Hand des 
1. Clemensbriefs (a. 97) und der Briefe des Ignatius und Polykarpus (um 110} 
bis in die letzte Zeit des 1. Jahrhunderts zurück verfolgen. Wenn bei Clemens 
(c. 5) noch eine selbständige Überlieferung vom Lebensgang des Paulus zu ent- 
decken ist, so ist das Bild des Apostels in der Vorstellung der Bischöfe von 
Smyrna und Antiochien durchaus nach dessen Briefen gestaltet, und die Art, 
wie sie sich auf dieselben berufen oder Gedanken derselben nachklingen lassen, 
setzt bei den Gemeinden in den Provinzen Asien und Macedonien und in Born, 
an welche Ignatius und Polykarp schrieben, Vertrautheit mit denselben Paulus- 
briefen voraus, welche die Brief schreib er in Händen hatten. Der Stolz und Buhm 
derjenigen Gemeinden, an welche Paulus Briefe geschrieben hatte, beruhte auf der 
allgemeinen Verbreitung dieser Briefe *). Polykarp (3, 2) verweist die Gemeinde 
von Philippi geradezu auf Lesung der Briefe des Paulus zum Zweck der 
Erbauung. Ignatius kennt den Epheserbrief bereits unter diesem irrigen Titel, 
welchen er schon vor Marcion überall in der Christenheit trug (oben S. 28), 
welchen derselbe jedoch nur als Bestandteil einer Sammlung getragen haben 
kann. Polykarp faßt Phl und Th unterschiedslos als eine an die Macedonier 
gerichtete Gruppe von Briefen zusammen (1, 2; 3, 2 ; 11, 3 — 4), wie das auch 
Clemens AI. protr. 87 und noch Victorinus von Pettau 2 ) auf Grund der ihnen 
vorliegenden Ariordnung der Briefe tun, wonach Phl — Th eine ungetrennte 
Gruppe bildeten. Eben, dies ist die Ordnung, welche dem Tertulliari vorlag 
(GK II, 344 f.), woraus sich dann um so leichter eine gelegentliche Ver- 
wechselung von Phl und Th bei Tertullian erklärt (Scorpiace 1 3), und welche 
als ein Best aus alter Zeit im Text des griechisch-lateinischen Codex Claromon- 
tanus (= D) 3 ) , bei Ambrosiaster, Augustin, Cassiodor, in alten Vulgatahss. 



1) Cf Clem. I Cor. 47, 1—3; Ign. Eph. 8, 1; 12, 2; Rom. 4, 3; Polyc. ad Phil'. 
1, 2; 3, 2; 11, &; Tert. praescr. 36; c. Marc. IV, 5; August, doctr. christ. II, 8, 12. 

2) Cf Haußleiter, Theol. Ltrtrbl. 1895 S. 196. 

3) In dem Verzeichnis der hl. Schriften, welches dieser Codex zwischen Phlm und 
Hb bietet, sind diese Briefe ausgefallen GK II. 159. 164. 171. 354, cf S. 349; unten 
Beil. JI. 

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36 § 4. Älteste Spuren u. Entstehung von Sammlungen apostol. Schriften. 

wie Fuld., auch in einigen griech. Minuskeln und in einem uralten syrischen 
Kanon 4 ) vorliegt und mit der Umstellung Th — Phl wahrscheinlich auch dem 
Origenes vorlag. Ist Clem. I Cor. 47, 1 mit den griechischen Hss und dem 
Syrer gegen den Lateiner, der xiva tqonov voraussetzt, in bezug auf den 1 Kr 
des Paulus zu lesen %L tvqwtqv vftiv iv &QXfi *ov evayyellov eyqaxpev, so ist dies 
auch kaum anders zu verstehen, als daß Clemens diesen Brief für den zuerst 
geschriebenen Brief des Paulus hielt, was sich bei ihm nicht anders, als beim 
Fragmentisten Müratori's daraus erklärt, daß dieser an der Spitze der Sammlung 
stand. Eine mit 1 Kr beginnende, mit Em schließende Sammlung setzen der 
C. Mur., Tertullian, wahrscheinlich auch Cyprian und Origenes voraus (GK II, 
59 f. 344 — 354). Diese Sammlung, welche zugleich die Folge Phl — Th und 
den falschen Titel TtQog 3 E(p€Oiovg enthielt, hat allen Anspruch darauf, die 
ursprüngliche zu sein und vor a. 97 sich verbreitet zu haben. Gewiß werden 
schon vor Entstehung dieser Sammlung einzelne Briefe des Paulus über die 
Gemeinden, an welche sie gerichtet waren, hinausgekommen sein. Ein Beispiel 
davon bietet uns schon Kl 4, 16. Die Verbreitung und Benutzung mancher 
Briefe des Paulus, welche 2 Pt 3, 15 f. voraussetzt, ist kaum anders zu denken, 
als daß mehrere solche in Hss vereinigt waren. 5 ) Dies waren aber Privat- 
sammlungen, welche weder unter sich noch mit der später in der Kirche überall 
zu findenden Sammlung völlig gleich gewesen sein können. Nach 2 Pt 3, 15 
befand sich darunter ein Brief des Paulus an jüdische Christen, welcher nicht 
in die kirchliche Sammlung aufgenommen wurde und daher verloren gegangen 
ist. 6 ) Die Entstehung der einen, seit den letzten Jahren des 1. Jahrhunderts 
nachweisbaren Sammlung von 13 Paulusbriefen ist durch das Vorhandensein 
solcher Sammlungen nicht erklärt und nicht nach Analogie derselben zu erklären. 
Es muß vielmehr in irgend einer bedeutenden Ortsgemeinde durch bewußtes 
Verfahren eine Auswahl unter den noch vorhandenen Briefen getroffen und eine 
geordnete Sammlung hergestellt worden sein, welche wegen ihrer Zweckmäßigkeit 
für die gottesdienstliche Lesung die bis dahin vorhandenen Exemplare einzelner 
Briefe oder auch bereits entstandener, sicherlich meist unvollständiger, in ein- 
zelnen Fällen vielleicht aber noch andere Stücke umfassender Sammlungen in 
kurzer Zeit überall aus dem kirchlichen Gebrauch verdrängt hat. Diesen Erfolg 
aber konnte die Sammlung nur haben, wenn sie sehr früh, ziemlich bald nach 
dem Tode des Paulus, ehe noch andere Sammlungen sich festgesetzt hatten, ver- 
anstaltet und in Umlauf gesetzt worden ist. Um so sicherer ist, daß man nicht 



4} Studia Sinaitica I (London 1894) p. 14 cf N. kirchl. Ztschr. 1900 S. 793 ff. und 
hier unten § 6. 

6) Eine Vorstellung von der Entstehung solcher Sammlungen gibt uns Pol. ad 
Phil. 13, 2: tag sTtiaroXdg 'lyvariov rag TtefMpd'eioag r\fiiv (an Polykarp und an die 
Smyrnäer) vn avrov y.al aXXas, oaag ifyofiev Ttao yutv, &7i£[iy.afiev vjiiv, xad'cog iverei- 
Xaa&e • cäriveg vTroreTctyperai eloi rrj imoxoXfi ravTTj. 

6) Einl II 2 , 45 f. 97 f. 



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§ 4. Älteste Spuren u. Entstehung von Sammlungen apostol. Schriften. 37 

alles, was von Briefen des Paulus aufzutreiben war, in die Sammlung aufnahm. 
Außer dem 2 Pt 3, 15 erwähnten Brief haben auch diejenigen, deren Abfassung 
durch Paulus uns durch 1 Kr 5, 9 und Phl 3, 1 verbürgt ist, keine Aufnahme 
gefunden. Eine schwierige Frage ist, ob der Hb, dessen überall verbreiteter 
Titel Ttqbg 'EßQCtiovg den frühzeitigen Anschluß an eine Sammlung voraussetzt, 
gleich damals als eine zwar nicht von Paulus herrührende, aber doch mit dessen 
Briefen verwandte Schrift angeschlossen wurde, oder ob dies erst später und an 
einem anderen Ort geschehen ist. Übrigens lassen sich über den Entstehungsort 
der Sammlung nur Vermutungen aufstellen. Die Voranstellung von 1, 2 Kr spricht 
für Korinth ; doch könnte man auch an Rom denken und in diesem Fall die Stellung 
des Rm am Schluß der ältesten nachweisbaren Sammlung allenfalls begreifen. 

2. Das Wort tb evayyiXiov, welches um 150 wie um 200 die Sammlung 
der 4 Evv bezeichnete (oben S. 16. 32), finden wir auch in der noch älteren 
Literatur nicht ganz selten so gebraucht, daß darunter zweifellos eine im Besitz 
der Gemeinde befindliche , ihrem Inhalt nach allgemein bekannte schriftliche 
Darstellung von Jesu Taten und "Worten zu verstehen ist 7 ). So in der Didache 8 ) 
und bei Ignatius, bei diesem zwar nicht an allen Stellen, welche man so ge- 
deutet hat, aber doch an einigen •) und vor allem an der vielumstrittenen Stelle 
Pbilad. 8, 2, aus welcher hervorgeht, daß gerade auch heterodoxe Christen für 
die von der Kirche behaupteten Glaubenssätze urkundlichen Beweis aus dem 
geschriebenen Ev forderten. Dieses Ev ist bereits die allgemein anerkannte 
Urkunde. Da überall Kenntnis desselben vorausgesetzt wird, so versteht sich 
von selbst, daß es durch regelmäßige Lesung im Gottesdienst den Gemeinden 
zum Gehör gebracht wurde. Dies wird bestätigt durch die präsentische Citations- 
formel Xiyzi 6 xvgiog mit und ohne h tcJ> evayyeXuo 10 ), welche daneben ebenso 



7) GK I, 840—950. Über Ign. Philad. 8 GK II, 945—949; über Clera. II Cor. 
14, 2 f. GK II, 942-945. 

8) Did. 8, 2 wird das Vaterunser wesentlich nach Mt 6, 9 — 13 eingeleitet cos 
exeXevaev 6 xvotos ev reo evayyekico avrov, ovreo Ttoooev'/eod'e. — 11, 3 xard rb Boy/ia tov 
evayyeXiov ovreo noi^aare. — 15, 3 cos fyere iv reo evayyelicp, ebenso 15, 4 mit dem Zusatz 
tov xvqiov rificov. 

9) Smyrn. 5, 1 (von den Ketzern) ove ovx eneiaav al TtoofrjreZai ovde 6 vo/nos Mcooecos, 
äM? ovde {UxQi vvv ro evayyihov ovde rd fj/uereoa rcov xar ävdoa 7tad"rjfiara, Smyrn. 7, 2 
7iQ£7Cov ovv ioriv . . . Tigooexeiv de rols Ttoo^raiSj i^aioercos de rep evayyeXicp, iv co T0 
Ttä&os rjfilv dedrjhcorai, xal r\ drdoraois Tejeleicorai. Philad. 5, 1 f. Ttoootpvycbv reo evayyeXicp 
cos oaoxl Iqoov xal rots äjtoorökois cos Ttpeoßvreoicp ixxkrjoias. xal rovs Ttootp^ras de aya- 
Ttcdfiev Sid ro xal avrovs eis ro evayyihov xarrjyyeXxivcu xrL Philad. 8, 2 ixel rjxovod 
Tivcov Xeyovrcov, ort v idv fir\ ev roZs ctQ%eiois evgco, iv rtp evayyeXtcp f ov 7iujrevco u , xal 
Xeyovros fjcov avroZe, Sri r ydyoa7trai u , a7Cexaid'r i odv fioi, ort n 7tooxeirai u , i/uol de dg%eZd 
ianv 'Jrjaovs Xpioros xrh Über AT und NT, Priester und Propheten einerseits, Apostel 
und Evangelium andererseits auch Philad. 9. 

10) So vollständig in der Predigt, welche als Clem. epist. II ad Corinth. überliefert 



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38 § 4. Älteste Sparen u. Entstehung von Sammlangen apostol. Schriften. 

auf das Heden Gottes in den Schriften des AT's angewandt wird; durch die 
Berufung auf einzelne Gebote Jesu als etwas, was die Gemeinden in und 
mit dem Ev besitzen, so daß eine genauere Wiedergabe entbehrlich scheint 
(Did. 15, 3. 4 s. S. 37 A 8), sowie durch die ersten Beispiele der Anwendung 
von fj yQ(xq)i] und yiyqamai auf das Ev oder die Evv n ). 

Welches aber war dieses r Ev u ? Zwischen dem katholischen Bischof und 
den mit ihm disputirenden Ketzern (Ign. Philad. 8, 2), sowie zwischen dem 
Bischof von Antiochien und den kleinasiatischen Gemeinden, überhaupt zwischen 
den Verfassern der uns erhaltenen Literatur aus der Zeit von 90 — 140 und 
ihren Lesern scheint ein stillschweigendes Einverständnis darüber zu bestehen, 
was das Ev sei, worin der. Erlöser gleichsam zum zweiten Mal r Fleisch u ge- 
worden ist (Ign. Philad. 5, 1), worin sie die Taten und Worte Jesu als gegen- 
wärtigen Besitz „haben" (Did. 15, 3. 4). 

Durch Papias wissen wir, daß zu Lebzeiten seines Lehrers Johannes in 
dessen Umgebung zu Ephesus ein Ev des Marcus gelesen und besprochen 
wurde 12 ). Aus Iren. III, 11, 7 vgl. I, 26, 1 ergibt sich, daß Kerinth, der Zeit- 
genosse des Johannes, dieses Ev vor anderen bevorzugte. Aus der Nachricht 
des Papias über Matthäus ist zu entnehmen, daß das hebräische Ev des Matthäus 
in der Provinz Asien eine Zeit lang nur durch das Mittel mündlicher Dolmetschung 
den Gemeinden zugänglich gemacht wurde, bis dies durch eine griechische Version 
überflüssig wurde, offenbar durch diejenige, welche von Barnabas als hl. Schrift 
citirt wird, und deren Wortlaut an vielen Stellen, besonders bei Ignatius und in 
der Didache wiederzuerkennen ist d. h. durch den griechischen Matthäus des 
kirchlichen Kanons. Das 4. Ev setzt nicht nur einen Typus der ev Tradition 
bei seinen Lesern als bekannt voraus, wie er uns in den Synoptikern vorliegt, 
sondern berücksichtigt auch den Wortlaut des Mr und des Lc. Der unechte 
Zusatz Mr 16, 9 — 20, welcher no*ch vor 150 dem unvollendet gebliebenen Ev 
des Mr beigefügt wurde, ist eine Kompilation aus Jo 20; Lc 24 und einer von 
Papias aufbewahrten Erzählung des Aristion, eines Jüngers Jesu. Die ältesten 
Kindheitsevv, das des Jakobus und das des Thomas (GK II, 768 — 780), fußen 
ebenso wie das erst um 150 entstandene Ev des Petrus und dasjenige Marcions 
sowie das wahrscheinlich noch etwas jüngere Ebionitenev nachweislich auf den 



ist: 8, 5, abgekürzt 3, 2; 4, 2; 5, 2; 6, 1; ein Wort der Bergpredigt mit liyet 6 &e6* 
13, 4; in bezug auf Alttestamentliches 3, 5 (als ob Jesus im Buch des Jesaja redete); 13, 2. 

11) Ign. Philad. 8, 2 (?. vorhin A 9) ; Baru. 4, 14 TiQooeywfiav, fi fröre, cos yeygaTzrai 
„TtoAAoi xXrjroi, oliyoi Be ixXexrol" evpe&ajjisv (== Mt 22, 14); Clem. U Cor. 2, 4 (hinter 
atl. Citaten) xal e-iiga ök ygayri Xeyei, 6n „ovx r i ld'ov xaXeaai dixaiovs, dXXd duagrcolovs", 
(= Mt 9. 13). In dem Objekt der gottesdienstlichen Vorlesung (rd yeygafifieva Clem. 
II Cor. 19, 1) sind ohne Frage ntl. Texte inbegriffen cf Just. apol. I, 67 oben S. 32. 

12) Die in Ein! II 2 , 207—211. 220. 227—234. 254—260. 265 f. 505 f. 520 und Forsch 
VI, 105 etc. gelieferten Beweise für diese und die nächstfolgenden Behauptungen können 
hier nicht excerpirt werden. 



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§ 4. Älteste Spuren u. Entstehung von Sammlungen apostol. Schriften. 39 

kanonischen Ew. Das vor 150 entstandene aramäische Hebräerev, an welchem 
sich die Nazaräer Jahrhunderte lang genügen ließen, ist, was seinen Inhalt an- 
langt, weder die Grundlage des griechischen Mt, noch eine selbständige Schöpfung 
aus dem Quell der mündlichen Tradition, sondern eine Umarbeitung desselben 
hebräischen (aramäischen) Ev, welches dem griechischen Mt der katholischen 
Kirche zu Grunde liegt. "Wie seine Entstehung zusammenfällt mit der Separa- 
tion der an ihrer nationalen Sprache und Sitte festhaltenden Judenchristen von 
der griechischen Kirche Jerusalems und des Reiches, so blieb sein kirchlicher 
Gebrauch auf jene separirten Gemeinden der „Hebräer" beschränkt. Daß abge- 
sehen vom Diatessaron der Syrer (s. unten § 6) jemals in einem Teil der katho- 
lischen Kirche ein anderes Ev außer unseren 4 Evv regelmäßig im Gottesdienst 
gelesen worden sei, ist nicht wahrscheinlich zu machen, geschweige denn zu 
beweisen. In der Literatur von 95 bis 140 finden sich neben einer Menge von 
Bestätigungen für den kirchlichen Gebrauch der 4 Ew nur vier ev Citate, welche 
aus diesen nicht abgeleitet werden können 18 ). Gemeinsam ist diesen Citaten 
eine unverhältnismäßige Ausführlichkeit, welche darauf hinweist, daß sie nicht 
allgemein Bekanntes in Erinnerung bringen, sondern mehr oder weniger Neues 
mitteilen sollten. Am wenigsten gilt dies von dem zweiten, welches allein auf 
das Ev zurückgeführt wird, dafür aber auch am wenigsten apokryphen Charakter 
zeigt 14 ). Die verbreitete Meinung, daß der alte Prediger (II Clem.) das Agypterev 
benutzt und als „das Ev u citirt habe, würde zu der höchst unwahrscheinlichen 
Annahme zwingen,. daß die Predigt in Ägypten gehalten worden sei; denn vor- 
ausgesetzt, daß dieses Ev älter als die Predigt ist, wäre doch nicht denkbar, 
daß das nach dem Land seines Ursprungs und seiner Verbreitung benannte Ev 
in so früher Zeit zum Ev auswärtiger Gemeinden geworden sei. Das Citat 
II Clem-. 12, 2 — 6, welches diese Vermutung hervorgerufen hat, ist verwandt, 
aber weder inhaltlich noch formell identisch mit einem Apokryphon, welches 
Clemens AI. im Agypterev und wieder in anderer Fassung und Verwendung bei 
Cassianus gefunden hat. Es lebten solcher nichtkanonischer Herrnworte nicht 
wenige in mündlicher wie in schriftlicher Überlieferung fort; Papias um 125 hat 
viele gesammelt; die Redaktoren neuer Evv haben, mit Ausnahme Marcions, 
solche noch nicht kanonisirte Worte mit Vorliebe sich angeeignet und verarbeitet. 
Ignatius und der Prediger im II Clem. konnten durch Mitteilung solcher Stücke 
mit noch größerer Unbefangenheit, als es Irenäus, Clemens AI., Origenes u. a. 



13) Clem. II Cor. 5, 2—4; 8, 5; 12, 2-6; Ign. Smyrn. 3, 2 GK I, 920—924; 934 
bis 941; II, 631—642. 

14) Clem. II Cor. 8, 5 Xeyei yäp 6 xvqios iv rq> evayyeXicp * „et ro /uixpor ovx trygrj- 
oare, 16 jieya Tis vulv Scoaei ; Xeyca yäp vjulv, öri 6 7Tiar6e hv lka%iOTq> xai Iv TtoXkqi Ttiaros 
ioTtr". Die solenne Citationsformel erklärt sich daraus, daß hier ein von Iren. II, 34, 3; 
Hippol. refut. haer. X, 33 unbedenklich citirtes Apokryphon mit dem kanonischen Spruch 
Lc 16, 10 verschmolzen ist. 



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40 § 4. Älteste Spuren u. Entstehung von Sammlungen apostol. Schriften. 

getan haben, die aas dem geschriebenen und gottesdienstlich gebrauchten Ev der 
Kirche zu schöpfende Kunde von Jesu Taten und Worten bereichern. 

Über die Entstehung der kirchlichen Evangeliensammlung haben wir keinen 
glaubwürdigen Bericht. Aber die Legenden, wonach der Apostel Johannes die 
synoptischen Evv geprüft, gebilligt und durch Hinzufügung des seinigen ergänzt 
habe (vgl. die Belege GK I, 943 ; II, 36 ff.) , enthalten einen Kern , welcher* 
durch die Nachricht des Papias vom Urteil des Johannes über Marcus, durch 
das tatsächliche Verhältnis des 4. Evangelisten zu den Synoptikern und durch 
die offenbare Bestimmung des 4. Ev für die Lesung in der Gemeindeversamm- 
lung (Jo 19, 35; 20, 31 ; vgl. 1 Jo 1, 4) als geschichtlich verbürgt ist. Ob die 
Lc 1, 1 erwähnten Versuche evangelischer Geschichtschreibung weitere Verbrei- 
tung gefunden haben, und ob es infolgedessen um 100 in Ephesus oder in 
anderen Gemeinden einer förmlichen Auswahl unter den vorhandenen Ew be- 
durft hat, um der Kirche „das Ev u zugeben, welches sie seither besitzt, wissen 
wir nicht. 

3. Sonstige Schriften, welche wir später zum NT gerechnet finden, 
sind jedenfalls nicht so wie die Ew und die Paulusbriefe schon damals zu einer 
Sammlung vereinigt worden; erscheinen sie doch erst dann als unveräußerliche 
oder umstrittene Teile einer solchen, als die Vorstellung eines NT's sich heraus- 
gebildet hatte. Die Urkunden reichen auch nicht aus, um zu bestimmen, ob 
der spürbare Einfluß einer apostolischen Schrift auf eine nachapostolische von 
privater Beschäftigung des späteren Schriftstellers mit einer älteren Schrift oder 
von öffentlicher Lesung der letzteren herrührt. Wir sind auf Schlußfolgerungen 
aus den späteren Zuständen und aus der ursprünglichen Bestimmung der frag- 
lichen Schriften angewiesen. Darnach ist frühzeitige öffentliche Lesung in weiten 
Kreisen anzunehmen für die nicht an eine Einzelgemeinde gerichteten Briefe: 
1 Pt, 1 Jo, ferner für die Ap (1, 3. 4; 2, 7. 23; 22, 16—19) und für den Hirten 
(vis. II, 4, 3). Ob dies auch von der AG gelten darf, erscheint zweifelhaft. 
Das enge Verhältnis, in welchem sie als literarisches "Werk vermöge ihres Ur- 
sprungs zu dem 3. Ev stand, mußte durch die innige Verbindung dieses Ev 
mit den drei anderen Ew im Gebrauch und der Anschauung der Kirche ge- 
lockert werden. Es werden viele auf die Entstehung des NT's bezügliche 
Fragen für immer ohne sichere Antwort bleiben. Aber als sicher darf gelten, 
daß um die Jahre 80 — 110 sowohl das „vierfaltige" Ev als das Corpus der 13 
Briefe des Paulus entstanden und in den gottesdienstlichen Gebrauch der heiden- 
christlichen Gemeinden auf der ganzen Linie von Antiochien bis Rom eingeführt 
worden sind, und daß diese beiden Sammlungen, welche den Grundstock des 
NT's bilden, von Anfang an im gottesdienstlichen Gebrauch und in der Vor- 
stellung der Gemeinden von einem bald weiteren, bald engeren Kreis christlicher 
Schriften umgeben waren, welche in ähnlichem Maße, wie jene zwei Sammlungen, 
geeignet schienen, als gottesdienstliche Lesebücher der Erbauung und Belehrung 
der Gemeinden zu dienen. 



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§ 5. Origenes und seine Schule. 41 

§ 5. Origenes und seine Schule. 

Eine wesentliche Änderung hat das NT durch Origenes und überhaupt im 
Verlauf des 3. Jahrhunderts nicht erfahren. Das Neue, was Origenes brachte, 
war die umfassende Vergleichung des überlieferten Besitzstandes der ver- 
schiedenen Kirchen. Sein wechselreiches Leben bot ihm Gelegenheit, die be- 
stehenden Verschiedenheiten durch Erfahrung kennen zu lernen; seine philo- 
logische Vorbildung und sein ausgesprochener Beruf für die gelehrte Arbeit im 
Dienste der Kirche befähigte ihn, sie mit Besonnenheit zu beurteilen. 
Schon vor 217 hat er von Alexandrien aus Rom besucht und ist dort von 
Hippolytus, dem ersten Gelehrten, den die dortige Kirche gehabt hat, vor ver- 
sammelter Gemeinde als ein aufsteigender Stern begrüßt worden 1 ). Er hat auch 
später Verbindung mit Rom gehabt (Eus. VI, 36, 4). Verschiedene Anlässe 
führten ihn mehrmals nach Athen, wo er sogar zu literarischer Arbeit Muße 
fand, nach Antiochien und nach Bostra, auch nach Cäsarea in Kappadocien. Die 
letzten Jahrzehnte verlebte er in Palästina. Schüler aus allen Ländern strömten 
ihm schon in Alexandrien, dann im palästinischen Cäsarea zu und blieben mit 
ihm in Verbindung. Einem Bibelforscher, wie er war, machte nicht bloß die 
Verwilderung des Bibeltextes beider Testamente Sorge, sondern auch die bis 
dahin wenig empfundene Uneinigkeit in bezug auf den Bestand und die Grenzen 
des Kanons. Origenes war kein durchgreifender Kritiker. „Verrücke nicht 
die ewigen Grenzsteine, welche deine Väter gesetzt haben" (Prov. 22, 28), 
sagt > er in bezug auf den Kanon 2 ). Was „die Männer der Anfangszeit" der 
Kirche bestimmt haben, ist nicht leichthin zu verwerfen (bei Eus. VI, 25, 13). 
Das entscheidende "Wort hat bei Orig. die kirchliche Tradition, welche ebenso 
wie die Entstehung der hl. Schriften unter der Leitung der göttlichen Vor- 
sehung steht (ep. ad Afric. 4. 9). Die Tradition ist aber nicht nach der der- 
maligen Sitte einer Einzelgemeinde zu bemessen, sondern durch Anhörung und 
Prüfung der Urteile aller Gemeinden zu ermitteln. Daraus ergibt sich inner- 
halb des Kreises der ,,libri ecclesiastici" (de princ. praef. 8) d. h. der in der 
Christenheit mit mehr oder weniger Übereinstimmung als hl. Schriften ange- 
sehenen Bücher (oben S. 11. 13), die Unterscheidung zwischen solchen, welche 
allgemein als hl. Schriften anerkannt sind (o^ioXoyovf.ievä)% und solchen, deren 

1) Eus. h. e. VI, 14, 10; Hieron. v. ill. 61 cf meine Skizzen» S. 339 A 40. 

2) Epist. ad Afric. 4 (ed. Delarue I, 16) cf Prol. in cant. (vol. III 36 non enim 
trameundi sunt termini, quos statuerunt patres nostri). 

3) Bei Eus. h. e. VI, 25, 8 Uir^og . . . /iiiav kmotokriv 6 fioÄoyov fiev^v xara- 
XiXoiTTev ' %otco de xal Sevrepav • dfifißäklerai ydo. Ebendort § 12 von den 13 Briefen des 
Paulus rcov aTtooTofoy.aiv 6 poXoyov pivcov yga/ufidrcor. Tom. XIV, 21 in Matth. äno 
nvog tpEQOfiivrß fikv iv r/j ixxk^aia (v. 1. tau ixxÄqoiaig) y?a<pf}g, ov Ttapä Ttäai de 6/ao- 
Xoyovftivr t s slvat &eiag. Vom kanonischen Daniel ep. ad Afric. 9 y feQo^evri 6/uo- 
Xoyovftivcos \7t avrov (als von ihm verfaßt) y$a<fr t . Wer sich auf die Apokryphen beruft 
(tom. XVII, 35 in Matth.) ovx ircl ofioXoyovftevov Tipäy^a Ttapä tole TzemoTevxooiv ikev- 
oetai. Cf tom. I, 4 in Jo tcov to'ivxv fe^Ofiivcov yqaytov xai iv izdoaig ixxkqoiaig &eov 



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42 § 5. Origenes und seine Schale. 

Anerkennung als hl. Schriften in einem Teil der Gemeinden auf Widerspruch 
stößt. Für letztere Klasse ist das später gebräuchliche imlayö^eva bei Orig. 
noch nicht fest geprägt 4 ). Langst waren diese Ausdrücke in der Kritik der 
klassischen Literatur gebräuchlich, wo es sich um die Echtheit oder Unechtheit 
von Schriften unter berühmten Namen handelte 5 ). Eben dies war aber auch 
bei der Kritik des biblischen Kanons in den meisten Fällen eine unumgäng- 
liche Vorfrage, deren Beantwortung in steigendem Maß auch für die Frage 
nach der Kanonicität entscheidend wurde. Nach Orig. gehörten zur Klasse der 
Homologumena des NT's: die 4 Ew, 13 Briefe des Paulus, 1 Pt, 1 Jo, 
AG- und Ap. Letztere gilt auch ihm als Abschluß des NT's (tom. 10, 15 in 
Matth.); er beabsichtigte, sie zu kommentiren (ser. in Matth. 49). Nirgendwo 
deutet er an, daß sie in einem Teil der Kirche beanstandet werde. Zu den 
Antilegomena gehören folgende Schriften: 1. Der Hebräerbrief. Orig. 
selbst citirt ihn sehr häufig ganz unbedenklich als paulinisch und kanonisch, be- 
sonders in seinen früheren Schriften. Er verteidigt die, wie es scheint, noch 
wenig zahlreichen Kirchen, welche ihn auf Grund alter Tradition so gebrauchen, 
gegen die Vorwürfe anderer Kirchen, und er verteidigt diese Tradition selbst 
mit der oben S. 17 f. erwähnten Modifikation (Eus. VI, 25, 11 — 14). Andrer- 
seits berücksichtigt er nicht selten, ohne jemand einen Vorwurf daraus zu 
machen, die Nichtanerkennung des Hb in anderen Kreisen (ser. in Matth. 28 
p. 848 D. 849 B; ad Afric. 9). 2. Der 2 Pt wird von Origenes nach den nur 
lateinisch erhaltenen Kommentaren häufig als echt und als heilige Schrift citirt 
(hom. 4, 4 in Lev. ; hom. 13, 7 in Num. ; Hb; IV, 9 ; VIII, 7 in Born. vgl. 
die Aufzählung aller apost. Bb. hom. 7, 1 in Jos.), auch von seinem Schüler 
Firmilian (Cypr. ep. 75, 6) als solche berücksichtigt. Orig. selbst hat nichts 
gegen ihn einzuwenden, leugnet aber nicht, daß er beanstandet wird (Eus. VI, 
25, 8). 3. Ebenso äußert er sich ebendort, § 10 über 2. 3 Jo, nur daß er 
hier ausdrücklich Zweifel an der Echtheit als Grund der Anfechtung angibt, 
was mit der Andeutung im C. Mur. 1. 72 übereinstimmt (ob. S. 20). 4. Der 
Jk wird häufig citirt, in den lat. Schriften auch als scriptum divma und 
apostolus Jacobus (hom. 2, 4 in Lev. ; lib. IV, 1 in Born. ; besonders ausdrück- 
lich hom. 4, 2 in Psalmos vol. II, 671), auch als Schrift des Bruders Jesu 
(lib. IV, 8 in Born.). Der Mangel an allgemeiner Anerkennung wird aber be- . 
rücksichtigt tom. 20, 10 in Jo. cf tom. 19, 6. 5. Auch in bezug auf den 
Jud geschieht dies ein einzigesmal tom. 17, 30 in Mt., während er übrigens 



TzeTTiOTevfievcjv eliai &£tcor. Bei Eus. VI, 25, 4 ttboi iwv 8 evayyefacov. a xal uora 
d parriop^rd ioTiv iv rf t vtzo top ovoavov ixxh\oiq tov &£Oi\ 

4) Cf jedoch de orat. 14, 4 rf; 8h tov TcoSrj 3iß).cp dir iliyovoiv oi ix TtsptTopfjs 
tag urj ev8iad'r i xoj. Dafür du<fißä).).ETai mit dem Gegensatz dravTioorjos bei Eus. VI, 
25, 4 u. 8 s. vorige Anm. 

5) Jos. c. Apion. I. 2. 5; 22. 3; Plut. vit. X orator. p. 839. 



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§ 5. Origenes und seine Schule. 43 

nicht nur häufig als hl. Schrift citirt, sondern auch hochgepriesen wird tom. 
10,- 7 in Mt. 6. Der Brief des Barnabas wird von Orig. nicht nur c. Cels. 
I, 63 als xa&oXiytT] imatoXri charakterisirt, sondern auch im Onomastikon mit 
den übrigen katholischen Briefen gleichgestellt (oben S. 22). 7. Den Hirten 
des Hermas hält Orig. für ein inspirirtes und sehr nützliches Buch 1. X, 31 
in Rom., zeichnet ihn deutlich vor den Apokryphen aus hom. 35 in Luc, setzt 
Bekanntschaft der Gemeinde mit demselben voraus hom. 13, 3 in Ezech., ver- 
wendet ihn reichlich zum Schriftbeweis und vermutet, daß er von dem B-m 
16, 14 erwähnten Hermas verfaßt sei, berücksichtigt aber auch ziemlich häufig 
den bis zur Verachtung gesteigerten "Widerspruch gegen dessen kanonische An- 
erkennung princ. TV, 11; hom. 8 in Num. ; hom. 1 in Psalm.; tom. 14, 21 in 
Mt. ; ser. in Mt. 53. 8. Als hl. Schrift hat Orig., wie es scheint, die 
Apostellehre princ. III, 2, 7 citirt (GK I, 363). Sie war eine solche in 
Alexandrien, aber keineswegs überall (oben S. 25), also sicherlich auch für 
Orig. ein Antilegomenon. 9. Endlich ist hier das Hebräerev zu nennen. 
Orig. erwähnt es nicht in seiner Liste apokryph. Evv (hom. 1 in Luc. GK II, 
625), citirt es dagegen mehrmals mit den für die Antilegomenen ihm geläufigen 
Formeln tom. 2, 6 in Jo.; hom. 15, 4 in Jerem. ; tom. 15, 14 in Mt. lat. cf 
Hieron. v. ill. 2. Die judenchristlichen Gemeinden, deren einziges Ev dieses 
war, hat Orig. zwar als zurückgeblieben betrachtet, aber scharf von den häre- 
tischen Ebioniten unterschieden und anerkannt, daß sie auf der kirchlichen 
Glaubensregel stehen (GK II, 664 f. 671). Daher mußte er auch ihr Ev als 
ein Antilegomenon in der Kirche gelten lassen. — Von anderen Schriften, wie 
der Predigt des Petrus (tom. 13, 17 in Jo.), den Akten des Paulus (tom. 20, 12 
in Jo*; princ. 1 , 2 , 3), dem ziemlich oft citirten 1 Clem läßt sich dies 
nicht behaupten. Eine „Lehre des Petrus" schließt Orig. princ. praef. 8 aus- 
drücklich von den libri ecclesiastici aus; von der Ap des Petrus zeigt sich bei 
ihm keine deutliche Spur. 

Alles erwägend und nichts, was noch der Entscheidung harrte, entscheidend, 
hat Orig. durch seine Schriften und seine Schüler auf die Fortbildung des Ka- 
nons in weiten Kreisen anregend gewirkt. Die allegorische Auslegung, durch 
welche Origenes den widerstrebendsten Stoff sich zurechtzulegen und den ver- 
schiedenartigsten Schriften den Eingang in das Heiligtum der Bibel offen zu 
halten verstand, fand auch Widerspruch. Die Schrift des Bischofs Nepos von 
Arsinoe „gegen die Allegoristen u vertrat und verbreitete einen Chiliasmus, 
welcher dem Bischof Dionysius von Alexandrien um 260 unerträglich schien 
und ihn veranlaßte, in einer Schrift „über die Verheißungen" diesem Chiliasmus 
durch Kritik der Ap den Boden zu entziehen (Eus. VII, 24 — 25; GK I, 
227—231. II, 990). Anknüpfend an die schroffe Kritik der Ap durch Cajus 
(oben S. 19), sucht er die seinige als pietätsvoll und bescheiden einzuführen. 
Er will die Ap nicht außer Geltung setzen, geschweige denn verspotten, auch 
nicht bestreiten, daß sie von einem inspirirten Mann Namens Johannes ge- 



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44 § 6. Das anfängliche Nene Testament der Syrer u. dessen Fortbildung. 

schrieben sei. Aber der hauptsächlich auf die Verschiedenheit des Stils und 
der Anschauungen zwischen dem 4. Ev und 1 Jo einerseits und der Ap anderer- 
seits gegründete Beweis des Dionysius, daß nicht der Apostel Jo die Ap ge- 
schrieben habe , die hämischen Hinweise auf die gespreizte Art der Selbst- 
bezeugung des Apokalyptikers und das Bekenntnis, daß der Wortsinn des Buchs 
Unsinn, der vorauszusetzende tiefere Sinn aber für ihn unfindbar sei: dies alles 
hat doch nur den praktischen Zweck, das Buch herabzusetzen. Daß dies in 
Ägypten für einige Zeit einigermaßen gelungen ist, bezeugt das unsichere Ver- 
hältnis der Ap zum NT in den ägyptischen Versionen, der sahidischen wie der 
boheirischen •). Die Kritik des Dionysius hat auch auf die Schule des Origenes 
in Palästina, insbesondere auf Eusebius Eindruck gemacht. Bei diesem wirken 
aber noch andere Tatsachen mit, ohne deren Kenntnis seine Bemühungen um 
Feststellung des Kanons nicht zu verstehen sind. 

§ 6. Das anfängliche Neue Testament der Syrer und dessen 

Fortbildung 1 ). 

Über die Anfange des Christentums in Edessa besitzen wir einen legen- 
darischen Bericht in syrischer Sprache (The doctrine of Addai ed. Phillips, 
1876), welcher bedeutsame Angaben über die dort eingeführten gottesdienstlichen 
Lesebücher enthält. Die Verschiedenheit der Urteile darüber, inwieweit diese 
Schrift mit derjenigen, aus welcher Eus. h. e, I, 13 geschöpft hat, identisch 
sei, kann hier auf sich beruhen. Die einschlägigen Angaben stellen jedenfalls 
einen Stand der Dinge dar, welcher durch die Einführung oder doch die allge- 
meine Verbreitung der syrischen Vulgata, der sogen. Peschittha (Peschito) be- 
seitigt worden ist. Dasselbe gilt von den Schriften des Aphraates um 340 
und zum Teil noch von den Kommentaren Ephraim* s zum NT; nicht minder 

6) Scrivener, A piain introdoction to the criticism of the >JT II 4 , 123. 137. 

1) Die älteren Arbeiten über diesen Gegenstand sind durch die zahlreichen und 
bedeutenden Veröffentlichungen syrischer Texte, sowohl biblischer als patristischer, 
während der letzten 50 Jahre antiquirt worden. Die Schrift von J. ßewer, The history 
of the NT Canon in the Syrian church, Chicago 1900, ist ein erster Versuch, die neuen 
Stoffe zu bewältigen. Reiche Literaturangaben bietet Nestle Prot. RE. IIP, 167 — 178. 
Ausgehend von der Untersuchung des syrischen Diatessarons habe ich mich vielfach 
auch um die Geschichte des ganzen NT's bei den Syrern der alten Zeit bemüht. 
Forsch LH, 286-299; GK I, 369-429; II, 530-564. 592-611.1016-1019; Zur Gesch. 
von Tatians Diatessaron im Abendland N. kirchl. Ztschr. 1894 S. 85 — 120; Ephraim's 
Kommentar zu den Briefen des Paulus Th. Ltrtrbl. 1893 Nr. 39 — 41; Die syrische 
Evangelienübersetzung vom Sinai, ebenda 1895 Nr. 1-3; Neue Quellenforschungen zum 
Diatessaron, ebenda 1896 Nr. 1—2; Art. „Evangelienharmonie" Prot. REncykl. V 8 , 653 
bis 661 ; Das NT Theodors von Mopsuestia und der ursprüngliche Kanon der Syrer, N. 
kirchl. Ztschr. 1900 S. 788—806. — Die allgemeinen Fragen werden vielfach berührt 
auch in dem Werk von A. Hjelt, Die altsyrische Evangelienübersetzung und Tatians 
Diatessaron, 1901 (= Forsch VII). 



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§ 6. Das anfängliche Neue Testament der Syrer u. dessen Fortbildung. 45 

von einem bisher wenig beachteten syrischen Verzeichnis der biblischen Bücher 
im Cod. Syr. 10 auf dem Sinai 2 ). Addai, der Stifter der Kirche von Edessa, 
soll ausdrücklich angeordnet haben, daß neben dem AT keine anderen Schriften 
als das Ev, die Briefe des Paulus und die AG-, als in welchen die 
göttliche "Wahrheit beschlossen sei, in den Kirchen gelesen werden sollen (D. 
Add. p. 46). Es waren also alle katholischen Briefe und dieAp 
ausgeschlossen. Dem entspricht genau jener syrische Kanon, der auf Voll- 
ständigkeit Anspruch macht ; ebenso der gesamte Citatenschatz des Aphraates 8 ). 
1. Neben anderen mißverständlich ungenauen Umschreibungen beider Testa- 
mente finden wir auch eine, wonach das NT mit dem Diatessaron gleichgesetzt 
erscheint (D. Addai p. 36; GKK I, 388 f.). Es ist dies der Name der nach aller 
Tradition von dem Syrer Tatian verfaßten syrischen Evangelienharmonie, ist 
also gleichbedeutend mit dem, was dieselbe Legende sonst „das Ev" nennt. 
Das Diatessaron ist in der Umgebung des Legendenschreibers das Buch gewesen, 
durch welches wenigstens regelmäßig die ev Geschichte der Gemeinde bekannt 
gegeben wurde. Auch dies bestätigen die Abhandlungen des Aphraates (Forsch 
I, 72—76 ; GK I, 396 — 404) und der Kommentar Ephraims über das Diatessaron. 
Ephraim kennt aber auch sehr wohl die vier Ew, und der erwähnte syrische 
Kanöü enthält nicht das Diatessaron, sondern die vier Ew in unserer Ordnung. 
Jenes nannten die Syrer spätestens 350, wie die um diese Zeit entstandene 
Übersetzung von Eus. IV, 29, 6 beweist, nicht nur Diatessaron, sondern auch 
„das Ev der Gemischten", diese das „Ev der Getrennten". Beide Gestalten des 
Ev haben bei den Syrern längere Zeit neben einander bestanden; es fragt sich 
noch immer, welche von beiden die ursprüngliche sei. Je umfassender der zur 
Verfügung gestellte Stoff und je gründlicher die darauf gerichtete Untersuchung 
geworden ist, um so verwickelter auch diese Frage. Voraussetzungen einer 
richtigen Beantwortung derselben sind folgende in der Tat heute nicht mehr 
wohl zu beanstandende Erkenntnisse : 1) Der geborene Syrer Tatian, welcher um 
150 — 160 in Rom Christ geworden ist und bald nach seiner Bekehrung die 
griechische „Bede an die Hellenen" herausgegeben hat, sodann aber, wahr- 
scheinlich um 172, in seine syrische Heimat zurückgekehrt ist, hat dort für seine 
Landsleute in deren Sprache das Diatessaron, „das Ev Jesu Christi des Sohnes 
Gottes durch vier" verfaßt. 2) Der zuerst von W. Cureton 1858 herausgegebene 
syrische Evangelientext (Sc = Syrus Curetonianus) und der von Agnes Smith 
Lewis auf dem Sinai entdeckte, von Bensly, Harris und Burkitt 1894 heraus- 



2) Studia Sinaitica Nr. 1, Catalogue of the syriac mss. in the convent of S. 
Catherine on mount Sinai by A. S. Lewis, London 1894 p. 11—14 cf N. kirchl. Ztschr. 
1900 S. 793 ff. (früher geschrieben und gedruckt als die vorläufigen Bemerkungen über 
dieses Verzeichnis in meinem „Athanasius und der Bibelkanon", 1901, S. 10). S. auch 
unten Beil. V. 

3) Cf Forsch 1, 92 f. (s. dort auch über unklare Angaben der jüngeren syrischen 
„Lehre der Apostel" bei Cureton, Anc. docum. p. 27. 32), ferner OK I, 374 f. 



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46 § 6. Das anfängliche Neue Testament der Syrer u. dessen Fortbildung. 

gegebene syrische Evangelientext (Ss = Syrtis Sinaiticus) stellen zwei Recen* 
sionen einer im Grunde einzigen Übersetzung der griechischen Evv dar, und 
diese Übersetzung als Ganzes genommen ist älter als die Peschittha der Ew; 
sie verhält sich zu dieser ähnlich wie die mißbräuchlich so genannte „Itala" in 
ihren mannigfaltigen Gestalten zur „Vulgata" des Hieronymus. 3) "Wie auf dem 
lateinischen Kirchengebiet, so hat auch auf dem syrischen im Lauf der Jahr- 
hunderte eine fast ununterbrochene Fortentwicklung der ev Texte teils durch 
erneute Berührung mit dem griechischen Original, teils durch Vergleichung und 
Mischung mit anderen Gestalten der Übersetzung stattgefunden, und zwar nicht 
nur vor der Entstehung einer officiellen Textrecension (Vulgata des Hieronymus 
— Peschittha der Syrer), sondern auch noch nach derselben. Bei den Syrern 
wurde dieser Prozeß dadurch ein noch verwickelterer, daß neben den wechselnden 
Gestalten der „getrennten Ew" auch noch das Diatessaron Jahrhunderte lang 
in kirchlichem Gebrauch stand. Da wir weder das Diatessaron noch die älteste 
Übersetzung der getrennten Evv in der Urschrift besitzen, so kann beinah alles, 
was bei Vergleichung der vorhandenen Urkunden für die Priorität oder 
Posteriorität sei es des Diatessarons, sei es des „Ev der Getrennten" spricht, 
auf nachträglicher Umgestaltung des einen oder des anderen dieser beiden 
Evangelienbücher beruhen. — Bis zur Entdeckung des Ss schien sich die 
Meinung befestigen zu wollen, daß das Diatessaron das ursprüngliche Ev der 
Syrer gewesen sei, und daß erst auf Grund desselben eine erste Übersetzung 
des „Ev der Getrennten" entstanden sei, als deren einziger Zeuge bis dahin Sc 
dastand 4 ). Seit der Entdeckung des Ss hat die umgekehrte Ansicht die Mehr- 
heit der Forscher für sich gewonnen 5 ). Hier ist nicht der Ort, auf die 
Einzelheiten einzugehen und ein entschiedenes Urteil zu begründen. Solange 

4) So zuerst Bäthgen, Evangelienfragrnente, der griech. Text des Cure tonischen 
Syrers 1885, welchem ich mich gegen meine eigene frühere Ansicht anschloß GK I, 
404 — 408. Auch gegenüber dem Syr. Sin. habe ich diese Ansicht aufrecht erbalten 
Th. Ltrtrbl. 1895 Nr. 2; Prot. REncykl. V 3 , 657. 

5)8. besonders Hjelt a. a. 0. S. 108 ff., wo auch über die Vorgänger (Burkitt, 
Holzhey, ßewer) gründlich berichtet ist. In der Besprechung der merkwürdigen Kom* 
bination von 3lr 6, 8 (el firj gdßSov jhövov) und Mt 10, 10 (/u.i]8e QdßSov) im Diatessaron 
(Ephr. ev. concord. ed. Moesinger 91 virgam . . . non baculum; Robinson bei Hamlyn 
Hill, Dissert. on the gospel comm. of S. Ephraem p. 86: a staff. . no stick) hat Hjelt 
S. 116—121 gegen mich gewiß darin Recht, daß damit nicht der Gegensatz einer dünnen 
Rute und eine3 derben, keulenartigen Stocks ausgedrückt sein sollte. Es ist auch zu- 
zugeben, daß Tatian zu dieser Harmonisirung der widersprechenden Angaben des Mt 
und des Mr durch Differenzirung des im Griechischen gleichlautenden Objekts §dßSov 
sehr wohl durch Ss veranlaßt werden konnte, welcher Mt 10, 10 mwin und dagegen 
Mr 6, 8 Hwatf bietet. Aber das Verfahren Tatians bleibt ein bewußter Kunstgriff des 
Hannonisten, und, worauf es mir (N. kirchl. Ztschr. 1894 S. 95; Pr. REncykl. V s , 657) 
vor allem ankam, ein schlagender Beweis dafür, daß Tatian sein Diatessaron in syrischer 
Sprache niedergeschrieben hat; denn in einem griechischen Diatessaron wäre der Ge- 
danke gar nicht auszudrücken gewesen. 



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§ 6. Das anfängliche Neue Testament der Syrer u. dessen Fortbildung. 47 

anerkannt bleibt, daß die in Sc vorliegende Gestalt des altsyrischen Ev der Ge- 
trennten in einem weitreichenden Abhängigkeitsverhältnis zum Diatessaron steht, 
wird sich schwerlich beweisen lassen, daß Ss von dem Einfluß des Diatessarons 
völlig unberührt geblieben ist. Für die Priorität des Diatessarons vor dem Ev 
der Getrennten, also auch vor dem relativ ursprünglichsten Text des letzteren 
(Ss), hat immer noch für sich 1) die Angabe der alten Addailegende, daß bei 
der ersten Gründung der Kirche in Edessa das Diatessaron eingeführt worden 
sei; 2) die teilweise kühnen harmonistischen Lesarten, welche in Ss seltener, 
als in Sc sind, aber doch keineswegs fehlen ; 3) die vielfache Verwandtschaft des 
Textes von Ss wie von Sc mit dem abendländischen Evangelientext, welche sich 
am natürlichsten daraus erklärt, daß der um 150 — 160 in Rom bekehrte Tatian 
nach seiner Rückkehr in den Orient seinen Landsleuten als der Erste das Ev in 
ihrer Sprache geschenkt hat. 

Die Vorherrschaft des Diatessarons, welche die Lehre des Addai, die 
Homilien des Aphraates und der Kommentar Ephraims für das 4. Jahrhundert 
bezeugen, wurde im 5. Jahrhundert gebrochen. Theodoret beseitigte um 
420 — 457 aus den syrischen Kirchen seiner Diöcese von Kyrrhos mehr als 200 
Exemplare dieses ketzerischen Buchs, und Bischof Rabbula von Edessa (412 — 435) 
wies seine Geistlichen an, dafür Sorge zu tragen, „daß in allen Kirchen ein Ev 
der Getrennten vorhanden sei- und gelesen werde u 6 ). Aber vergessen wurde 
das Diatessaron nicht so bald. Insbesondere bei den Nestorianern blieb es noch 
lange in hohem Ansehn, und es ist nicht ausgeschlossen, daß es dort auch noch 
im gottesdienstlichen Gebrauch sich einigermaßen behauptete. Die offizielle 
Bibel der Nestorianer wie der Jakobiten war doch vom Anfang der Spaltung 
der syrischen Kirche an die Peschittha mit den 4 Evv in unserer Ordnung an 
der Spitze des NT's. 

2. Die Sammlung der Paulusbriefe, welche die Syrer des 4. Jahr- 
hunderts in Gebrauch hatten, kennen wir vor allem durch den in einer sehr 
alten armenischen Übersetzung erhaltenen Kommentar Ephraims zu denselben 7 ). 
Die Übersetzung scheint genau zu sein; nur die eigentümliche Ordnung, in 
welcher Ephraim die Briefe gelesen und kommentirt hat, hat der Armenier oder 
haben spätere Abschreiber seiner Übersetzung durch eine bei den Griechen 
übliche Ordnung ersetzt. Abgesehen hievon zeigt die Sammlung drei Eigen- 

6) Theodoret, haer. fab. I, 20; Ephraemi, Rabulae etc. opera selecta ed. O ver- 
beck p. 220. Über sonstige Spuren des Diatessarons aus der Zeit nach Ephraim cf in 
Kürze Prot. REncykl. V 3 , 656; Ausführlicheres bei Bjelt S. (27 A 2.) 29-49. 63—75. 
162 — 166. Besonders wertvoll ist dort der Nachweis der verschiedenen Stellung der 
Nestorianer und der Monophysiten zum Diatessaron. 

7) S. Ephraemi Syri coram. in epist. Pauli nunc primum ex armenio in latinum 
sermonem a patr. Mekitharistis translati. Venetiis 1893. Cf Tb. Ltrtrbl. 1893 Nr. 
39—41. Über die ursprüngliche Ordnung der Briefe im Kommentar cf Harris, Four 
lectures on the western text of the NT, 1894 p. 21; eingehender N. kirchl. Ztschr. 1900 
S. 798 f. Über den Mangel des Phlm GK II, 564 f. A 1; Robinson, Euthaliana p. 91. 



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48 § 6- Das anfängliche Neue Testament der Syrer u. dessen Fortbildung. 

tümlichkeiten : 1) Der Hb ist als eine zweifellos paulinische Schrift zu den Ge- 
meindebriefen des PI gestellt. 2) Die apokryphe Korrespondenz zwischen der 
korinthischen Gemeinde und PI nebst einem die beiden Stücke derselben ver- 
bindenden erzählenden Zwischenstück ist als ein dritter Korintherbrief des PI 
und nicht nur als zweifellos echt, sondern auch als unbedingt kanonisch gleich 
den übrigen Briefen kommentirt. 3) Es fehlt eine Auslegung des Philemon- 
briefs und es wird derselbe auch nicht beiläufig erwähnt 8 ). Von hier aus 
d. h. aus der Rücksicht auf den Kanon der syrischen Nationalkirche im 4. Jahr- 
hundert erklärt es sich, daß die Theologen der Nachbarkirche im griechischen 
Syrien die Kanonicität des Phlm eifrig zu verteidigen hatten 9 ). In diesen 
drei Punkten stimmen die Citate des Aphraates genau mit Ephraim überein 10 ). 
Dagegen enthält der erwähnte syrische Kanon vom Sinai dem Wortlaut nach 
nicht den 3 Kr, auch nicht den 1 Tm, dagegen aber den Phlm und außerdem 
einen zweiten Philipperbrief hinter einem ersten. Letzteres ist nicht ein bloßer 
Schreibfehler, eine einfache Dittographie ; denn die Stichenzahl für die beiden 
Briefe an die Philipper ist eine verschiedene (318 und 235). Es können hier 
nicht die Gründe wiederholt werden, welche es wahrscheinlich machen, daß 
unter dem einen der beiden Philipperbi iefe und zwar unter dem ersten, größeren 
derselben, der apokryphe 3 Kr versteckt ist 11 ). Daß trotz der Differenzen 
zwischen Ephraim und diesem Kanon, welcher ja auch nicht das Diatessaron, 
sondern nur die 4 Evv anführt, dieser Kanon für die Urgeschichte des ntl Kanons 
der Syrer von größter Bedeutung ist, beweist vor allem die Ordnung 
der paulinischen Briefe, welche in entscheidenden Punkten mit derjenigen 
Ephraims, aber auch mit derjenigen Marcions übereinstimmt. Es genügt die 
Zusammenstellung : 



8) Man sollte eine solche besonders zu Kl 4, 9 und 17 aus Anlaß der # Namen 
Onesimus und Archippus erwarten. Der Kommentar zu Kl 4, 7*f. p. 178 würde die 
Vermutung gestatten, daß v. 9 in Ephraims Text fehlte. 

9) Chrysostomus in der Hypothesis (Montfaucon XI, 772 = Cramer, Cat. VII, 
101); Theodor. Mops. ed. Swete II, 259—266. wahrscheinlich auch Apollinaris von Lao- 
dicea cf Hieron. praef. comm. in epist. ad Phil. Vallarsi VII, 741 — 744. GK I. 
267-270; II, 997-1006. 

10) Er citirt den Hb oft als paulinisch (ed. Wright 20. 37. 141. 159. 242. 390. 
416. 418. 444. 447); ebenso den apokryphen 3. Korintherbrief p. 122. 472 f. cf GK II, 
561. 1016; und er citirt oder erwähnt niemals den Phlm. Letzteres hat bei der Klein- 
heit dieses Briefes natürlich nicht an sich, sondern nur im Zusammenhalt mit dem un- 
zweideutigen, obwohl gleichfalls nur negativen, Zeugnis Ephraims Beweiskraft. 

11) Cf N. kirchl. Ztschr. 1900 S. 794 f. 799f. Einen Anknüpfungspunkt bot der Um- 
stand, daß nach dem historischen Zwischenstück PI den apokryphen Brief an die Ko- 
rinther in Philip pi geschrieben, und daß die Korinther ihren Brief an PI, welcher 
ein wesentliches Stück des sogenannten „3 Kr u bildet, nach Philippi geschickt haben 
sollen. 



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§ 6. Das anfangliche Neue Testament der Syrer u. dessen Fortbildung. 49 



Marcion 


Sin. Kanon 


Ephraim 


Gl 


Gl 


Gl 


1. 2 Kr 


1. 2 Kr 


1. 2 (3?) Kr 12 ) 


Em 


Em 


Em 


— 


Hb 


Hb 


1. 2Th 


- — 


— 


Eph 13 ) 


Kl 


Eph 


Kl 


Eph 


Phl 


Phl 


Phl 


Kl 


— 


PhlH 


— 


— 


1. 2Th 


1. 2Th 


— 


— 


1 Tm 


— 


2Tm 


2Tm 


— 


Tt 


Tt 


Phlm 


Phlm 


— 



Während die Peschittha die gewöhnliche griechische Ordnung, jedoch mit 
dem Hb hinter den Privatbriefen, darbietet, haben wir bei Ephraim und im 
sin. Kanon eine Ordnung, die schon darum als ursprünglich und, da wir von 
einer dritten Ordnung bei den Syrern nichts hören, überhaupt als die ursprüng- 
liche Ordnung der Briefe bei den Syrern anzusehen ist. Wie aber kamen die 
Syrer zu einer Ordnung, welche in bezug auf die an der Spitze stehenden 
4 „Hauptbriefe" (Gl, 1. 2 Kr, Em) identisch ist mit derjenigen, welche Marcion 
um 145 in Rom den Paulusbriefen in seinem Apostolikon gegeben hatte (oben 
S. 24)? Die Thatsache erscheint um so rätselhafter, wenn man anerkennt und 
bedenkt, daß die Ordnung Marcions nicht etwa die Ordnung der ältesten Kirche, 
insbesondere nicht der römischen und überhanpt der abendländischen Kirche, 
sondern, wie namentlich die Voranstellung des Gl und deren Begründung zeigt, 
Marcions eigenstes Werk war. Die Legende bezeichnet die Briefe, welche neben 
dem AT, dem Ev (d. h. dem Diatessaron) und der AG ausschließlich im Gottes- 
dienst gelesen werden sollen, als „die Briefe des PI, welche uns Simon Kepha 
von der Stadt Rom schickte" (D. Add. p. 46). Das ist sagenhafte Einkleidung 
der geschichtlichen Erinnerung, daß die Kirche von Edessa die paulinischen 
Briefe nicht etwa von Antiochien, sondern von Rom her erhalten hat. Dies 
wird durch den Text der Briefe bei Aphraates und Ephraim bestätigt, welcher 
sich besonders auch in seinen zahlreichen Abweichungen von demjenigen der 
Peschittha mit dem abendländischen nahe verwandt zeigt 14 ). Eben damit ist 



12) Ob der 3 Kr bei Ephraim an 1. 2 Kr sich anschloß, ist ungewiß s. N. kirchl. 
Ztschr. 1900 S. 799 f. 

13) Marcion hatte ihn zu einer epistola ad Laodicenos gemacht, oben S. 28. 

14) Gf GK IL 556—564; Th. Ltrtrbl. 1893 Nr. 40 f. Robinson Euthaliana p. 83 
bis 92. 

Zahn, Grundrifs der Geschichte des neutestamentlichen Kanons. 4 



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50 § G- Das anfängliche Neue Testament der Syrer u. dessen Fortbildung. 

auch eine gewisse Verwandtschaft des ältesten syr. Textes der Paulinen mit dem- 
jenigen Marcions gegeben , welcher um 150 in Rom redigirt worden ist. Man 
wird aber auch durch Übereinstimmungen Ephraims mit solchen Texten Marcions 
überrascht, welche man für Erfindungen Marcions halten würde, wenn sich nicht 
auch sonst in der katholischen Tradition Spuren ihrer ehemaligen Verbreitung 
nachweisen ließen 1& ). Zu diesen Beobachtungen und Nachrichten stimmt es, daß 
die Kirche von Edessa , welche in ihren Anfangen vielleicht judenchristlichen 
Charakters war, in dem Osterstreit um 190 sofort auf die Seite der römischen 
Kirche trat (Eus. h. e. V, 23, 3), und vor allem die Tatsache, daß der Mann, 
welcher den Syrern das Diatessaron gab, um 150 — 160, also zu der Zeit, da 
Marcion in Born auf der Höhe seiner Bedeutung stand 16 ), ebendort Christ ge- 
worden war und von dort in den Osten heimgekehrt ist (oben S. 45). Dazu 
kommt, daß uns Eusebius die allerdings dunkle Kunde von einer eigentümlichen 
Bearbeitung der Paulusbriefe durch Tatian aufbewahrt hat 1 7 ). Nichts liegt 
näher zu vermuten, als daß dies bei Gelegenheit der Übersetzung dieser Briefe 
geschehen sei, obwohl Eusebius dies ebensowenig ausdrücklich sagt, als er gesagt 
hat, daß das unmittelbar vorher von ihm erwähnte Diatessaron Tatians ein 
syrisches Buch gewesen sei. Eusebius berichtet über diese beiden Arbeiten 
Tatians nur nach Hörensagen. In bezug auf das Diatessaron können wir seine 
Angabe jetzt durch ein sicheres Wissen ergänzen, in bezug auf die Recension 
der Paulusbriefe durch eine wahrscheinliche Vermutung. Tatian war kein 
Marcionit; aber es war nicht ganz unbegründet, wenn man ihm nachsagte, daß 
er nach dem Tode seines älteren Freundes Justin sich allerlei Abweichungen 
vom kirchlichen Gemeinglauben gestattet und von den verschiedensten häretischen 
Parteien einiges sich angeeignet habe 18 ). Es fehlt nicht an Berührungspunkten 
zwischen der ethischen Denkweise Tatians und Marcions. Wie Marcion „Anti- 
thesen" schrieb, so Tatian „Problemata". Was für jenen unversöhnliche Wider- 
sprüche waren, waren für Tatian mindestens der Lösung bedürftige Rätsel. 
Tatian hat 30 oder 40 Jahre später als Marcion an die Stelle der kirchlichen Ew 
wie dieser ein einziges „Ev Jesu Christi" gesetzt. Da Tatian in der ent- 
scheidenden Epoche seines Lebens gleichzeitig mit Marcion in Rom gelebt hat, 
ist kaum zu denken, daß er ohne Wissen um das Ev dieses seines Vorgängers 
den kühnen Gedanken des Diatessarons gefaßt und ausgeführt haben sollte. Daß 



15) Cf die Umgestaltung von Gl 4, 25 f. bei Marcion (GK H, 502), bei Ephraim 
(comment., in epist. Pauli p. 135; Expos, ev. concord. ed. Moesinger p. 34 cf Harris, Four 
lect. on the western text p. 96; Th. Ltrtrbl. 1893 S. 465), aber auch bei Makarius (hom. 
6, 7 ed. Pritius p. 98). — Marcion las 2 Th 1, 8 als ixSixrjair (GK II, 522); Iren. IV, 
.27, 4 dare vindictam; Ephraim p. 192 ad reddendam vindictam. 

16) Iren. III, 4, 3 Marcion . . . invaluit sub Aniceto. 

17) Eus. h. e. IV, 29, 6 rov 8k änooTokov tpoöi rok/uijocu nvas avrov /u.eray>pdocu 
cpwvai cos e7tiSw(>&ov/u£vov avrcör ttjv ttjs (pgäoecos ovvna^iv. Cf GK I, 423 ff. ; II, 563. 

18) Iren. I, 28, 1; III, 23, 8; Rhodon bei Eus. h. e. V, 13, 8 cf Forsch I, 284 ff. 



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§ 6. Das anfängliche Neue Testament der Syrer u. dessen Fortbildung. 51 

Tatian auch das Apostolikon Marcions beachtet hat, ist in jeder Hinsicht wahr- 
scheinlich. Jedenfalls aber erklärt sich die genaue Übereinstimmung der ältesten 
syrischen Sammlung der Paulusbriefe in bezug auf die an der Spitze stehenden 
4 Hauptbriefe mit der Anordnung des marcionitischen Apostolikons nur durch 
die Annahme, daß ein mit letzterem bekannter, aber nicht zur marcionitischen 
Partei gehöriger Mann, mag er nun Tatian oder anders geheißen haben, den 
Syrern die Paulusbriefe gebracht hat. 

Der ursprüngliche Bestand der Sammlung bei den Syrern läßt sich schon 
darum nicht ohne weiteres aus den genannten Quellen schöpfen, weil sie unter* 
einander nicht völlig übereinstimmen ; aber auch das, worin sie übereinstimmen, 
kann nicht in jedem Punkt das ursprüngliche sein. 1) Es besteht kein Grund 
zu bezweifeln, daß den Syrern von jeher der Phlm gefehlt hat. Es ist zu be- 
achten, daß die Kritiker, gegen welche Hieronymus oder vielmehr dessen Ge- 
währsmann den Phlm verteidigt (oben S. 48 A 9), behaupteten, „daß er von 
manchen Alten verworfen worden sei". Diese Alten sind bei Griechen und 
Lateinern nicht zu finden, wohl aber bei den Syrern. Nach Hieronymus hat 
Tatian ebenso wie Marcion einige Briefe des PI verworfen, aber nicht dieselben 
Briefe wie Marcion. Den Tt, den Marcion verwarf, habe Tatian besonders hoch 
gestellt 10 ). Es fragt sich, welche Briefe Tatian verworfen hat. Hieronymus hat 
vorher als von den Ketzern angefochtene Briefe besonders genannt : Hb, 1 . 2 
Tm und Tt. Da diese Aufzählung nicht vollständig zu sein braucht, kann 
Tatian auch den Phlm ausgeschlossen haben. So erklärt sich dessen ^Fehlen im 
ältesten syr. NT. Der sin. Kanon, welcher ihm die letzte Stelle anweist, wird 
hierin, wie in bezug auf die Ew ein vorgerücktes Stadium der Entwicklung dar- 
stellen. Mit Bestimmtheit ist 2) zu sagen, daß der Hb nicht ursprünglich dem 
syr. NT angehört haben kann. Erstens galt in Born, von wo die Samm- 
lung der Briefe nach Edessa gekommen ist, der Hb weder als paulinisch noch 
als kanonisch (oben S. 18). Zweitens würde der erste syr. Übersetzer, welcher 
hierin von der römischen Tradition abweichend den Hb aufnehmen wollte, ihn 
nach der vorherrschenden Sitte der Griechen an den Schluß entweder der Ge- 
meindebriefe oder sämtlicher Briefe des PI gestellt haben. Die Stellung hinter 
den „Hauptbriefen" (Sin. Kanon und Ephraim) ist die in Ägypten lange herr- 
schende, wobei nur der Unterschied besteht, daß der Gl teils als einer der 
Hauptbriefe voransteht, teils als einer der kleinen Briefe nachsteht, so daß der 
Hb bald an 4., bald an 5. Stelle steht 20 ). Abgesehen von dieser untergeord- 
neten Verschiedenheit ist die Behandlung des Hb als eines der großen Ge- 
meindebriefe ein sehr starker Ausdruck der Überzeugung von seiner paulinischen 
Herkunft. Da diese Meinung unseres "Wissen noch zur Zeit des Origenes ganz 
oder beinah ganz auf Ägypten beschränkt war , kann der Hb erst nach dieser 

19) Vorrede zum Kommentar über Tt. Vallarsi VII, 686 cf GK I, 426 f. 

20) GK II, 358-362; auch meine Schrift : Athanasius u. der Bibelkanon S. 10—13, 
besonders S. 11 A 17. 

4* 



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52 § 6. Das anfängliche Neue Testament der Syrer u. dessen Fortbildung. 

Zeit bei ddh Syrern Aufnahme und zugleich diese Stelle gefunden haben. 3) Dem 
anfanglichen NT der Syrer kann auch der 3 Kr nicht angehört haben. Seitdem 
wir wissen 21 ), was früher nur vermutet worden war, daß dieses Apokryphon ein 
Stück der Paulusakten ist, welche frühstens um 170 geschrieben wurden, ist 
eben damit auch ausgeschlossen, daß der 3 Kr schon vor 200 nicht nur ins 
Syrische übersetzt, sondern auch in das NT aufgenommen sein sollte. Die 
Bardesaniten, welche ihn verwarfen 22 ), haben damit den ursprünglichen Kanon 
der Syrer gegen eine katholische Neuerung verteidigt. Es fragt sich endlich 
4) ob der 1 Tm, welchen Aphraates und Ephraim gekannt und anerkannt haben, 
im sin. Kanon durch ein mechanisches Versehen ausgefallen ist, oder ob dieser 
Defekt von einem älteren Bestand zeugt, welcher um 340 — 370 in der Um- 
gebung des Aphraates und Ephraims bereits verändert war 28 ). Wie dies, so 
bleibt auch sonst einiges vorläufig ungewiß. Sehr wahrscheinlich aber und in 
den Hauptpunkten gewiß ist, daß das anfangliche Apostolikon der Syrer 1) an der 
Spitze Gl, 1. 2 Kr, Em hatte, 2) daß der Hb und der Phlm fehlten, 3) daß 
vielleicht auch der 1 Tm fehlte. Erst im Verlauf des 3. Jahrhunderts traten 
hinzu der Hb, welchem man nach alexandrinischem Brauch die Stelle hinter den 
Hauptbriefen anwies, und der 3 Kr, dessen Stellung eine schwankende blieb 24 ), 
vielleicht auch der 1 Tm und noch später der Phlm. 

3. Die Geschichte des Kanons bei den Syrern ist zur Zeit Ephraims noch 
keineswegs abgeschlossen. Die syr. Kirche konnte ihre anfangliche Besonderheit 
auf die Dauer immer weniger behaupten. Es steigerte sich im 4. Jahrhundert 
und von da an immer mehr der Verkehr zwischen griechischen und syrischen 
Christen und Kirchen. Es gab in Edessa Griechen und griechische Bibeln. Die 
Kirchengeschichte des Eusebius , welche sehr früh ins Syrische übersetzt und 
schon von Ephraim fleißig gelesen worden ist, machte die Syrer mit der älteren 
Geschichte des NT 's bei den Griechen bekannt. Es ist daher nicht zu ver- 
wundern, daß Ephraim, auch abgesehen von den meist zweifelhaften, nur in 



21) Cf C. Schmidt, N. heidelb. Jahrbb. VII S. 118; N. kirchl. Ztschr. 1897 S.937. 

22) Nach Ephraim im Kommentar (ed. Mekith. p. 118; GKH, 598; Vetter, Der 
dritte Korintherbrief S. 72). 

23) Diese Frage kann nicht dadurch entschieden werden, daß der sin. Kanon den 
2 Tm als den zweiten bezeichnet; denn der Vf dieses Verzeichnisses kann von dem 
1 Tm gewußt und doch auch geurteilt haben, daß er nicht zum Kanon gehöre. Auch 
die Ziffern helfen nicht weiter; denn die Gesamtziffer der Paulinen (5076) bleibt ohne- 
hin hinter der Summe des Teilposten (5490) beträchtlich zurück. Diese Differenz (414) 
würde durch Einschiebung eines 1 Tm mit etwa 200—250 Stichen auf 614—664 erhöht 
werden. — Hat Tatian nach Hieronymus 1. 1. nonnullas Pauli epistolas repudiavit, so 
scheinen Hb und Phlm allein dem Ausdruck nicht zu entsprechen. Er hat wahrschein- 
lich auch den 1 Tm ausgeschlossen. Seine enkratitischen Neigungen würden es erklären, 
daß er an 1 Tm 4, 1—8 schweren Anstoß nahm. Bei Aphraates und Ephraim jedoch 
finden wir den 1 Tm reichlich citirt. 

24) Dies gilt zunächst von seiner Stellung in der armenischen Bibel GK II, 593. 
1018; Forsch V, 149; Vetter S. 34. S. aber auch oben S. 49 A 12. 



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§ 6. Das anfängliche Neue Testament der Syrer u. dessen Fortbildung. 53 

griech. Übersetzung vorliegenden Schriften, mit den von den älteren Syrern 
völlig ausgeschlossenen Büchern , den sämtlichen katholischen Briefen 
und der Ap sich einigermaßen bekannt zeigt 25 ). Bei der Redaktion der Peschitthä, 
womit eine ebenso zweifellose und wichtige Tatsache, als ein geschichtlich dunkles 
Ereignis bezeichnet ist, traf man dann doch eine Auswahl. Von den kath* 
Briefen wurden Jk, 1 Pt, 1 Jo aufgenommen; 2 Pt, Jud, 2 — 3 Jo sowie die 
Ap blieben ausgeschlossen. Die Sammlung der Paulusbriefe wurde in bezug 
auf den Bestand durch Ausstoßung des 3 Kr und durch endgiltige Aufnahme 
des Phlm sowie in bezug auf die Anordnung (mit dem Hb hinter allen anderen 
Briefen) dem NT der Griechen gleichgestaltet. Die 4 Ew wurden fast nur noch in 
der Ordnung Mt, Mc, Lc, Jo fortgepflanzt. Bei diesem Bestand ist es im wesent- 
lichen bei den Syrern geblieben. Die Peschitthä blieb die Kirchenbibel der in 
Konfessionen gespaltenen syr. Kirche. Die im J. 508 von dem Landbischof 
Polykarp im Auftrag des Bischofs Philoxenus von Mabug (Hierapolis wenig west- 
lich vom Euphrat) angefertigte neue Übersetzung des NT's, die sogen. Philoxe- 
niana, und die im J. 616 durch Thomas von Charkel (Heraklea) unternommene 
Revision der Philoxeniana nach grich. Hss, die sogen. Charklensis umfaßten 
zwar auch die kleineren kath. Briefe und die Ap ; aber in den gottesdienstlichep. 
Gebrauch sind diese künstlichen Werke schwerlich irgendwo eingeführt worden. 
Die Vollendung und allgemeine Einführung der Peschitthä bezeichnet den Ab- 
schluß der Geschichte des ntl Kanons bei den Syrern. Wie die Peschitthä des 
NT's nach Bestand, Anordnung und Text nur aus einer mächtigen Einwirkung 
der griech. Kirche von Antiochien auf die syr. Nationalkirche zu erklären ist, 
so auch umgekehrt das NT der antiochenischen Kirche vom 4. Jahrhundert an 
nur aus einer starken Einwirkung von Syrien aus. 



§ 7. Lucianus und Eusebius. 

Während das NT der alten Kirche von Antiochien, soweit wir zu sehen 
vermögen, keine Besonderheit zeigt, insbesondere der Ap und, wie es scheint, 
auch des 2 Pt nicht ermangelte 1 ), ist der Kanon eines Chrysostomus genau 
derjenige der Peschitthä, und eine diesem zugeschriebene Predigt führt gelegent- 
lich den Ausschluß des 2 u. 3 Jo auf die Entscheidung der Väter zurück 2 ). 
Dies kann nicht eine Folge der Bemühungen des Eusebius um die Feststellung 
des Kanons sein; denn dieser wollte zwar die Ap beseitigt, aber die 7 kath. 
Briefe anerkannt haben. Wir müssen, um den Umschwung in Antiochien zu 



25) Cf besonders den Index in Hamlyn Hill's Dissertation on the gospel comm. of 
Ephraem p. 168 f. 

1) Eus. h. e. IV, 24 über Theophilus; VI, 12 über Serapion, Petrusev und „die 
anderen Apostel" (cf oben S. 16), übrigens auch GK I, 90 f. 101. 205. 312 A 3; 314 A 1. 

2) Montfaucon VI, 430; GK II, 226—230. 



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54 § 7. Lucianos und Eosebius. 

verstehen, auf die Anfange der dortigen Exegetenschnle, anf Lucian, zurückgehen. 
Nach seiner hierin unverdächtigen Vita (Migne 14, 397 ff.) war Lacian inSamosata 
geboren und in Edesea zum Exegeten gebildet, ehe er in Antiochien Priester 
und Gründer einer Schule wurde. Nach Hieronymus ist nicht zu bezweifeln, 
daß Lncian seine textkritische Arbeit auf das NT ausgedehnt hat, und daß seine 
Hecension des NT 's ebenso wie diejenige der LXX sich von Antiochien bis 
Konstantinopel verbreitet hat *). Geht demnach das NT, welches die Prediger 
und Exegeten Antiochiens um 380—450 in Händen hatten, nach Text und Zu- 
sammensetzung wahrscheinlich auf Lacian und seine Schule zurück, so ist das- 
selbe als ein Kompromiß zwischen den Traditionen von Edessa und Antiochien 
zu verstehen. Mit den Syrern schloß man die Ap aus; von den kath. Briefen 
aber, welche damals den Syrern gänzlich fehlten, schied man nur die 4 kleineren 
aus, welche ohnehin auch bei den Griechen angefochten waren, behielt aber Jk, 
1 Pt, 1 Jo. Wahrscheinlich sind damals auch andere Schriften, die früher ein 
mehr oder weniger starkes Band mit dem NT verbanden hatte, nach dem Vor- 
gang der Syrer von den r Vätern" in Antiochien beseitigt worden. Dieses 
antiochenische NT muß dann wieder auf die syrische Kirche eine Rückwirkung 
geübt haben, deren Ergebnis die Peschitthä ist. 

In Palästina wurden die Bibelstudien des Origenes durch Pamphilus und 
Eusebius fortgesetzt. Eosebius aber ist nicht nur von dieser Seite beeinflußt. 
Nach h. e. Vll, 32, 2 — 3 hat er, offenbar in Antiochien, die Vorträge des 
gelehrten, auch des Hebräischen kundigen dortigen Presbyters Dorotheus gehört. 
Hit den Schülern Lucians war er im Kampf um die Trinitätslehre verbündet. 
Im J. 330 war er für den Bischofsstuhl von Antiochien ausersehen. Als ein 
Zögling der Schale des Origenes erweist er sich dadurch, daß er in Fragen des 
Kanons die Stimmen aller Kirchen und der ihrer dermaligen Sitte zu Grunde 
liegenden Tradition angehört wissen wollte. In dieses Verhör hat er aber auch 
die Kirche von Antiochien in ihrer jüngsten Entwicklung und die hinter dieser 
stehende syrische Kirche einbezogen. In der Kirchengeschichte hat er seinem 
Versprechen gemäß (III, 3, 3) fleißig die Urteile der älteren Schriftsteller über 
die Antilegomena des NT's und deren interessantere Mitteilungen über die 
anerkannten wie die zweifelhaften Schriften des NT's excerpirt. Nachdem er 
über die Schriften unter dem Namen des Petrus und des Paulus IH, 3 und 
über die johanneischen III, 24, 17 — 18 im einzelnen berichtet hat, gibt er IH, 25 
eine umfassende Übersicht über sämtliche für das NT in Betracht kommende 
Schriften 4 ). Im Anschluß an den Sprachgebrauch des Origenes unterscheidet 



3) Praef. in evv. ad Damasum; v. ill. 77; praef. in Paralip. Vall. II, 918; IX, 1405^ 
X, 661 cf Decret. Gel. 4, 6 (Epist. pontif. ed. Thiel p. 463). 

4) H. e. III. 25, 1: EvXoyov #' evrav&a ysvofiivovs ävaxetfakcuojoao&ai ras 8r t Xco- 
& ei vag rrjs v.aivrjs dia&ijxrjs ygatpäs. aal 8rj raxriov Iv TTganois it]v dyiav T(öv evayyekicov 
rerpaxrvr ' oJs tTtejcu jy räh> Tt^d^ecov tcjv aTtoaroXcav ygcufr}. 2. /usrä $e ravTqv ras Uavlov 
xaraXexrdor ETiiorohis, als i£fjs rr { v tfe^oftivr { v 'Icoawov Ttgorigav xal 6/uoicos rqv Uet^ov 



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§ 7. Lucianus und Eusebius. 55 

er hier wie sonst zwei Hauptklassen : öuvkoyovueva (&Mf,icpil€XTa, &vavrlggr]Ta 9 
&va)^oloyi]iiiiva) und &VTiXty6fxeva. Die zweite Klasse aber teilt er wieder in 
zwei Abteilungen. Er unterscheidet diejenigen Antilegomena, deren Aufnahme 
er wünscht, von denjenigen, die er für Fälschungen (vo-fra) erklärt und deshalb 
ausgeschlossen wissen will. Es ergibt sich folgende Tabelle : I. Homologumena: 
4 Evv, AG, (14) Briefe des Paulus, 1 Pt, 1 Jo, eventuell auch Ap. II. Anti- 
legomena a) bessere Sorte : Jk, Jud, 2 u. 3 Jo ; b) schlechtere Sorte : Paulus- 
akten, der Hirt des Hermas, Ap des Petrus, Barnabasbrief, Apostellehren 
(= Didache), eventuell auch die Ap des Johannes. Anhangsweise wird hier 
als Antilegomenon noch das Hebräerev genannt (GK II, 645). 

Dieses Verzeichnis selbst, vollends verglichen mit den sonstigen Äußerungen 
des Eus., zeigt manche Unklarheiten. Da der Hb hier nicht besonders auf- 
geführt ist, so ist ersichtlich, daß Eus. ihn als 14. Brief des Paulus (cf III, 3, 5) 
unter die Homologumena stellt, obwohl er anderwärts nicht verschweigt, daß er 
ein Antilegomenon sei (III, 3, 5; YI, 13, 6; 14, lf.; 20, 3, 25, 11—14). Der 
hier und da sich noch regende "Widerspruch erscheint dem Eus. nicht mehr 
beachtenswert. Indem er höiddrjuog synonym mit öfAokoyovfASVog gebraucht und 
der so doppelt bezeichneten Klasse die Klasse der Antilegomena gegenüberstellt 
(HI, 3, 3), seh eint er damit auch die besseren Antilegomena vom NT auszu- 
schließen und äußert sich gelegentlich auch so (III 3, 1 ; 25, 6). Er meint doch 
nur, daß die Homol. sich bereits endgiltig im NT befinden, womit nicht gesagt 
sein soll, daß nicht auch gewisse Antil. allgemein recipirt werden sollten. Vgl. 
den laxeren Gebrauch von ivdidxhjxog Y, 8, 1 ; YI, 14, 1. Indem er ferner 

xvocotbov iniOToXrjv. ircl tvvtois TaxTBov, s'iye faveirj^ ti]v aTtoxdXvyiv 3 Icodvvov } nsol rjs rd 
SoJ-avra xard xaioov ix&rjoofiB&a. xal t avT a fihv iv 6 fiokoyov fxevois. 3. tcov 8* 
dvriXeyofievcov, yvcoolficov 8* ovv bficos xoTs itoXXols, r\ Xsyofiivrj 3 Iaxcoßov fioeTai xal r\ 'lovScc 
rj Te Ubtoov SsvTsga iTtiOToXrj xal rj bvo/ua^ofiivrj 8evTsga xal toitt] 'Icodvvov, bXtb rov evayye~ 
Xiotov Tvyxdvovoai, eire xal Stboov 6ficovv/uov ixsivco. 4. iv toXs vod'ois xararerax^co xal tcov 
ITavXov Ttgdl-Bcov r\ yoa<pfj 6 re XeyofiBVos Iloiftfjv xal r\ aTToxdXvxpis Übtqov, xal ttoos tovtois 
tj cpsgofiBvrj Bagvdßa 671iotoXtj xal tcov dnoOTcXcov al Xsyofisvai 8ida%ai' %ti re, cos s<pr]v y 
f) 'Icodwov dnoxdXvyis. sl (pavEiy, tJvtivbs cos %<p7]v d&BTovoiv, btbqoi Se iyxgivovoi rols 6(io- 
Xoyovfisvois. 5. fjdq <?' iv tovtois tivbs xal to xa&* l Eßgaiovs BvayysXiov xaTsXel-av, cp fidXiOTa 
'Eßoaicov ol tov Xoiotov Ttaoadegdjusvoi %aigovoiv. t avT a fiev rcdvTa tcov dvTiXsyo- 
fikvcov dv eirj. 6. dvayxaicos 8s xal tovtcov bficos top xaTaXoyov TteTZOirjfie&a, Siaxoi- 
vavres Tas ts xaTa ttjv ixxXrjoiaoTixrjv 7tagd8ooiv dXrj&ets xal aTtXdorovs xal dvco/uoXoyrjfiBvas 
ygacpds, xal Tas äXXas Ttagd TavTas y ovx ivdia&rjxovs fiev dXXd xal dvriXeyojievas, bficos de 
nagd TtXeiOTOis tcov ixxXr\oiaoTixcov yiyvcooxofiivas, iv elöivai fr/oifiev avTas ts Tavras xal 
Tag bvdfiaTi tcov aTtoOToXcov 7toos tcov aiosTixcov Ttgoipegofisvas, tjtoi cos Ubtoov xal Qcofiä xal 
MaT&ia rj xai tlvcov nagd tovtovs äXXcov BvayyiXiaTzegiexovoas, tj cos *Av8giov xal 'Icodvvov xal 
tcov dXXcov aTtoOToXcov Ttgdl-Bis, cov ov8sv ovSa/ucos iv ovyygdfifiaTi tcov xaTa Tas SiaSoxds 
ixxXr\oiaOTixcov Tis dvr\g eis /uvrjfirjv dyayelv rfeicoOEV. 7. tz6§§co 8b tiov xal 6 ttjs cpQaoecos 
itaqd to tjS'os to dnoOToXixbv ivaXXaTTEi x a occxT^o r\ tb yvc6fir\ xal rj tcov iv avTOls cpego- 
fiivcov TtooaiQEOis, tcXbIotov ooov ttjs dXrftovs oo&oSo&as dzidSovoa. oti 8rj alosTixcov dvS^dov 
jdvaTtXdojuaTa Tvyxdvei, oaycos naotOT^oiv o&bv oitf iv vod'ois avTa xaTaTaxTsov, dXK cos 
aTOTta Ttdvrrj xal Svoosßr} TtaoaiTrjTtov. 



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56 § 7. Lucianus und Eusebius. 

die schlechtere Sorte der Antil. für unecht erklärt, Bcheint er von der Echtheit 
der besseren Sorte überzeugt zu sein. Er verschweigt jedoch nicht, daß der Jk, 
welchen er anderwärts als hl. Schrift eines Apostels citirt 6 ), (von wem?) für 
unecht erklärt werde (II, 23, 25). Er selbst erklärt den 2 Pt indirekt für 
unecht (III, 3, 4) und läßt die Frage offen, ob 2 u. 3 Jo vom Apostel oder 
einem Namensgenossen geschrieben seien (III, 25, 3). Aber er kennt die 7 kath. 
Briefe als eine abgeschlossene Sammlung mit Jk an der Spitze (II, 23, 25) und 
zeigt durch die Gruppirung in III, 25, daß er diese 7 Briefe zum NT gerechnet 
haben will. 

Schwierig war für Eus. eine Entscheidung über die Ap. Er hat sie manch- 
mal ohne Andeutung eines Bedenkens citirt (demonst. VIII, 2, 31 ; eclog. proph. 
IV, 30) und hat treulich die starken Zeugnisse für ihre kirchliche Geltung 
angeführt (h. e. IV, 18, 8; 24, 1; 26, 2; V, 8, 5; 18, 14; VI, 25, 9). Wenn er 
m, 24, 18 sagt, daß bei den meisten noch immer die Meinung über sie hin und 
her schwanke, so wird das von seiner näheren Umgebung gelten, ist aber nur 
daraus' zu erklären, daß man in Palästina und unter den in aller Welt zerstreuten 
Schülern Lucians der Verwerfung der Ap durch die Syrer und Lucian oder die 
antiochenische Kirche seit Lucian großes Gewicht beilegte. Ohne daß Eus. dies 
ausspräche 6 ), ergibt sich dies aus den tatsächlichen Verhältnissen. Wohin Eus. 
neigte, ist deutlich. Als „sogenannte Ap des Johannes u führt er sie ein 
HE, 18, 2 vgl. 39, 6 ; kurz erwähnt er die Schmähungen des Cajus III, 28, 
mit um so breiterem Behagen die behutsamere Kritik des Dionysius VII, 24 — 25. 
Dessen Vermutung, daß ein anderer Johannes die Ap geschrieben habe, verfolgt 
er mit Eifer, und in dem Interesse dieser Hypothese sucht er die Existenz eines 
vom Apostel verschiedenen Presbyters Johannes aus Papias zu beweisen 7 ). Die 
Ap soll ihrer apostolischen Würde entkleidet und aus dem NT entfernt werden. 
Aber offen und gebieterisch mag Eus. dies Urteil noch nicht aussprechen. Unter 
die besseren Antil., die er aufgenommen haben will, kann er sie, obwohl sie 
unvergleichlich besser bezeugt ist, als irgend eines dieser Antil., eben darum 
nicht stellen, weil er sie ausgeschlossen haben will. So läßt er die Wahl, ob 
sie angesichts ihrer fast allgemeinen kirchlichen Anerkennung zu den Homol., 



5) Im Psalmenkommentar, Montfaucon, Coli, nova I, 247 6 legos aTrooroXog, p. 648 
rj ypayTJ Xiyei. Eus. betrachtet den Bischof Jk von Jerusalem als den 13. oder 14. 
Apostel neben den Zwölfen und Paulus (1. 1. II, 422 cf Forsch VI, 315). 

6) Vom Hb, den er aufgenommen haben will, sagt er ausdrücklich, daß diejenigeD, 
welche ihn verworfen haben, sich auf den Widerspruch der römischen Kirche gegen 
dessen paulinische Herkunft berufen haben III, 3, ö, als ob die Ablehnung des Hb 
lediglich der Vergangenheit angehörte. In VI, 20, 3 wird die Sache dadurch abge- 
schwächt, daG statt der römischen Kirche „einige der Römer" genannt werden ; dagegen 
aber wird dies von der Gegenwart bezeugt. Sehr viel bedeutender klingt die Angabe 
III, 24, 18 rfj$ d } a,7to>talv\pea>s iy ixdrepov %n vvv naga rols TCollolg TiepiiXxercu f} §6£a, 

7) III, 39, 6; VII, 25, 16 cf Forsch VI, 115—124. 



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§ 7. Lucianus und Eusebius. 57 

oder zu der zweiten Abteilung der AntiL, deren endliche Beseitigung zu wünschen 
ist, zu rechnen sei. 

Das NT nach dem Sinn des Eus. ist abgesehen von der Ap das unsrige; 
es unterscheidet sich von dem der Antiochener und der Peschittha nur durch 
die Vollzahl der kath. Briefe. Es stimmt mit diesem und dem unsrigen überein 
im Ausschluß der zweiten Gruppe von Antilegomena. Dieses NT des Eus. finden 
wir bei Cyrill von Jerusalem, Gregor Naz., im Anhang des Can. Laod. 59, im 
Can. apost. 85, wahrscheinlich in Const. apost., und es wird von Amphilochius 
neben dem antiochenischen Kanon berücksichtigt 8 ). Die weite Verbreitung 
erklärt sich nicht aus dem hohen Ansehen der Kirchengeschichte des Eus. allein. 
Ein wirksameres Mittel zur Verbreitung seiner Wünsche als solch eine gelehrte 
Privatarbeit bot dem Eus. der Auftrag seines kaiserlichen Gönners Konstantin, 
50 vollständige Exemplare der ganzen Bibel auf Pergament, zunächst für die 
Kirchen Konstantinopels herzustellen 9 ). Dabei war die Auswahl der aufzu- 
nehmenden Schriften ausdrücklich seiner Entscheidung überlassen. Es kann nicht 
zweifelhaft sein, wie diese ausfiel. Abgesehen von den Aufstellungen der 
ELirchengeschichte beweist der Erfolg, daß Eus. sich bei diesem verantwortungs- 
vollen Geschäft, was die Zusammensetzung, aber auch was den Text anlangt, 
nicht an Origenes, sondern an Lucian angeschlossen hat. Die Verbreitung von 
dessen Recension bis Konstantinopel (oben S. 54) und die eigene Neigung 
des Eus. empfahlen dieses Verfahren. Den Kirchen, welche Lucians NT in 
Gebrauch hatten, wurde dadurch nichts weiter zugemutet, als die Aufnahme der 
vier kleineren kath. Briefe. Im Ausschluß der nie unwidersprochen gebliebenen 
Antilegomena zweiter Klasse (Paulus akten, Didache, Barnabasbrief, Hirt des 
Hermas), aber auch der Ap war man dort von vornherein mit Eus. einig. Für 
immer blieben jene, für länger als ein Jahrhundert blieb die Ap vom Kanon 
fast aller griechischen Kirchen Asiens, wie schon längst der syrischen, aus- 
geschlossen. Sie behauptete sich jedoch in einzelnen Kirchen dieses Gebietes 
z.B. in Phönicien 10 ). Apollinaris von Laodicea, der Chiliast und Verehrer 
der Ap xl ), wird seine Gemeinde hinter sich gehabt haben. Epiphanius, der als 

8) Cf die Belege GK II, 179. 181 ff. 192 f. 202. 217. 219. Dahin gehört auch das 
Verzeichnis bei Nicephorus, welches wie mehrere andere Verzeichnisse auf eine um 
400—450 in Palästina aufgestellte Liste zurückgeht und wie diese das NT des Eus. mit 
7 kathol. Briefen und ohne Ap darbietet (GK II, 298, 35; 299, 45 cf II, 291; Forsch 
V, 131-148). 

9) Vita Const. IV, 34. 36—37 um das J. 335 s. auch GK I, 73. 

10) Hieron. tract. in psalmos (Anecd. Maredsol. III, 2, 5); Legimus enim in apo- 
calypsi (quod in istis provinciis [Palästina] non recipitur über, tarnen scire debemus, 
quoniam in occidente omni et in aliis [Gegensatz zu Palästina] Faenicis [d. h. Phoeniciae] 
provinciis et in Aegypto recipitur über et ecclesiasticus est; nam et veteres ecclesiastici 
viri, e quibus est Irenaeus et Polycarpus et Dionysius et alii Bomani interpretes, de 
quibus est et Cyprianus sanctus, recipiunt librum) legimus ergo ibi etc. Cf ebendort p. 314. 

11) Cf Dräseke, Apollin. von Laodicea p. 208, 8 (der Evangelist Jo spricht in der 
Ap); 219, 12; 320, 23; Forsch VI, 126. 



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58 § 8. Athanasius. 

geborener Palästinenser die Ap nicht in seiner Heimat, sondern erst bei seinen 
Reisen ins Ausland, im Verkehr mit den Orthodoxen verschiedener Länder und 
durch seine Beschäftigung mit der älteren häreseologischen Literatur kennen 
und schätzen gelernt haben wird, hat sie stets in Ehren gehalten, weil sie „bei 
den Meisten und bei den Frommen geglaubt" wurde 12 ). Weil die Theologen, 
welche die ehedem auch in jenen Gegenden allgemein anerkannte Ap aus dem 
kirchlichen Gebrauch verbannt hatten, Lucian und Eusebius, aus anderen 
Gründen, nämlich als Vorläufer und Begünstiger des Arianismus, im Verdacht 
der Unfrömmigkeit standen, darum galt die Anerkennung der Ap als ein Zeichen 
der Orthodoxie. Amphilochius von Ikonium berücksichtigte die Verehrer der 
Ap als eine beachtenswerte Minorität 18 ). Er hat aber auch noch den Kanon 
Lucian s mit nur 3 kath. Briefen, an welchem die Kirche von Antiochien trotz 
Eusebius und Konstantinopel mit der syrischen Nationalkirche festhielt, als 
gleichberechtigt neben die Annahme der 7 kath. Briefe gesteUt (GK II, 219. 229f.). 



§ 8. Athanasius 1 ). 

Nach dem Osterbrief von 367, welchen wir neuerdings durch eine koptische 
Übersetzung vollständiger, als bisher durch die kanonistischen Sammlungen, kennen, 
war es nicht ein Seitenblick auf andere Kirchengebiete, auf Eusebius oder Lucian, 
sondern der in der eigenen Kirchenprovinz des Athanasius andauernde unter- 
schiedslose Gebrauch von allerlei Apokryphen als hl. Schriften 2 ), was ihn ver- 
anlaßte, einen genau abgegrenzten und bis auf die Reihenfolge der Schriften und 



12) Epiph. haer. 77, 36 Sri tragä tcXsiotois iorlv 17 ßißXos 7ie7tiarsv/uivrj xal Ttaga 
rote d'eoaeßsai Srjlov. trjv 8h ßißkov dvayivcoaxovres ot Ttlelaroi xal evkaßels xrk. Cf haer. 
25, 3; 48, 10; 51, 32-35. GK II, 226. 

13) Jambi ad Seleuc. 316 (GK II, 219 1. 66) : Ttjv 8' aTtoxäXvytv rrjr ^Icodwov nvhs 
fihv eyxgivovoiv, rtkeiovs 8h vo&ov Xeyovoiv. 

1) Den Text des durch die griechischen Kanonisten erhaltenen mittleren Haupt- 
stücks des 39. Eestbriefs des Athanasius mit Untersuchungen s. GK II, 203 — 212. 
Einen vorne und hinten vollständigeren koptischen (sahidischen) Text gab C. Schmidt 
heraus, Nachr. d. gött. Ges. d. Wiss. 1898 S. 167—203. Weitere Ergänzungen wird 
derselbe ebendort veröffentlichen. Inzwischen erschien meine Abhandlung : „Athanasius 
und der Bibelkanon" (Sonderabdruck aus der Festschrift der Univ. Erlangen zum 
80. Geburtstag des Prinzregenten Luitpold, 1901, Bd. I, mit gleicher Paginirung). 

2) Aus der Erwähnung der Meletianer und Arianer in dem kopt. Text vor Be- 
ginn des griechischen Textes (Schmidt S. 178) ließ sich nicht erkennen, ob gerade diesen 
Parteien der Mißbrauch von Apokryphen zum Vorwurf gemacht werden sollte. In dem 
später bekannt gewordenen Schlußstück heißt es aber nach einer von Herrn Crum in 
London mir mitgeteilten Übersetzung: „als ich horte, daß die Häretiker, speciell aber 
die elenden Meletianer auf die Bücher, die man apokryph nennt, stolz seien, deshalb 
habe ich euch alles, was ich von meinem Vater (?) gehört habe, mitgeteilt" etc. Den 
Ketzern seiner Zeit im allgemeinen macht Amphilochius den Vorwurf, sich auf pseud- 
epigraphe Bücher zu stützen (Mansi, Coli, concil. XIII, 176). 



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§ 8. Athanasius. 59 

Schriftengruppen geordneten Kanon beider Testamente aufzustellen. In der Form 
einer Darlegung dessen, was schon durch die Apostel in dieser Beziehung fest- 
gestellt worden und seither üblich ist, tritt Ath. doch als Gesetzgeber auf. Er 
ist der Erste, welcher die 27 Bücher unseres NT's als die allein kanonischen 
hinstellt. Die Erinnerung an den Widerspruch, welchen mehrere derselben 
so lange erfahren hatten und z. B. der 2 Pt noch nach dem Tode des Ath. bei 
Didymus 3 ) erfuhr , wird ignorirt. Um aber doch mit der Tradition von 
Alexandrien nicht völlig zu brechen, stellt Ath. neben die xavon^6f4€va und in 
ebenso scharfer Unterscheidung von diesen, wie von den völlig verwerflichen 
&7t6%Qvcpa, eine Klasse von &vayivo)ayt6^i€va. „Die Väter" 4 ), haben diese dazu 
bestimmt, den Katechumenen vorgelesen zu werden. Es gehören dazu von vor- 
christlichen Schriften: die Weisheit Sal., Sir ach, Esther, Judith und Tobias, 
von christlichen: die „sogen. Lehre (didaxfy der Apostel" und der Hirt. Es 
wird damit gewiß eine ziemlich alte und noch bestehende Praxis der Kirche 
wiedergegeben. Die Didache übte auf die Liturgie in Ägypten einen anhal- 
tenden Einfluß und wurde auch nach Ath. zu erbaulichen Zwecken bei den 
Kopten verwertet 5 ). Dem Hirten hat Ath. auch sonst seine Hochschätzung 
bezeugt. Dagegen überrascht uns das völlige Schweigen über andere Schriften, 
welche im 3. Jahrhundert in Alexandrien mindestens ebensogut wie die Didache 
und der Hirt zum NT gerechnet wurden. Den Barnabasbrief, welcher 
damals den kath. Briefen beigezählt wurde (oben S. 22), hat noch Serapion, 
der Freund des Ath., mit b ti[.uü)tcctoq BccQvdßag 6 &7tÖGToi.og neben dem Em 
des Paulus (o legbg duzÖGToXog) citirt (Wobbermin 1. 1. p. 21), und im Cod. Sin. 
steht er zwischen der Ap und dem Hirten. Wollte Ath. ihn zu den Apokryphen 
gerechnet haben, welche er durchweg als häretische Fälschungen verdammt und 
der namentlichen Anführung nicht für wert hält ? Jedenfalls hat er jedes Band, 
welches diese und andere Schriften mit der Bibel so lange verknüpft hatte, still- 
schweigend, aber bedingungslos durchschnitten. Das NT der 27 Bücher erscheint 
noch fester begrenzt, als dasjenige der 26 Bücher, welches Eusebius in Umlauf 
gesetzt hatte. Während dieser sein Verfahren durch umständliche Erwägungen 
vorbereitet hatte, gab es für Ath. keine Bedenken und keine Antilegomena mehr. 
Sein Versuch, der Kirche einige nichtkanonische Bücher als Lehr- und Lese- 



3) Im Kommentar zu diesem Brief Migne 39 col. 1774 Kon igitur ignorandum, 
praesentem epistolam esse falsatam, quae, licet piiblicetur, non tarnen in canone est. Cf 
die Bemerkungen von Lücke ebendort col. 1742 — 1744. 

4) Griech. (1. 14. 60) und Syr. zweimal oi rcari^ss, dafür der Kopte „unsere Väter" 
dasselbe von diesem nochmals zugesetzt zu Griech. 1. 65. Die Worte „von meinem 
Vater" (s. vorhin A 2), was etwa auf den Bischof Alexander von Alexandrien sich 
beziehen möchte, der daon aber im Eingang des Briefs genannt sein müßte, sind doch 
vielleicht nur ein Fehler für „meine" oder „unsere Väter". 

5) Cf die Liturgie des Serapion von Thmuis ed. Wobbermin Texte u. Unters. 
N. Folge II, 3 b S. 5; Athanasius (?) de virg. 13. 14; lselin, Texte u. Unters. XIII, 1 
Anhang. 



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60 § 8. Athanasius. 

bücher zu erhalten, ohne sie zu kanonisiren oder sie unter dem unklaren, viel 
später aufgekommenen Begriff des Deuterokanonischen zusammenzufassen, knüpfte 
an ältere Versuche (ob. S. 24) und an die Praxis von Alexandrien an; er 
wird auch in Ägypten eine Zeit lang jenen Büchern ein Schutz vor völliger 
Vergessenheit gewesen sein. Für die Kirche im ganzen und auf die Dauer war er 
vergeblich, weil undurchführbar. Die Lesung beim Unterricht der Katechumenen 
war von der Lesung im Gemeindegottesdienst von Anfang an nicht scharf 
getrennt, da die Katechesen von den getauften Gemeindegliedern, und der Sonn- 
tagsgottesdienst, abgesehen von der eucharistischen Feier, von den Katechumenen 
fleißig besucht wurden (s. Ath. und der Bibelkanon S. 27 f.). Ath. selbst läßt 
diesen Unterschied fallen, wenn er jene Bücher als ävayivwoiiö^eva ohne Zusatz 
den xavovi^öneva gegenüberstellt. Rufinus, der nach alexandrinischem Vorbild 
so ziemlich dieselben Bücher als libri ecclesiastici von den canonici unterschied, 
deutet die Bestimmung jener Bücher dahin, daß die Väter ihnen das legi in 
ecclesiis zuerkannt haben (expos. symb. 38). Die besondere Bestimmung für die 
Katechumenen wird fallen gelassen und nur die gottesdienstliche Lesung fest- 
gehalten. Diese aber galt den meisten noch immer als Hauptmerkmal des 
Kanonischen. EccUsiasticus, iTCukrjaia^öfievog war ihnen = canonicus 6 ). Das 
in diesem Punkt radikalere Verfahren des Eusebius siegte über das conservativere 
des Athanasius. Andererseits siegte Athanasius oder die durch ihn redende 
Kirche von Alexandrien mit ihrem NT der 27 Bücher schließlich in allen Teilen 
der Kirche. 



§ 9. Die Weiterentwicklung im griechischen Orient 
bis zur Zeit Justinians. 

Der durch Lucian und Eusebius begründete Stand der Dinge im Orient 
wurde durch die eigenartige Kritik Theodors von Mopsuestia 3 ) nicht 
wesentlich verändert. Nach dem übereinstimmenden Zeugnis seiner Gegner wie 
seiner Verehrer hat Theodor nicht nur den Jk, sondern alle 7 kath. Briefe ver- 
worfen 2 ). Da er als Antiochener selbstverständlich auch die Ap nicht in 
seinem NT hatte, so ist sein NT, abgesehen von der für ihn nicht in Betracht 
kommenden Ersetzung der 4 Ew durch das Diatessaron, identisch mit dem der 

6) Cf Hieron. ep. 129, 3 ad Dard. ; tract. in ps. 1 und 149 Anecd. Maredsol. III, 
2, 5. 314; Pseudochrys. Montfaucon VI, 430; Pseudoathan. dial. de trin. c. Arian. I, 5; 
Leontius de sectis II, 1. 4; Niceph. stichom. GrK II, 297. 299. 

1) Cf meine Abhandlung über das NT Theodors und den ursprünglichen Kanon 
der Syrer, N. kirchl. Ztschr. 1900 S. 788-806. 

2) Leontius c. Nestor, et Eutych. III,* 12—14 (Mai, Spicil. Rom. X, 72 f.; Migne 
86, 1, 1365); .Tesudad (Ischodad) von Merw, nestorianischer Bischof von Chedhatta in 
Assyrien im 9. Jahrhundert in seinem noch ungedruckten Kommentar zum NT. s. den 
syrischen Text nach cod. Sachau 311 fol. 188 a bei Sachau, Verz. der syr. Hss. der 
berliner Bibl. I, 305 a, deutsch in meiner Abh. S. 789 f. 



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§ 9. Die Weiterentwicklung im griechischen Orient bis zur Zeit Justinians. 61 

Syrer um 350 (oben S. 45 ff.). Es unterliegt daher auch keiner Frage, daß er 
seine individuelle Kritik durch bewußten Anschluß an eine um 400 noch nicht 
ausgestorbene syrische Tradition zu stützen gesucht hat. Auch in seiner Anord- 
nung der Paulinen schloß er sich an diese Tradition an, indem er den Hb an 
die großen Gemeindebriefe anschloß, korrigirte sie aber, indem er nach griechi- 
schem Brauch den Em wieder an die Spitze und den Gl zu den kleineren Briefen 
stellte 3 ). Gegen die alten Syrer verteidigte er die Kanonicität des Philempn- 
briefs (oben S. 48 A 9) und er lehnte den dritten Korintherbrief ab. Bei dem 
hohen Ansehen, welches Theodor bei den syrischen Nestorianern genoß, wäre 
nicht zu verwundern, wenn diese dem „Ausleger", wie sie ihn nannten, auch in 
Sachen des Kanons gefolgt wären. In der Tat erscheinen noch bei dem 
Nestorianer Jesudad im 9. Jahrhundert die drei großen kath. Briefe als eine 
Art von Antilegomena. Auch Kosmas um 540, der von syrischen Nestorianern 
sich hat belehren lassen, kennt Leute, welche alle kath. Briefe verwerfen 
(GK II, 233). Wir würden genauer unterrichtet sein, wenn die Vorträge, 
welche Paulus von Nisibis um 545 in Konstantinopel hielt, uns in authen- 
tischer Form und nicht nur in der lateinischen Bearbeitung des dort lebenden 
Afrikaners Junilius erhalten wären 4 ). Junilius hat aber nicht nur in Titeln 
wie divina lex für die ganze Bibel, Petri ad gentes, epistolae canonicae statt 
catholicae u. dgl. das Original nach abendländischem, teilweise spezifisch afrika- 
nischem Brauch, sondern auch sachlich geändert, namentlich in bezug auf die 
Ap 6 ), welche für Paulus wie für Theodor gar nicht in Betracht kam. Möglich 
ist, daß Paulus in Konstantinopel es angezeigt fand, ausdrücklich zu erklären, 
daß die Ap nullius auctoritatis oder omnino cassata sei, wogegen Junilius sie 
seinen Landsleuten erhalten wissen wollte. Sicher aber ist es auf Paulus und 
letztlich auf die schneidige Kritik, welche Theodor am Jk geübt hatte, zurück- 
zuführen, daß Junilius diesen mit den 4 kleinen katholischen Briefen als deutero- 
kanonische Schriften (mediae auctoritatis) zusammenfaßt und von den unbedingt 
oder allgemein anerkannten Schriften 1 Pt und 1 Jo unterscheidet (Kihn p. 
478, 15—479, 3 cf 480, 1—5). Tatsächliche Bedeutung hatte diese Einteilung 
der 7 kathol. Briefe in zwei Klassen für Griechen und Lateiner längst nicht 
mehr, und die Zurückstellung des Jk gewiß nur noch für einige Teile der 
nestorianischen Kirche. "Wie die Syrer trotz der Kritik Theodors und einiger 
nestorianischer Gelehrter im allgemeinen an der Peschitthä mit drei kath. Briefen 



3) GK II, 360. Theodors Ordnung war: Em, 1. 2 Kr, Hb, Eph, Gl, Phl, Kl, 
1. 2 Th, Cf die ältere syrische Ordnung oben S. 49. 

4) Cf Kihn, Theodor und Junilius , 1880. Ebendort im Anhang S. 465—528 
Junilii instituta regularia divinae legis. 

5) Kihn p. 475, 9 Ceterum de Johannis apocalypsi apud orientales admodum dubi- 
tatur; p. 480, 7 in prophetia (unter den prophetischen Büchern) mediae auctoritatis libri 
praeter apocalypsin non repperhmtur, nee in proverbwli specie omnino cassati (== libri 
nullius auctoritatis cf Kihn S. 379 ff.). 



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62 §9. Die Weiterentwicklung im griechischen Orient bis zur Zeit Justinians. 

und ohne Ap festhielten (oben S. 53), so hat der Kanon des Eusebius mit 
7 kath. Briefen und ohne Ap, wo er überhaupt durchgedrungen war, bis tief in 
das 5. Jahrhundert hinein sich behauptet. 

Wie es gekommen ist, daß die Kirchen von Jerusalem bis Konstantinopel 
die Ap, und die Kirche Ton Antiochien außerdem auch noch die 4 kleineren 
kath. Briefe recipirte, bedarf noch genauerer Untersuchung. Wenn Philoxenus 
von Mabug um 508 die Ap und die kleineren kath. Briefe zum erstenmal ins 
Syrische übersetzen ließ, so setzt dies voraus, daß in dem angrenzenden griechi- 
schen Kirchengebiet, im Patriarchat von Antiochien diese Schriften nicht mehr 
wie um 400 stillschweigend ignorirt,- sondern wieder recipirt waren. Vielleicht 
noch etwas früher, jedenfalls nicht viel später als 500 hat Andreas im kappadoci- 
schen Oäsarea seinen großen Kommentar über die Ap geschrieben, worin er 
noch mit einer gewissen Geflissentlichkeit durch Berufung auf die alten Lehrer 
von Papias bis Cyrill die Theopneustie des Buchs verteidigt und im Anschluß 
an Ap 22, 18 f. die Kritiker derselben straft (ed. Sylburg p. 2. 112). Um 530 
hat Leontius in Vorträgen, die er in einem Kloster bei Jerusalem hielt, die 
Ap des hl. Johannes als das letzte der in der Kirche kanonisirten Bücher be- 
zeichnet (de sectis act. II, 4; GK II, 294). Er ist hierin mit seinen Gegnern 
wie Johannes Philoponus einig (opif. mundi IV, 6). Aus dem Nachdruck, mit 
welchem Eustratius 6 ) um 580 die Ap als ein Werk des Evangelisten und 
Theologen Johannes charakterisirt und zur dogmatischen Beweisführung heran- 
zieht, ist vielleicht zu schließen, daß damals bei den Gelehrten von Konstanti- 
nopel der ehemalige Ausschluß der Ap vom Kanon noch nicht vergessen war. 
Als Justinian das römische Recht codificirte und registrirte, war auch der Ttav- 
dimrfi rfjg aylag, yQCtcpfjg für die griechische wie für die lateinische Kirche 
fertig. Daß der Abschluß der bürgerlichen Gesetzgebung auf die endgiltige 
Feststellung des biblischen Kanons eingewirkt hat, spiegelt sich im kirchlichen 
Sprachgebrauch der Zeit Justinians und der Folgezeit deutlich wieder T ). 



6) Bei Leo Allatius, De utriusque ecclesiae, occid. atque Orient., perpetua in dog- 
mate de purgatorio consensione, 1655 p. 290 f. 394. 408. 

7) Cassiod. inst. div. litt. c. 12 u. 14 nennt um 544 einen die sämtlichen kanonischen 
Schriften beider Testamente umfassenden Codex pandectes (GK I, 65; II, 271. 273). 
Die Syrer gebrauchen dieses griechische Wort zur Bezeichnung eines auch die Apo- 
kryphen einschließenden Codex cf Prot. KEncykl. XV 2 , 196. Der Mönch Antiochus 
im Sabaskloster bei Jerusalem nannte um 620 ein hauptsächlich aus Worten der n 60 M 
kanonischen, aber auch mancher apokrypher und patristischer Schriften von ihm 
kompilirtes asketisches Sammelwerk TtavSixrrjg rrje dyias ypayrjg (GK II, 292; Ehrhard bei 
Krumbacher, Gesch. d. byz. Lit. 2 S. 146). Den Plural Ttavdixrai (pandedae) hat schon Tiro, 
der Freigelassene Ciceros, nach griechischem Vorgang als Titel eines einzigen Werks 
gebraucht (Gell. noct. Att. XIII, 9, 3 cf praef. § 7; Plin. h. nat. praef. § 24); ebenso 
die Juristen Ulpianus und Modestinus (cf Kipp, Quellenkunde des röm. Rechts S. 89. 
90). So nannte Justinian (inst, prooem. § 4; lib. IV, 13, 6; IV, 18, 12, Const. „Tanta" 
§ 1) sein großes Sammelwerk libros L Digestorum seu Pandectarum. Dafür heißt es in 
der gleichzeitigen und gleichfalls officiellen griech. Fassung 6 TtavSixrris (z. B. C. „Tanta" 



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§ 10. Die Angleichung des Occidents. 63 



§ 10. Die Angleichung des Occidents. 

1. Yon den mannigfachen Schwankungen und Feststellungen, welche der 
Kanon nach der Zeit des Origenes im Orient erfahren hat, wurde der lateinische 
Occident nicht unmittelbar berührt. Bis gegen die Mitte des 4. Jahrhunderts 
ist von einem Einfluß der griechischen Kirche auf den ntl Kanon der lateini- 
schen sogut wie nichts zu spüren. Man sah dort mit Mistrauen auf die Be- 
weglichkeit der Griechen in der Behandlung des Textes und des Kanons. Die 
kirchlichen Ereignisse und Verhältnisse seit KoDstantin machten jedoch eine 
solche Absperrung je länger je unmöglicher. Ein bedeutsames Vorspiel war 
schon die Übersiedelung des alexandrinischen Exegeten und Textkritikers 
Pierius, des Origenes junior, nach Born zur Zeit Diocletians 1 ). Es folgten die 
arianischen Streitigkeiten, in welche von Anfang an auch abendländische 
Bischöfe, wie der Spanier Hosius, hineingezogen wurden. Die dogmatischen 
Parteiungen wirkten nicht bloß trennend, sondern verbanden auch bisher ge- 
trennt lebende Teile der Kirche. Nicht wenige Synoden von der nicänischen 
an brachten Occidentalen und Orientalen in persönliche Berührung. Dazu 



§ 1). Ebenso Theophilus in der Paraphrase der Institutionen und Kaiser Leo der Weise 
(um 900) in der Vorrede zu den Basiliken (Basil. ed. Heimbach I vor p. 1 von Justinian 
diyeora rovrois fjroi Ttavdiycrrjv ovofia &£fisvos). In dem Index Florentinus sind schon 
dem Ulpian TtavSexrov ßtßlia Sexa zugeschrieben, wahrscheinlich dasselbe, was in den 
Digesten pandectarum Über singularis heißt. Cf übrigens auch Brissonius de verb. sign, 
ed. Heineccius s. v. TtavSexri] (sie). — Die Basiliken, eine „zeitgemäße griechische Be- 
arbeitung der ganzen justinianischen Gesetzgebung", bestanden aus 60 Büchern und 
wurden später tj k^riy.ovrdßißXos genannt (Basil. ed. Heimbach VI, 108), in einem Katalog 
der Bibliothek von Bodosto (ed Foerster, Rostocker Progr. 1877 S. 29) mit dem Zusatz 
*Iouoviviavov rov ßaodecog, weil die Basiliken ihrem Inhalt nach auf diesen Kaiser zurück- 
gehn. Auch hiezu findet sich die genaue Parallele in der Geschichte des biblischen 
Kanons. Im Anschluß an die 60 Königinnen und die 80 Kebsweiber in Cantic. 6, 8 
pflegten in der Zeit nach Justinian manche die Zahl der kanonischen Bücher auf die 
runde Zahl 60 zu bringen, und daher wurde im späteren Mittelalter rj i^rjxöprdßißXog 
ein Name der gesamten Bibel (GK II, 220. 222 f.). — Durch eine Konstitution Justinian9 
vom 21. November 533 wurden die Institutionen sive elementa juris in Konstantinopel 
herausgegeben ; um 550 verfaßte Junilius als Quaestor s. palatii zu Konstantinopel seine . 
Instituta regularia divinae legis (oben S. 61 A 4). Daß er bei der Wahl dieses Titels das 
wenig ältere Lehrbuch des bürgerlichen Rechtes im Sinne hatte, kann um so weniger 
zweifelhaft sein, als schon in den gleichzeitigen griech. Texten der justinianischen Kon- 
stitutionen (z. B. (J. „Tanta" § 23) ivorirovra, gen. ivortrovrcov = institutiones gebraucht 
ist. Der Gebrauch von lex mit und ohne den Zusatz divina als Name der Bibel ist alt 
und besonders für Afrika bezeugt (GK I, 95. 96). Der Afrikaner Junilius assimilirte 
auch durch Anwendung dieses Namens seine Arbeit dem juristischen Lehrbuch. Wahr- 
scheinlich sollte auch die Bezeichnung der Instituta als regularia ebensosehr an die alten 
juristischen Werke unter dem Titel regularum libri, als an die kirchlichen Ausdrücke 
regula = xavwv, libri reguläres = ßißlia xavovixd, navovi£6{ieva erinnern. 
1) Hier. v. ill. 76 ; in Matth. 24, 36 (Vallarsi VII, 199). 



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64 § 10. Die Angleichung des Occidents. 

kamen die oft Jahre lang sich ausdehnenden freiwilligen und unfreiwilligen 
Aufenthalte der vertriebenen und verbannten Wortführer in der Fremde, die 
Exile eines Athanasius in Trier (336 — 337), in Rom (340 — 343) und an an- 
deren Orten des Abendlandes (bis 346), des Hilarius von Poitiers in Kleinasien 
(356 — 360), des Lucifer von Cagliari, des Eusebius von Yercelli u. a., ferner die 
von 380 an fast zur Mode werdenden Reisen von Männern und auch vornehmen 
Frauen des Abendlands in den Orient zum Zweck des Besuchs der hl. Stätten 
und der Erkundung des dort viel weiter als im Abendland entwickelten Mönch- 
tums. Während schon vorher die abendländischen Kirchenschriftsteller, be- 
sonders die Exegeten (Hilarius, Ambrosius) sich enge an die griechische Literatur 
angeschlossen hatten, kam jetzt mit Hieronymus und Rufinus das Zeitalter der 
Übersetzungen aus dem Griechischen. Für die Angleichung des Occidents an 
den Orient in Sachen der Bibel hat niemand mehr getan als Hieronymus. Sein 
wechselvolles Leben, seine teils längeren, teils kürzeren Aufenthalte in Rom, 
Antiochien, Konstantinopel, Alexandrien, Palästina, seine Sprachgewandtheit, 
seine vielseitige Korrespondenz, seine Beziehungen zu Papst Damasus machten 
es zu einer Lebensaufgabe für ihn, die in mehr als einer Beziehung zurück- 
gebliebene Kirche des Abendlands mit dem ausgewählten Ertrag der zwar un- 
ruhigeren, aber auch reicheren Entwickelung der morgenländischen Kirchen zu 
beschenken. Seine Teilnahme an der römischen Synode vom J. 382 und seine 
im Auftrag des römischen Bischofs unternommene Neubearbeitung der lateini- 
schen Version des NT's boten ihm vorzügliche Gelegenheiten, unmittelbar auf 
den Bestand und die Anordnung des NT's in weiten Kreisen des Abendlands 
einzuwirken. Er konnte wirksamer als irgend ein Anderer vollenden helfen, 
was Andere vor ihm begonnen hatten. Man darf über seinen großen Untugenden 
nicht seine großen Verdienste vergessen, aber auch nicht über seinen Ver- 
diensten diejenigen seiner Vorgänger übersehen. Vor allem die Einwirkung des 
Athanasius auf die Entwicklung des Kanons im Abendland ist nicht zu unter- 
schätzen. Er beteiligte sich überall, besonders in Rom während seines mehr 
als dreijährigen Aufenthalts daselbst eifrig an den Gottesdiensten und zeigte 
ein lebhaftes Interesse an denselben. Der Auftrag des Kaisers Constans, ein 
Exemplar der Bibel oder mehrere solche herzustellen, welchen Athanasius in 
Rom (340 — 343) ausführte, gab ihm Anlaß, seinen Grundsätzen sichtbaren Aus- 
druck zu geben 2 ). Vielleicht ist der berühmte Codex Vaticanus der Gesamt- 
bibel, welcher den im Festbrief des Athanasius niedergelegten Grundsätzen ent- 
spricht, eine Frucht jenes kaiserlichen Auftrags. 



2) Äthan, apol. ad Constantium 4 (ed. Montfaucon I, 297). Cf meine Abh. über 
Ath. u. den Bibelkanon S. 31 — 34. Dort auch Genaueres über Fortpflanzung von 
Äußerungen des Athanasius über Sachen des Gottesdienstes und des Kanons im Abend- 
land: Aug. eonf. X f 33, 50; Hieron. zu Tt 3, 10 (Vall. VII, 737); Beda prol. in epist. 
cathol. ; ein „ordo divinorum librorum" bei Arevalo in der Ausg. des Sedulius p. 429 cf 
p. 82; GK II, 388 f. 



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§ 10. Die Aiigleichung des Occidents. 65 

2. Der eiserne Bestand des NT's (4 Evv, AG, 13 Paulusbriefe, Ap) ist im 
Abendland vom Anfang des 3. Jahrhunderts an für immer unangetastet ge- 
blieben. Seit dem Angriff des Cajus ist auch die Ap nicht mehr angefochten 
worden. Montanisten, Novatianer, Donatisten und Priscillianisten waren mit 
den Katholiken einig in ihrer Verehrung. "Wenn ein Sulpicius Severus (chron. 

II, 31) sagt, daß manche (plerique), sei es aus Torheit, sei es aus Gottlosigkeit, 
sie nicht recipiren, so kann das nur mit einem Seitenblick auf die orientalischen 
Kirchen gesagt sein. Der Kommentar des Aponius zum Hohenlied, wahr- 
scheinlich aus der Zeit um 400 — 450, in welchem die Ap nur so citirt wird, 
daß ihre Anerkennung oder Verwerfung freigestellt bleibt 8 ), bedarf erst noch 
einer sehr gründlichen Untersuchung, ehe man über die geschichtliche Stellung 
und trotz seines leidlichen lateinischen Stils selbst über die Nationalität seines 
Verfassers urteilen kann. "Wenn die 4. Synode von Toledo (a. 633), welche 
sich vorwiegend mit Beseitigung von allerlei in Spanien bestehenden Ungleich- 
heiten in Kultus und Disciplin befaßte, unter Berufung auf die Auktorität vieler 
Koncilien und Synodaldekrete römischer Bischöfe jeden (Geistlichen) mit dem 
Bann bedroht, welcher die Ap nicht recipire und sie nicht in der Zeit zwischen 
Ostern und Pfingsten in der Messe verlese, so weist dies wie mehrere andere 
Satzungen derselben Synode darauf hin, daß es galt, eine aus den Zeiten vor 
dem Übertritt Bekareds des Katholischen (a. 586) übriggebliebene Besonderheit 
der suevischen und westgotischen Arianer zu beseitigen. 4 ) 

3. Es fragte sich im Occident seit der Mitte des 4. Jahrhunderts nur noch 
um das Verhältnis des Hb und mehrerer der katholischen Briefe zum NT. Der 
Hb, welcher während des 2. und 3. Jahrhunderts in der katholischen Kirche 
ö!es ganzen Abendlands weder für paulinisch galt, noch zum NT gerechnet wurde 
und nur bei Montanisten und Novatianern als eine Schrift des Barnabas den 
apostolischen Schriften mehr oder weniger gleichgestellt wurde (oben S. 18), blieb 

3) Aponii (andere schreiben Apponii) scriptoris vetustissimi in canticum canticorum 
libri XII, editi et inediti; cur. H. Bottino et J. Martini, Romae 1843, p. 160: si cui 
tarnen ipmm libellum (d. h. die Ap) recipere placet; p. 232: in apocalypsi Joannis, $i 
cui tarnen recipiendum (!) videtur. Eine Anspielung auch p. 123. Bei den Neueren suche 
ich vergeblich nach Belehrung über dieses nicht uninteressante Buch. Selbst die genannte 
Ausgabe, meines Wissens die einzige vollständige, scheint meist unbekannt zu sein. 

4) Can. 17 concil. Tolet. a. 633. Schon in Can. 15 wird sie als Werk des Evan- 
gelisten Johannes citirt. — Auch die Opposition gegen den kirchlichen Gebrauch von 
Hymnen des Hilarius und des Ambrosius, welche in c. 13 bekämpft wird, ging von 
arianischer Seite aus. — Daß Ulfila die Ap nicht übersetzte, war selbstverständlich, da 
sie zu seiner Zeit auch im NT von Konstantinopel nicht enthalten war. Ob irgend eine 
größere arianische Gemeinschaft der Folgezeit die Ap recipirt hat, ist zu bezweifeln. — 
Daß die Frage auch in Spanien nicht mehr viel zu bedeuten hatte, zeigt das völlige 
Schweigen des an der Nationalsynode von 633 sehr beteiligten Isidor von Sevilla über 
Beanstandung der Ap (Etymol. VI, 2, 49 und im Liber prooem. §§ 106—109 ed. Arevalo 

III, 248; V, 218), zumal derselbe die Bedenken gegen den Hb noch erwähnenswert 
findet Etymol. VI, 2, 45. 

Zahn, Grundrifs der Geschichte des neutestamentlichen Kanons. 5 



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66 § 10. Die Angleichung des Occidents. 

auch während der ersten drei Viertel des 4. Jahrhunderts vom lateinischen NT 
ausgeschlossen (s. ohen S. 18.56 A 6). Der Mommsen'sche Kanon, eine um 360 
in Afrika entstandene Privatarbeit (s. unten Beil. III), zählt nur 13 paulinische 
Briefe und übergeht den Hb mit Stillschweigen. Dies bestätigen die Bibelcitate 
in dem um 370 — 385 verfaßten "Werk des Optatus von Mileve und in den 
sämtlichen Akten des donatistischen Streits. Es scheint, daß man in Afrika be- 
harrlicher als anderwärts an dem begrenzteren einheimischen Kanon festhielt. 
Aber wesentlich anders ist die Stellung des Hb zum NT auch in den übrigen 
Ländern des Abendlandes vor 380 schwerlich gewesen. Die Citate beginnen 
bei den durch ihre Exile über die Grenzen ihrer Landeskirchen hinausgeführten 
Bischöfen, dem Gallier Hilarius und dem Sardinier Lucifer 5 ). Bei Zeno von 
Verona, einem geborenen Afrikaner, bei dem Gallier Phöbadius und in manchen 
anderen Schriften, welche ihres Gegenstandes wegen Anlaß zur Anführung des 
Hb gehabt hätten, hat man vergeblich nach Citaten aus demselben gesucht 6 ). 
Von dem Spanier Pacianus (f vor 392) wird der Hb einmal, von Priscillian 
in seinen meistenteils erst nach 380 verfaßten Schriften häufig als paulinisch und 
somit kanonisch citirt 7 ). In Rom beginnen solche Citate mit Marius Victo- 
rinus 8 ), Faustinus 9 ) und dem sogen. Ambrosiaster 10 ), deren Schriften sämtlich 
in die Zeit von 370 — 385 fallen. Es bedurfte durchgreifender und amtlicher 
Maßnahmen, um dem Hb zur Aufnahme in das kirchliche NT des Abendlands 
zu verhelfen. 

4. Von den katholischen Briefen sind der 1 Pt und der 1 Jo stets unan- 
gefochten geblieben. Dagegen haben der 2 Pt und der 2 und 3 Jo, welche 

5) Z. B. Hilar. in ps. 14 § 5 (Paulus schreibt Hb 12,' 22); ps. 53 § 13; ps. 118, 
litt. Heth § 16; de trin. IV, 11; Lucifer, de non conv. c. haeret. 10. Cf die fleißige 
Sammlung bei ßleek, Komm, zum Hb 1, 183 ff. 

6) So. z. B. auch in der Altercatio Heracliani vom Jahr 366 (Oaspari, Kirchenhist. 
Anecdota S. 133 ff.). 

7) Pacian. ep. HI, 13 (ed. Peyrot p. 70 f. apostolus dicit = 1 Kr 10, 11, et 
Herum = Hb 10, 1); Priscill. tract. 3 (Paulus in epistola ad Hebraeos facta) ; tract. 1 
u. 6 (scriptum est) ed. Schepss p. 29, 15; 45, 4; 79, 9 und viele andere Citate im Index. 

8) C. Arianos 1, 59; II, 3; de homoous. rec. 2 (Migne 8, 1085. 1091. 1138). 

9) De trin. II, 13; IV, 2; lib. precum 27 (Migne 13. 61. 68. 102). 

10) Dieser hat nur die 13 Briefe des PI in seinem Kommentar behandelt, schreibt 
aber (ed. Bened. II app. p. 305) in einer Besprechung von 1 Tm 1, 3 f. nam simili modo 
in epistola ad Hebraeos scriptum est ohne anzudeuten, daß PI auch diesen geschrieben 
habe. In den von demselben Vf herrührenden Quaestiones unter Augustins Werken 
(Quaest. 109) heißt es selbst in der Form des Citats ähnlich über dasselbe Kapitel Hb 7 : 
simili modo est et in epistola data ad Hebraeos; hinter dem Citat aber et ut apostolus 
significaret etc. In derselben Quaestio auch in bezug auf Hb 13, 2 noch zweimal apostolus. 
Der Vf, als welcher der getaufte Jude Isaak erkannt worden ist (cf Th. Ltrtrbl. 1899 
Nr. 27 nach Morin), mag von auswärts nach Rom gekommen sein und, obwohl er den 
Hb als paulinisch kannte, sich in der Beschränkung des Kommentars auf die 13 Briefe 
und in der zurückhaltenden Art seiner Anführungen des Hb dem römischen Publicum 
anbequemt haben. 



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§ 10. Die Angleichung des Occidents. 67 

um 200 in verschiedener Weise beanstandet wurden (oben S. 19 ff.), auch noch 
im 4. Jahrhundert ein unsicheres Verhältnis zum lateinischen NT gehabt. Der 
Vf des afrikanischen Kanons von c. 360 hatte. 3 Briefe des Jo und 2 Briefe 
des Pt an den Schluß der ntl Liste gestellt. Aber ein hinter diese beiden 
Angaben gestelltes una sola, welches wahrscheinlich von einem Mann herrührt, 
der im J. 365 diese Liste als Stück eines chronographischen Sammelwerkes kopirte, 
zeigt, daß es damals in Afrika Leute gab, welche nur den 1 Ft und den 1 Jö zum 
Kanon gerechnet wissen wollten (s. Beil III; GK II, 153 f. 1010. 1012). Den 
Jk und den Jud hatte schon der erste Vf dieser Liste mit völligem Schweigen 
übergangen, und der Recensent, welcher gegen eine Mehrheit von Briefen des 
Pt und des Jo so energisch protestirte, hat an diesen Defekten keinen Anstoß 
genommen. Der Ausschluß nicht nur des Jk, der auch um 200 weder in Born 
noch in Karthago unter den hl. Schriften genannt wurde (oben S. 20), sondern 
auch des Jud, welcher um 200 in Born wie in Karthago recipirt war, war um 
360 in Afrika eine ausgemachte Sache. Kein afrikanischer Schriftsteller nach 
Tertullian und vor Augustin n ) hat einen dieser Briefe citirt. Dagegen war 
man dort über 2 Pt und 2 u. 3 Jo nach wie vor geteilter Meinung. Dem 
entspricht es, daß nicht nur ein Bischof auf der* karthagischen Synode von 256, 
sondern auch noch Optatus den 2 Jo als hl. Schrift citirt haben 12 ). Es stand 
aber nicht wesentlich anders in den übrigen Ländern des Abendlandes. Zwar 
das gewiß nicht in Afrika, sondern in Italien geschriebene Exemplar der Bibel 
„secundum antiquam translationem", welches Cassiodor beschrieben hat und 
kopiren ließ, enthielt 26 Schriften des NT's, nämlich alle außer dem Jud (GK 
II, 272 — 276). Aber dies ist nur einer der vielen Beweise dafür, daß die aus 
der Zeit vor Hieronymus stammenden Bibeltexte nachmals ebenso aus der Bibel 
des Hieronymus bereichert und nach ihr geändert worden sind, wie umgekehrt. 
Aus der Zeit vor 380 sind die Spuren der Verbreitung von 2 Pt, Jk, Jud, 



11) Augustin hat um 400 seinen Schülern Anmerkungen zum Jk diktirt und klagt 
retract. II, 32 über die Mangelhaftigkeit der Übersetzung, in welcher er ihm damals 
vorlag. Es wird diejenige sein, welche nicht aus einer biblischen, sondern aus einer 
patristischen Hs., worin er auf den Barnabasbrief folgt, herausgegeben worden ist (GK 
I, 325 A 1). Zu Optat. I, 5 (cum in epistula Petri apostoli legerimus: „nolite per opinio- 
nem jvdicare fratres vestros") citirt man ohne Grund Jk 4, 11. Es ist ein ebensp apo- 
kryphes Citat wie dasjenige bei Pseudocyprian de montibus Sina et Sion 13 aus einem 
Brief des Jo, welcher in den Johannesakten enthalten war cf GK I, 218; Forsch VI, 
AI. — Für fortdauerndes Ansehn des Jud in Afrika oder auch in Kom darf man sich 
nicht auf Pseudocypr. ad Novat. 16 (aus der Zeit Cyprians) berufen, denn dort wird 
nicht Jud, sondern ein lateinisches Henochbuch citirt cf GK II, 797 ff. ; Forsch V, 158. 
438. Der Kanon des Tyconius scheint genau derjenige des korrigirten Mommsen'schen 
Kanons zu sein cf Burkitt in Texts and Studies III, 1, 107 — 109. 

12) Sentent. episcop. bei Cyprian ed. Hartel p. 459 cf August, de bapt. c. Donat. 
VII, 89; Optat. IV, 5 in dem sonderbaren Convolut von Apsstelworten : de quibus 
apostolus hoc dixerit: „cum Ms nee eibum capere (1 Kr 5, 11); am Uli ne dixeritis 
(2 Jo 10) ; serpit enim eorum sermo velut Cancer" (2 Tm 2, 17). 

5* 



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68 § 10. Die Angleichung des Occidents. 

2. 3 Jo spärlich. Hilarins 13 ) citirt einmal Jk 1, 17 als "Wort des Apostel Jk, 
sonst aber keinen der genannten Briefe; Ambrosiaster nur 2 Jo (zu Bm 12 r 18; 
16, 23 p. 98. 110); und noch bei Ambrosius sucht man vergeblich nach Spuren 
seiner Beschäftigung mit diesen 5 Briefen. Dagegen hat Priscillian, welcher ein 
Interesse daran hatte, sich vor dem römischen Bischof Damasus als rechtgläubig 
in bezug auf den dispositus canon u ) d. h. den unter Damasus festgestellten 
Bibelkanon zu erweisen, die katholischen Briefe ohne Unterschied citirt. 

5. Der erste entscheidende Schritt zu einer endgiltigen Abgrenzung des 
lateinischen Bibelkanons geschah 382 auf einer römischen Synode unter Bischof 
Damasus 15 ). Zu derselben waren außer hervorragenden Bischöfen des Abend- 
landes wie Ambrosius mehrere Bischöfe der Balkanhalbinsel, drei Abgesandte 
der im gleichen Jahr tagenden Synode von Konstantinopel, ferner Paulinus von 
Antiochien und Epiphanius von Salamis und in deren Begleitung Hieronymus 
erschienen. Die Seele der Verhandlungen, jedenfalls soweit sie den Kanon be- 
trafen, war nicht etwa Ambrosius, der durch Krankheit verhindert war, an den 
Verhandlungen teilzunehmen, sondern der 40jährige Presbyter Hieronymus, 
welcher sofort der Vertrauensmann und der gelehrte Berater des Damasus wurde. 
Die Beschlüsse über die von der katholischen Kirche recipirten und die zu ver- 
werfenden Schriften sind nachmals von den Päpsten Gelasius (492—496) und 
Hormisdas (514—523) erneuert und erweitert worden. Die unter dem Namen 
Decretum oder Decretalis Gelasii papae de recipiendis et non recipiendis libris be- 
kannte Kecension ist nur eine Erweiterung der unter Damasus beschlossenen 
Satzung. Mit ziemlicher Sicherheit läßt sich noch feststellen, was im J. 382 
beschlossen wurde. Der „ordo scripturarum novi et aeterni testamenti" (Beil. IV) 
stellt die 4 Ew in die den Abendländern ungewohnte Ordnung Mt, Mc, Lc, Jo, 



13) Hilar. de trin. IV, 8 ed. Bened. p. 830 nennt unter anderen Schriftbeweisen 
der Arianer et (quod) Jacobus apostolus dixerit: .,apud quem non est demutatio". Das 
entspricht weder dem Corb. (permutatio) noch der Vulg. (transmutatio), wird also von 

. Hilarins aus dem Griechischen übersetzt sein. 

14) Tract. III de fide et de apocryphis p* 45, 2. Es ist dasselbe, was der des 
Priscillianismus verdächtige Spanier Bachiarius (Migne 20 col. 1034) ecclesiasticus canon 
nennt, „die von der Kirche bestimmte und begrenzte Bibel". Cf auch Augustin Epist. 
64, 3 ad Quintianum; c. Cresc. II, 31, 39 oben S. 10 A 39. Priscillian citirt den Jk 
p. 17, 8—16 (sicut scriptum est) ; 27, 14 ; 57, 7 {dicente apostolo, so auch : 63, 16 ; 94, 15 
96, 19); den Jud p. 29, 4; 32, 24 (Judas apostolus); 44, 12 (wo er überdies nach den 
Thomasakten mit Thomas identificirt wird) ; 64, 6 (sicut scriptum est) ; den 2 Pt p. 9, 26 ; 
69, 10; 87, 9 (hier überall 2 Pt 1, 20 zuletzt beatissimus Petrus cf p. 69, 10 und 
Bachiarius 1. 1.) ; p. 46, 12 (apostolus ait) ; den 2 Jo p. 31, 4 an ein Citat aus 1 Jo 4, 2 
(Johannes ait) mit sicut et ipse alibi angeschlossen. Nur der 3 Jo kommt bei ihm 
nicht vor. 

15) Über die Hss und die Literatur s. (jK II, 259—267 ; dazu Turner im Journal 
of theol. studies I (1900) S. 554—560 und unten Beil. IV. Zu den oben im Text an- 
geführten Anzeichen des Einflusses des Hieronymus gehört auch die überflüssige Gelehr- 
samkeit im atl. Teil Hieremiae liber I cum Cinoth i. e. lamentationibus suis. 



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§ 10. Die Angleichung des Occidents. 69 

welche Hieronymus bald darauf auch in der Vorrede zu den Ew als die richtige 
bezeichnet. Es folgen die 14 Briefe des PI mit dem Hb als dem letzten 16 ), 
übrigens eigentümlich geordnet (Eph, Th, Gl, Phl, Kl); ferner Ap, AG, an 
welche sich die 7 katholischen oder, wie sie hier zum ersten Mal und in 
der Folgezeit oft genannt werden, kanonischen Briefe anschließen. Der 
Kathedra Petri zu Ehren, deren Vorrang vor Alexandrien und Antiochien bei 
gleicher Gelegenheit durch Beschluß anerkannt wurde, stehen die Briefe des Pt 
voran ; es folgt Jk, der gleichfalls Apostel heißt, sodann ein Brief des Apostels 
Jo, zwei Briefe des Presbyters Jo und der Brief des „Apostels Judas Ze- 
lot es". Die Bezeichnung des Jk und des Jud als Apostel entspricht der bald 
darauf von Hieronymus in Rom verfochtenen Ansicht über die Brüder Jesu 1 *), 
und die Verwechselung des Apostels Judas Jakobi mit dem von Lucas dicht neben 
ihn gestellten Apostel Simon Zelotes (Lc 6, 15; AG 1, 13) ist ganz in der Art 
des Hieronymus. Durch die an Eusebius sich anschließende, aber über diesen 
hinausgehende Unterscheidung des Presbyters Jo als Vf des 2 u. 3 Jo vom 
Apostel als Vf des 1 Jo 18 ) sollten die Bedenken gegen 2 u. 3 Jo, welche seit 
den Tagen des murat. Kanons noch immer nicht völlig verstummt waren, be- 
seitigt werden. Abgesehen von dem, was aus der persönlichen Ansicht des 
Hieronymus und der kirchenpolitischen Überlegung der römischen Synode sich 
erklärt, ist dieser Ordo oder, wie er am Schluß heißt, Canon novi testamenti 
identisch mit demjenigen des Athanasius. Rom hatte gesprochen, und die 
Völker des Abendlands hatten es gehört. "Wie rasch die Spanier, die um ihre 
Orthodoxie in Sorge waren, gehorchten, wurde schon gezeigt (oben S. 66. 68) 

6. Langsamer folgten die Afrikaner. Auf den Synoden zu Hippo Regius 
vom J. 393 und zu Karthago 397 wurde nicht ohne mancherlei Anzeichen 
selbständiger Erwägung und formale Abweichungen der 382 in Rom festgesetzte 
Kanon der 27 Bücher angenommen. Ahnlich wie bei der römischen Feststellung 
ist es auch bei der afrikanischen nach Lage der vorhandenen Urkunden schwierig, 
den Text des ursprünglichen Beschlusses bis aufs "Wort wiederzugeben (GK IT, 
246 — 253). In der Hauptsache ist doch gewiß, daß man sich schon 393 ent- 
schieden an Rom anschloß. 

Das noch nicht überwundene "Widerstreben gegen den Hb kam darin zu einem 



16) Der unbedingte Anschluß des Hb erklärt sich aus der Rücksicht auf die an- 
wesenden Orientalen. Den eigenen sonstigen Angaben des Hieronymus (v. ill. 5; epist. 
53 ad Paulinum; ep. 129 ad Dardanum; comm. in Matth 26, 8 Vall. I, 280. 971; II, 838; 
VII, 212) würde es mehr entsprochen haben, dem Hb eine gewisse Sonderstellung 
zu geben. 

17) Hieron. c. Helvid. (Vallarsi II, 205—230); Forsch YI, 316-325, besonders 
auch S. 324 A 4 über die Bezeichnung des Jk und des Jud als Apostel in der Folgezeit. 
Die dem Hieronymus so wohl bekannten Bedenken sogar gegen die Echtheit dieser 
Briefe (v. ill. 2. 4) wurden auf diese Weise gründlich unterdrückt. 

18) Cf v. ill. 9. 18, dazu Einl II 2 , 465. 



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70 § 10. Die Angleichtmg des Occidents. 

sonderbaren Ausdruck, daß man an der Zahl der 13 Briefe des Fl festhielt, 
und doch den Hb als eine Schrift des PI an diese herkömmliche Sammlung an- 
schloß 10 ). Die Bedenken gegen Jk und Jud kamen darin zum Ausdruck, daß 
man beide hinter die anderen kath. Briefe stellte. Die kühne Behauptung, daß 
die Yf dieser Briefe Apostel seien, ließ man fallen, und das gelehrte Fündlein 
von dem doppelten Jo eignete man sich nicht an. Daß der neue Kanon mit 
den einheimischen Herkommen noch schwer zu kämpfen hatte, sieht man daran, 
daß unter anderen Beschlüssen des J. 393 auch dieser im J. 397 und noch 
einmal auf einem Concil zu Karthago 419 wiederholt werden mußte. Eine ge- 
wisse Unsicherheit und zugleich die Abhängigkeit von Born zeigte sich darin, 
daß man 393 beschloß, die transmaHna ecelesia y d. i. eben die römische, noch- 
mals zu befragen, was wahrscheinlich 397 in transmarinae ecclesiae geändert und 
419 durch den Beschluß ersetzt wurde, diesen Kanon noch einmal dem da- 
maligen Papst Bonifacius und den Bischöfen jener Gegenden zur Bestätigung 
vorzulegen. Augustin, der schon zur Zeit der Synode von Hippo als Presbyter 
unter den Bischöfen eine Auktorität war, hat unablässig für den neuen Kanon 
gewirkt. In seinem um 395 begonnenen "Werk de doctrina Christiana (II, 8; 
GK II, 253 ff.) wiederholt er den Kanon von Hippo, nur daß er jene Inkon- 
gruenz des Ausdrucks in bezug auf die Paulusbriefe und den Hb beseitigt, in- 
dem er einfach 14 Briefe zählt und aufzählt, und daß er die AG, statt hinter 
die Ew, als vorletztes Buch vor die Ap stellt. Ein Mittel zur Durchsetzung 
des römischen Kanons von 382 war auch die Neubearbeitung des NT's durch 
Hieronymus (c. 384 — 395). Augustin hat sich von Anfang an für dieselbe 
interessirt und hat wahrscheinlich nichts anderes als diese in Born begonnene 
und vom Papst Damasus veranlaßte neue Übersetzung als die „Itala li bezeichnet, 
welche wegen ihrer Worttreue und Klarheit vor den übrigen Übersetzungen den 
Vorzug verdiene 20 ). In Afrika wurde dieser Rat nicht so bald von der Mehr- 
heit befolgt; aber mitgeholfen hat er doch zur Beseitigung der provinzialen 
Eigentümlichkeiten . 

7. Nicht einmal in Italien fand der römische Kanon von 382 sofort allge- 
meine Anerkennung. Der Anerkennung des Hb war noch immer neben den 
Zweifeln an der paulinischen Herkunft desselben besonders der gefahrliche Ge- 
brauch, welchen die Novatianer von Hb 6, 4 — 8 machten, hinderlich 21 ). Seine 
gottesdienstliche Lesung war infolge dessen auch bei den Katholiken eine sehr 
beschränkte. Philaster von Brescia und Ambrosius von Mailand, denen wir diese 
Nachricht verdanken, gebrauchen ihrerseits unbedenklich den Hb als paulinisch. 



19) GK U f 252 Pauli apostoli epistolae tredecim, ejusdem ad Hebraeos una. Es 
war buchstäblich wahr, was Hieronymus ep. 53, 8 vom Hb sagte; a plerisque extra 
numerum ponitur. 

20) De doctr. christ. H, 22 cf Burkitt, The old Latin and the Itala (1896 Texts 
and Studies IV, 3) p. 60-65; Th. Ltrtrbl. 1896 S. 374 f. 

21) Ambros. de poenit. II, 3; Philaster haer. 89 cf GK H, 239 und oben S. 18. 



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§ 10. Die Angleichung des Occidents. 71 

Aber wie Ambrosius von den früber im Abendland nocb nicbt anerkannten 
kath. Briefen keinen Gebrauch macht, so bleibt Philaster trotz seiner Aner- 
kennung des Hb und bei gleichzeitiger Anerkennung der 7 kath. Briefe an 
dem Kanon der 13 Paulinen hängen 22 ). Daß auch in Gallien die Unsicherheit 
fortdauerte, beweist das Schreiben an Bischof Exsuperius von Toulouse, worin. 
Innocenz I. von Rom im J. 405 unter anderen Anfragen auch eine solche nach 
dem Bibelkanon beantwortete (GK II, 244). Ohne sich in der Anordnung genau an den 
Beschluß von 382 anzuschließen, gibt Innocenz inhaltlich genau den damasianischen 
Kanon wieder. Die 382 von Hieronymus beantragten und durchgesetzten 
Hypothesen von dem doppelten Jo und von der Apostelwürde des Jk und des 
Jud ließ auch er wie die Afrikaner bei Seite; und die Anerkennung des Hb 
als einer paulinischen und kanonischen Schrift stellte er als so selbstverständ- 
lich hin, daß es ihm genügte, von den 14 Briefen des PI zu reden, ohne sie 
einzeln aufzuzählen und ausdrücklich zu sagen, daß der Hb inbegriffen sei. Um . 
dieselbe Zeit stellte auch Rufinus in Aquileja, welcher sich mehr an die morgen- 
ländischen Auktoritäten als an die römische Satzung anlehnte, den gleichen 
Kanon auf (expos. symb. 36 — 38; GK II, 240 ff.). Unter den orthodoxen 
Bischöfen und den maßgebenden Theologen des Abendlandes gab es hierüber 
keine Meinungsverschiedenheiten mehr. Der ntl Kanon war im Abendland um 
ein Jahrhundert früher fertig, als im griechischen Orient. Das Ergebnis war 
hier wie dort das NT der 27 Bücher, welches zuerst Athanasius mit fester Hand 
umgrenzt hatte. 

8. Die zuletzt besprochenen Entscheidungen aus der Zeit um 380 — 420 
verfolgten außer dem Zweck, dem lateinischen NT die in fast allen anderen 
Kirchengebieten, aber noch nicht im Abendland als kanonisch anerkannten 
Schriften endgiltig einzuverleiben, auch den anderen Zweck, sonstige altchrist- 
liche Schriften, welche in früherer Zeit ein gleiches oder doch ein ähnliches 
Ansehen genossen hatten und hier und da noch immer mit gläubiger Andacht 
gelesen wurden, vom Kanon auszuschließen. Anlaß dazu gab weniger der 
gottesdienstliche Gebrauch der katholischen Kirche, als die Stellung, welche 
Priscillian in Spanien und die Manichäer besonders in Afrika zu den Apokryphen 
einnahmen 28 ). Der Manichäer Faustus und seine Genossen übten daneben eine 
schonungslose Kritik an den kanonischen Schriften der Kirche, wohingegen 
Priscillian durch möglichst starke und häufige Betonung des dispositus canon 



22) Haer. 88 (GK II, 237 A 3). Auch in haer. 89 wird noch unterschieden non 
tarnen in ecclesia legitur populo, nisi tredecim epistolae ipsius et ad Hebraeos interdum. 

23) Priscill. tract. 3 „über de fide et de apocryphis" p. 44—56, aber auch sonst 
vielfach. Im einzelnen finden wir bei ihm genannt oder benutzt: Henoch p. 32. 24; 
44, 12 ff. ; 4 Esrabuch p. 52, 3 — 24; Laodicenerbrief p. 55, 12 — 22; memoriae sanctorum 
p. 46, 16 = memoria apostolorum (Orosius) p. 154, 5; Thomasakten p. 44, 12 (oben 
S. 68A14). — Auf die Apokryphen bei den Manichäern kann hier nicht näher eingegangen 
werden. Hauptquelle sind Augustins Schriften, besonders sein Werk gegen Faustus. 



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72 § 10. Die Angleichung des Occidents. 

seine Orthodoxie zu zeigen und seine Vorliebe für allerlei Apokryphen zu 
decken bemüht war. Es war wohl eine Übertreibung, aber doch nicht unver- 
anlaßt, wenn Philaster bald nach der Hinrichtung Priscillians und mit dem 
Hinweis auf Maniehaei et alii tales in seinen Ketzerkatalog eine haeresis auf- 
, nahm, welche nur die apokryphen Propheten- und Apostelschriften und nicht 
die kanonischen Schriften beider Testamente anerkennt (haer. 88 GK II, 236). 
Der Beschluß von 382 bezog sich nicht nur auf die kanonischen Schriften, 
sondern sollte auch bestimmen, was die katholische Kirche zu meiden habe 24 )". 
Obwohl das hiedurch angekündigte Verzeichnis von Apokryphen uns nur in der 
späteren Bearbeitung, die es unter Gelasius erfahren hat, erhalten ist, können 
wir doch durch Vergleichung der ungefähr gleichzeitigen Angaben mit an- 
nähernder Sicherheit entnehmen, um welche Bücher es sich um 380 — 400 häupt- 
sächlich handelte. Von christlichen oder ntl Apokryphen sind zu nennen 1) der 
Laodicenerbrief des PI 25 ), 2) apokryphe Apostelgeschichten, besonders die dem 
Leucius zugeschriebenen Akten des Johannes und des Petrus, aber auch die 
Akten des Andreas und des Thomas, sowie diejenigen des Paulus (und der 
Thekla) 26 ), 3) der Hirt des Hermas 27 ). Wenn man in Rom beschlossen hatte, 
daß die Kirche solche Schriften zu meiden habe, so war damit zunächst die 
gottesdienstliche Verwendung und die Berufung auf solche Schriften als Auktori- 
täten gemeint, woneben private Lesung unverwehrt blieb. Es bestand kein 
allzu schroffer Gegensatz zwischen einem Priscillian, welcher auf diese Schriften 
das Gebot Jesu Jo 5, 39 anwandte (p. 47, 25; 51, 13), und einem Philaster 
(haer. 88), welcher sagte, sie müßten gelesen werden, nur nicht von allen und 
nicht im Gemeindegottesdienst, sondern von den Gereiften, welche mit Kritik zu 
lesen verstehen (cf Priscillian p. 56, 6). Auch das macht keinen großen 
Unterschied, daß Philaster entschieden behauptete (haer. 88. 89), Priscillian (p. 
46, 22 ff.; 51, 20—52, 2.; 56, 6—27) aber nur als möglich zugab, daß diese 
Schriften hier und da von Häretikern gefälscht worden seien. Sehr deutlich 
haben die Afrikaner den Ausschluß der Aprokryphen von der gottesdienstlichen 
Vorlesung dahin näher bestimmt, daß nichts außer den kanonischen Schriften 
„unter dem Namen der göttlichen Schriften in der Kirche ge- 
lesen werden solle", wodurch der ausdrückliche Vorbehalt vorbereitet ist, 



24) So nach dem Eingang s. unten Beil. IV und dazu GK II, 263—266. 

25) Priscillian (s. S. 72 A 23) ; Philaster haer. 89 und oben S. 17. 

26) Über Priscillian S. 72 A 23; Phil. haer. 88; Innocenz (GKII, 245) schreibt mit 
Recht nur die Petrus- und Johannesakten dem Leucius, die Andreas- und Thomasakten 
anderen Verfassern zu. Cf ferner August, de act. cum Feiice Man. II, 6; c. ado. legis 
et proph. I, 20; c. Faustum XXII, 79; XXX, 14; epist. 64, 3 ad Quintianum; epist. 
237 ad Ceretium ; Decret. Gelasii bei Thiel, Epist. pontif. p. 462 § 6 und 7 in. 

27) Dieser nur im Decret. Gelasii 1. 1. liber qui appellatur Pastoris apocryphus 
und bei Rufinus unter den „libri ecclesiastici" (expos. symb. 36; GK II, 243) libellus 
qui dicitur Pastoris sive Hermae. Dazu Hieron. v. ill. 10 apud Latinos paene ignotus est 



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§ 10. Die Angleichung des Occidents. 73 

daß an den Gedächtnistagen der Märtyrer deren Passionen gelesen werden dürfen 
(GK II, 251. 252). Der Kanon war darum nicht weniger fest begrenzt. Der 
Versuch des Eufinus, nach dem Vorgang der Ägypter einige nicht kanonische 
Bücher, darunter die christlichen Schriften: Hirt des Hermas, die zwei "Wege 
und das Judicium secundum Fetrum zu einer besonderen Klasse von libri 
ecclesiastiei zusammenzufassen und deren gottesdienstliche Verwendung zu sichern, 
mußte ohne Erfolg für die abendländische Kirche bleiben, weil diese längst teils 
aufgehört, teils niemals die Gewohnheit gehabt hatte, diese christlichen Schriften 
im Gottesdienst zu lesen, während sie die vorchristlichen Schriften, welche 
Rufin dieser Klasse beizählte, Sirach und "Weisheit Salomos, geradezu kanonisirt 
hatte 28 ). 

Durch die allgemeine Anerkennung des Gesetzes ist die pünktliche Be- 
obachtung desselben keineswegs gesichert. Die alten Bibeln aus der Zeit vor 
380 wurden weiter gebraucht und kopirt. Einzelne Schriftsteller erlaubten sich 
Freiheiten. Bischof Victor von Capua nahm in das NT, welches er 546 unter 
seiner eigenen Aufsicht schreiben ließ, statt der 4 Evv eine von ihm vorgefundene 
lateinische Bearbeitung von Tatians syrischem Diatessaron und mitten unter den 
kanonischen Briefen des PI den Laodicenerbrief auf 29 ). Die lateinische 
Evangelienharmonie , welche schon Victor nicht mehr in ihrer ersten Gestalt 
vorfand, ist durch das ganze Mittelalter hindurch ein viel gelesener, mehrmals 
umgearbeiteter und umgedichteter Ersatz der kanonischen Evv geblieben. Der 
Laodicenerbrief hat sich ebenso lange in vielen Bibeln erhalten. Gregor der 
Große u. a. haben unbeschadet ihres Festhaltens am Kanon der 14 Briefe des 
PI die Echtheit desselben anerkannt. Selbst der apokryphe 3. Korintherbrief, 
von dem die alte lateinische und griechische Kirche nichts gewußt haben, ist 
mit dem Laodicenerbrief zusammen in einer lateinischen Bibel gefunden worden. 
Auch der lat. Text des Hirten des Hermas ist in Bibelhss. . erhalten. Es waren 
das teils Überbleibsel aus sehr alter Zeit , teils Willkürlichkeiten Einzelner, 
gegen welche man um so leichter Toleranz übte, je weniger man es mit der 
Bibel als Kanon, als dem unbeugsamen Richtmaß für Lehre und Leben der 
Kirche, ernst nahm. 



28) So, wie es scheint, schon der Mommsen'sche Kanon (GK II, 151), das römische 
Dekret von 382 mit einem item hinter den altsalomonischen Büchern, Statuta Hippon., 
Augustin, Innocenz IcfGK II, 245. 251. 257 und unten S. 76. 78 (1. 70) und dazu GK 
II, 95 ff. 

29) Codex Fuldensis ed. Ranke p. 1—165. 291 cf Forsch I, 1-5. 298— 313; GK 
I, 415-418; II, 566—585. 



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Beilagen. 



I. Der Muratorische Kanon. 

Quellen. 1. Hauptquelle ist nach wie vor Cod. „J 101 Sup. u in der ßibliotheca 
Ambrosiana zu Mailand, aus der Bibliothek von Bobbio, saec. VIII. Erster Abdruck 
bei L. A. Muratori, Antiqo. Ital. medii aevi vol. III (Mediol. 1740) p. 851—854. Kolla- 
tionen von Nott für Routh, reliqo. sacrae I 2 , 389 — 434 ; von Fr. Wieseler für C. Wieseler, 
Th. Stud. u. Krit, 1847, S. 818—829; von M. Hertz für Bunsen, Anal. Antenic. I, 137 
bis 141; von S. P. Tregelles in dessen Canon Muratorianus (1867 mit Faksimile); von 
Reifferscheid, Sitzungsber. d. Wiener Akad. Hist.-phil. Klasse Bd. 67 (1871), S. 4% ff.; 
von Ceriani für Westcott, A general survey of the hist. of the canon, 6. edit. (1889) 
p. 521—538; von Harnack, Ztschr. f. Kirchengesch. III, S. 595-599; von Zahn, GK II, 
1007; von Achelis u. Schüler für Preuschen, Analecta (1893) S. 129—137 cf p. IX. — 
2. Eine Hilfsquelle wurde in einem Prolog zu den paulinischen Briefen entdeckt, in 
welchen mehrere Stücke des mur. Kanons hinein verarbeitet sind (nämlich 1. 42 — 50. 
63 — 68. 81—85. 54—57 in dieser Reihenfolge), und ist nach 4 Hss zu Monte Cassino 
(nr. 235. 349. 535. 552, saec. XI— XII) in Miscellanea Cassinese (1897 P. H, Abt. 4 
p. 1—5) herausgegeben. Cf Harnack, Th. Ltrtrztg 1898 Nr. 5; Zahn, Prot. REnc. IX 3 , 
797. Der dem Kompilator vorliegende Text ist nicht identisch mit der mailänder Hs 
und auch nicht aus derselben abgeleitet. — Literatur: Außer den angeführten 
Schriften und Abhandlungen, welche zum Teil von Erörterungen über. Text und Inhalt 
begleitet sind vgl. Credner, Gesch. d. neutest. Kanon herausgeg. von Volkmar (1860) 
S. 141—170; Volkmar ebendort im Anhang S. 341—363; Nolte, Tüb. Th. Quartalschr. 
1860, S. 193—243; Laurent, Neutestam. Stud. (1866) S. 195—209; Hesse, Das Murato- 
rische Fragment, 1873; Hilgenfeld, Ztschr. f. wiss. Th. 1872 S. 560-582; 1874 S. 214 bis 
231; 1880 S. 114—121; 1881 S. 129—170; Harnack, Ztschr. f. luth. Th. u. Kirche 1874 
S. 274-288; 445-464; ders., Ztschr. f. Kirchengesch. IIE (1879) S. 358—408; Steck- 
hoven, Het Fragment van Muratori, 1877; Overbeck, Zur Geschichte des Kanons, 1880 
S. 71 ff.; Salmon, Dict. of Christ, biogr. III (1882); S. 1000-1003; Zahn, GK II (1890) 
S. 1 — 156; Kuhn, Das Mur. Fragm., 1892; Koffmane, Das wahre Alter und die Her- 
kunft des murat. K, N. Jahrb. f. deutsche Th. 1893, S. 163—223; Zahn in Prot. REn- 
cykl. IX 8 , 796—806. 

Ich gebe zunächst (1) den Text, wie er, von alter Hand korrigirt, in der mailänder 
Hs zu lesen ist, und notire unter dem Text, soweit das möglich ist, die Schrift der ersten 



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I. Der Muratorische Kanon. 75 

Hand; sodann (2) eine Recension des Textes mit Benutzung des Fragmentes von M. 
Cassino. In den Noten zu 2 bezeichne ich die mailänder Hs durch M, die Hss von M. 
Oassino insgesamt durch C ; wo diese von einander abweichen, ist, wie in Miscell. Cassin. : 
C = cod. 349; C 1 = cod. 552; C 3 = cod. 235; C 8 = cod. 535. AUe orthographischen 
und die Flexionsendungen betreffenden Abweichungen von dem unter 1. abgedruckten 
mailänder Text anzumerken, erschien überflüssig. Bedeutendere Abweichungen von 
M, teils nach Conjectur, teils nach C sind gesperrt gedruckt, Ergänzungen in eckige 
Klammern gesetzt. Die Zeilen von M sind auch im Text 2 abgezählt. 

1. 

quibus tarnen interfuit et ita posuit 

tertio euangelii librum secundo lucan 

lucas iste medicus post ascensum XPi 

cum eo paulus quasi ut iuris studiosutn 
5 8ecuDdum adsumsisset numeni suo 

ex opinione concribset dnm tarnen nee ipse 

uidit in carne et ide prout asequi potuit 

ita et ad nativitate iohannis ineipet dicere 

quarti euangeliorum iohannis ex deeipolis 
10 cohortantibus condeseipulis et eps suis 

dixit conieiunate mihi odie triduo et quid 

cuique fuerit reuelatum alterutrum 

nobis ennarremus eadem nocte reue 

latum andreae ex apostolis ut recognis 
15 centibus euntis iohannis suo nomine 

euneta discriberet et ideo licit varia sin 

culis euangeliorum libris prineipia 

doceantur nihil tarnen differt creden 

tium fidei cum uno ac principali spu de 
20 clarata sint in omnibus omnia de natiui 

täte de passione de ressurrectione 

de conuersatione cum deeipulis suis 

ac de gemino eius aduentu 

primo in humilitate dispectus quod fo 
25 it seeundum potestate regali . . pre 

darum quod foturum est quid ergo 

mirum si iohannes tarn constanter 

sineula etiä in epistulis suis proferam 

dicens in semeipsu quae uidimus oculis 
30 nostris et auribus audiuimus et manus 

nostrae palpauerunt haec scripsimus uobis 

sie enim non solum uisurem sed et auditorem. 

sed et scriptore omnium mirabiliü dui per ordi 



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76' I* Der Mürätorische Kanon. 

s nem profetetur acta aute omniu apostolorum 

35 sub uno libro scribta sunt lucas obtime theofi 

le conprindit quia sub praesentia eins singula 
gerebantur sicuti et semote passione petri 
euidenter declarat sed et profectione pauli ab ur 
be ad spaniä proficescentis epistulae autem 

40 pauli quae a quo loco vel qua ex causa directe 

sint volentibus intellegere ipse declarant 
primü" omnium corintheis scysmae heresis in 
terdicens deinceps b callactis circumcisione 
romanis aute ordine scripturarum sed et 

45 principium earum . . . esse XPm intimans 

prolexius scripsit de quibus sincolis neces 
se est ad nobis desputari cum ipse beatus 
apostolas paulus sequens prodecessuris sui 
iohannis ordine non nisi nomenati sempte 

50 ecclesiis scribat ordine tali a corenthios 

prima, ad efesius seconda ad philippinses ter 
tia ad colosensis quarta ad calatas quin 
ta ad tensaolenecinsis sexta ad romanos 
septima verum corintheis et thesaolecen 

55 sibus licet pro correbtione iteretur una 

tarnen per omnem orbem terrae ecclesia 
deffusa esse denoscitur et iohannis eni in a 
pocalebsy licet septe eccleseis scribat 
tarnen omnibus dicit verü ad filemonem una 

60 et at titü una et ad tymotheü duas pro affec 

to et dilectione in honore tarnen eclesiae ca 
tholice in ordinatione eclesiastice 
descepline scificate sunt, fertur etiam ad 
laudecenses alia ad alexandrinos pauli np 

65 mine fincte ad heresem marcionis et alia plu 

ra quae in catholicam eclesiam recepi non 
potest fei enim cum melle misceri non con 
cruit epistola sane iude et superscrictio 
iohannis duas in catholica habentur et sapi 

70 entia ab amicis salomonis in honore ipsius 

scripta apocalapse etiam iohanis et pe 
tri tantum recipimus quam quidam ex nos 
tris legi in eclesia nolunt pastorem uero 
nuperrim e temporibus nostris in urbe 

75 roma herma conscripsit sedente cathe 



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I. Der Muratorische Kanon. 77 

tra urbis romae aeclesiae pio eps fratre 

eius et ideo legi eum quide oportet se pu 

plicare vero in eclesia populo neque inter 

profetas conpletum numero neqe inter 
80 apostolos in fine temporum potest 

arsinoi autem seu ualentini vel mitiadis 

nihil in totum recipemus qui etiam nouü 

psalmorum librum marcioni conscripse 

runt una cum basilide assianom catafry 
85 cum constitutorem 

2 secundo aus urspr. secando \ 3 acensum mit 8 vor c über der Zeile | 6 concriset 
mit b, nach anderen c oder p über i \ 7 vor uidit ein durchstrichenes d \ pro mit ut 
über der Z. | 16 cunta \ discribret | 19 fedei mit i über dem durchstrichenen ersten 
e | 22 convesatione | 23 hinter aduentu Raum für 11 Buchst. | 24 fo: ob in fu korri- 
girt? | 25 it: nicht re oder tu \ potetate. Hinter regali zwei radirte Buchst. | 28 profe- 
ram, nicht proferat | 31 deutlich nur noch scripsimu und (unter der Zeile) bis zu 
lesen | 32 et über der Zeile nachgetragen | 33 dni : urspr. dns | 35 uno aus unu \ 37 sicuti 
aus sicute | 38 et über der Z. | ab aus ad \ 41 volentibus aus voluntatibm \ 41 das Zeichen 
hinter declarant ist Interpunktion, nicht Ligatur = declarantur | 42 scysmae aus 
ßcysme \ 43 Wölfflin schrieb mir deinceps b — deinceps | callactis aus caWafis(?) | 44 oriiwe 
aus ornidine | e^ über Rasur nachgetragen | 45 vor esse drei radirte Buchst., darunter 
ein 8 | 48 apostolus aus apostulus \ 49 nomenati aus domenati \ urspr. semptäe | 50 urspr. 
eccleses \ 51 nicht efesios \ philippinses, ob aus philippenses oder umgekehrt | 54 urspr. 
corentheis | urspr. desaolecen \ 55 urspr. Zici£ | 58 urspr. sep^T j 63 descepiiwae aus disc. 
oder umgekehrt j 64 urspr. laudecensis \ 65 heresem aus Äerem | 66 urspr. chatholicam \ 72 
urspr. recipemus \ 74 urspr. nuperrim et temp. \ 76 fratre aus frater \ 79 urspr. ^ro- 
festas | ne^e aus newe | 81 mitiadis, wie es scheint, aus metazde oder metiades durch 
Korrektur entstanden cf GK II, 8. 124 f. 1007; Preuschen Anaiekta S. 134 f. | 84 urspr. 
assianum \ 85 urspr. contitutorem. 

2. 

1 [Ali]quibus tarnen interfuit et ita posuit. 2 Tertium evangelii librum 
secundum Lucan 8 Lucas iste medicus, post ascensum Christi 4 cum eum 
Paulus quasi itineris studiosum b secum adsumsisset, nomine suo 6 ex 
ordine conscripsit; dominum tarnen nee ipse 7 vidit in carne. Et idem 
prout assequi potuit, 8 ita et a nativitate Johannis ineipit dicere. 

9 Quartum evangeliorum Johannis ex diseipulis. [Is] 10 cohortantibus 
condiseipulis et episcopis suis 12 dixit: „conjejunate mihi hodie triduo, et 
quid 12 cuique fuerit revelatum, alterutrum 18 nobis enarremus". Eadem 
nocte revelatum 14 Andreae ex apostolis, ut recognoscentibus 15 cunctis 
Johannes suo nomine 16 cuncta describeret. 

Et ideo, licet varia 17 singulis evangeliorum libris prineipia 18 doceantur, 
nihil tarnen differt credentium 19 fidei, cum uno ac principali spiritu 20 decla- 
rata sint in omnibus omnia de [domini] 21 nativitate, de passione, de resur- 



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7S I- Der Muratorische Kanon. 

rectione, 22 de conversatione cum discipulis suis 28 ac de gemino ejus ad- 
ventu, 24 primo in humilitate despecto, quod fuit, 25 secundo potestate regali 
praeclaro, 26 quod futurus est. 

Quid ergo 2T mirum, si Johannes tarn constanter 28 singula etiamin epi- 
stulis suis proferat, 29 dicens in semetipsum: „quae vidimus oculis 80 nostris 
et auribus audivimus et manus 81 nostrae palpaverunt, haec scripsimus 
vobis". 32 Sic enim non solum visorem se et auditorem, 83 sed et scriptorem 
omnium mirabilium domini per ordinem 84 profitetur. 

Acta autem omnium apostolorum 85 sub uno libro scripta sunt. Lucas 
optimo Theophilo 86 comprehendit, quia sub praesentia ejus singula 87 gere- 
bantur, sicuti et semota passione Petri 88 evidenter declarat, sed et profec- 
tione Pauli ab urbe 89 ad Spaniam proficiscentis. 

Epistulae autem 40 Pauli, quae a quo loco vel qua ex causa directae 
41 sint, volentibus intellegere ipsae declarant. 42 Primum omnium Corinthiis 
Schismata [et] haereses 48 interdicens, deinceps Galatis circumcisionem ; 
44 Romanis autem ordinem scripturarum , sed et 45 praecipuutn earum esse 
Christum intimans, 46 prolixius scripsit; de quibus singulis [non] necesse 
47 est a nobis disputari. Cum ipse beatus 48 apostolus Paulus, sequens 
praecessoris sui 49 Johannis ordinem, nonnisi nominatim Septem 50 ecclesiis 
8cribat ordine tali : ad Corinthios 51 prima, ad Ephesios secunda, ad Philip- 
penses tertia, 52 ad Colossenses quarta, ad Galatas quinta, 68 ad Thessaloni- 
censes sexta, ad Romanos 54 septima — verum Corinthiis et Thessaloni- 
censibus, 55 licet pro correptione, iteratur — , una 66 tarnen per omnem 
orbem terrae ecclesia ö7 diffusa esse dignoscitur. Et Johannes enim in 68 apo- 
calypsi, licet Septem ecclesiis scribat, 50 tarnen Omnibus dicit. Verum ad 
Philemonem una- 60 et ad Titum una et ad Timotheum duae pro affectu 
61 et dilectione, in honorem tarnen ecclesiae 62 catholicae in ordinationem 
ecclesiasticae 63 disciplinae sanctificatae sunt. Fertur etiam ad 64 Laudi- 
censes, alia ad Alexandrinos, Pauli nomine 65 finctae ad haeresem Marcionis, 
et alia plura, 66 quae in catholicam ecclesiam recipi non 67 potest; fei enim 
cum melle misceri non congruit. 

68 Epistola sane Judae et superscriptae 69 Johannis duae in catholica 
habentur et 70 Sapientia ab amicis Salomonis in honorem ipsius 71 scripta; 
Apocalypsis etiam Johannas et 72 Petri [. . .] tantum recipimus f. . .], quam 
quidam ex 78 nostris legi in ecclesia nolunt. Pastorem vero 74 nuperrine 
temporibus nostris in urbe 75 Roma Hermas conscripsit, sedente [in] cathedra 
76 urbis Romae ecclesiae Pio episcopo fratre 77 ejus; et ideo legi eum 
quidem oportet, se 78 publicare vero in ecclesia populo neque inter 
79 prophetas, completos numero, neque inter 80 apostolos in finem tem- 
porum potest. 

$1 Ar8inoi autem seu Valentini vel Mitiadis (?) 82 nihil in totum reci- 



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I. Der Muratorische Kanon. 79 

pimus, qui etiam novum 83 psalmorum librum Marcioni conscripserunt, 
84 una cum Ba9ilide sive Asiano Cataphrygum 86 constitutore. 

4 quasi itineris studiosum conj. Bimsen = toadv filaTiodrjfiov cf GK II, 24£T. : 
quasi u\ iuris studiosum M | 5 secum : secundum M | 6 ex ordine = xa&egrjg Lc 1, 3 : ex 
opinione M I 9 is -f- Routh cf Hier, praef. comm. in Matth. Voll. VII, 5/6 : is cum 
esset in Asia etc. : om. M | 11 cf Assumpt. Mos. 9, 25 jejunemus triduo; Acta Petri 
cum Simone p. 45. 8 | 20 domini oder dni fiel hinter de leicht aus : om. M | 24 f. quod 
fuit . . . quod futurus est (sc. adventus) = ort yiyovsv . . ön pMei yeveo&at cf GK 
II, 45 : quod foit . . . quod futurum est M | 32 se et conj. : sed mit nachträglich hinzu- 
gefügtem et M | 42 primum M :primo C, der hier anfängt | Corintheis M, Corinthis | 
Schismata et haereses cf 1 Kr 1. 10; 11, 18 f. : scysmae heresis M, scisma heresis C| 
deinceps M : deinde C | 42 f. circumcisionem . . ordinem C : circumcisione . . ordine 
M | 45 praecipuum C (= rd egaiperov cf Prot. REnc. IX 8 797) : principium M | 46 
non om. M C | 47 a nobis : ad nobis M, nöbis C | disputari M : disputare C. Mit cum 
eine neue Periode zu beginnen, wozu 1. 56. 57 den Nachsatz bildet, scheint das dortige 
„dignoscitur" zu empfehlen. Aber C hat diesen Nachsatz gar nicht in diesem Zusammen- 
hang, sondern viel später, zie'ht also cum etc. zum Vorigen cf GK II, 67 ff. | 48 prae- 
cessoris C cf GK II, 69 f. AI : prodecessuris M | 50 scribat M : scripsit C. Hinter 
tali gibt C eine ganz anders geordnete Aufzählung und Inhaltsangabe der Gemeinde- 
briefe | 51 ff. prima . . secunda etc. M : Änderung in primam etc. entbehrlich | 54—57 
verum — dignoscitur auch C, aber hinter 1. 85 | 55 correptione M (b statt p) C 1 : correp- 
tionem C, correctione C 2 * 8 | iteratur : iteretur M, uteretur C | 56 ecclesia M : -f- catholica 
C | 57 dignoscitur C : dinoscitur C 1_3 , denoscitur M | 60 duae : duas M s. unten zu 
Beil. IV | 63 — 67 auch in* C | 64 Laudicenses C : Laudecenses M | alia M : aliam C 
(alium C 2 ) | 65 finctae M (-te) : ficte C (ficta C 2 ) | heresem M : heresim C | 66 catholicam 
eclesiam recepi M : aecclesia catholica recipi C | 67 potest M : oportet (J | misceri M : 
miscui C | 81 Arsinoi M : Arsinofa C (Arsmofa C 2 * 3 ) | . Mitiadis M C : Miadis C 2 , 
Mitididis C 3 | 83 Marcioni M : Marcionis C | 84 sive C a : eine CO 1 , om. MC 8 | Asiano 
C 1_3 : Asyano C, Assianom M | Catafrycum M, Catafrigum C | constitutorem MC | 



IL Der Kanon des Codex Claromontanus. 

In dem griechisch -lateinischen Cod. D der paulinischen Briefe, in der Bibl. nat. 
zu Paris Cod. gr. 107, gewöhnlich Claromontanus genannt, saec. VI, steht dieses Ver- 
zeichnis auf fol. 467 v. — 468 v. zwischen dem Text des Philemonbriefes und dem des 
Hebräerbriefes. Abgedruckt von Tischendorf, Cod. Ciarom. sive epistulae Pauli omnes 
graece et latine etc., 1852 p. 468 f., nach erneuter Vergleichung mit der Hs von mir 
wieder abgedruckt und erörtert GK II, 157—172. 1012 f. Während ich einen kleinen 
Fehler Tischendorfs berichtigte (1. 6 Cod. Deuterenomium t Tschd. Deuter ononium), habe 
ich selbst (GK LI, 158. 158 cf 157 A 2. 1012) gegen die Hs 1. 4 „IIDCC" statt „IlDCCC" 
und 1. 59 „OCLXXXVIII" statt „CCLXXXVIHI" drucken lassen. Ich gebe hier außer 
dem Anfang und Schluß des AT's nur den ntl. Teil der Liste. 

Versus scribturarum sanetarum 



ita Genesis verus Uli D 
Exodus versus IIIjDCO 
Leviticum versus II DCCC 
Numeri versus IIIDOL 



Deuterenomiuui ver. 111 CCC 

Tobias ver. I 
Evangelia IUI 



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80 



II. Der Kanon des Codex Claromontanus. 



Mattheum ver.JLJLDC 

Johannes ver. II 

Marcus ver IDC 

Lucam ver. HDCCCC 

Epistulas Pauli 

Ad Romanos ver. IXL 

Ad Ohorintios I. ver. ILX 

Ad Chorintios II. ver. LXX 

Ad Galatas ver. CCCL 

Ad Efesios ver. OOCLXXV 1 ) 

Ad Timotbeum I. ver. CCVIII 

Ad Timotheumll. ver. CCLXXXVIin 

Ad Titum ver. CXL 

Ad Colosenses ver. COLI 



Ad Filimonem ver. L 
Ad Petrum prima CC 
Ad Petrum II. ver. CXL 
Jacobi ver. COXX 
Pr. Johanni epist. COXX 
Jobanni epistula II. XX 
Johanni epistula III. XX 
Judae epistula ver. LX 

— Barnabae epist. ver. DCCCL 2 ) 
Johannis revelatio ICC 

Actus apostolorum IID C 

— Pastoris versi IUI 

— Actus Pauli ver.HlDLX 

— Revelatio Petri CCLXX. 



III. Ein afrikanischer Kanon ans der Zeit um 360. 

Das nachstehende Verzeichnis ist zuerst 1886 von Th. Mommsen aus dem Cod. 12266 
der Bibliothek des Th. Phillipps zu Cheltenham (saec. X) herausgegeben worden im 
Hermes, Bd. XXI S. 142—156. Derselbe gab 1890 im Hermes Bd. XXV S. 636 f. eine 
Kollation des Cod. 133 der Stiftsbibliothek in St. Gallen (saec. IX) zu demselben Text. 
Erstere Hs (= C) hat neu verglichen und untersucht W. Sanday Stud. bibl. et eccles. 
Oxon. vol. III (1891) p. 217—303. Aus der St. Galler Hs (= G) ist das Verzeichnis 
ohne Rücksicht auf die zweite Publikation Jttommsen's noch einmal vollständig ab- 
gedruckt in Miscellanea Cassinese (1897) Parte II, Abt. 4 p. 6 f. Über die Hss. C und 
G cf Chron. min. ed. Th. Mommsen I (1892) p. 80. Ferner cf GK H, 143—156. 
1007—1012. — In beiden Hss. bilden die Verzeichnisse der kanonischen Schriften beider 
Testamente und der Schriften Cyprians eine Beigabe zu der alten unter dem Namen 
„Liber generationis" bekannten chronographischen Schrift (C. p. 82; G. p. 488), welche 
den übrigen Hss des Liber generationis fehlen. C und G stimmen auch in dem Index, 
welcher an der Spitze des Lib. gen. steht, gegen die übrigen Hss. im wesentlichen 
überein und geben als letzte Nummer des Index : libri qui sunt veteris (-\- et novi C) testa- 
menti canonici cum indiculis versuum (Hermes XXI S. 144; Chron. min. p. 90). Die 
Zeit, in welcher dieser modificirte Index und somit überhaupt der Archetyp der in CG 



1) Hier sind jedenfalls „ Philipp. Thessal. I. Thessal. II", wahrscheinlich aber auch 
noch „Hebr." aasgefallen, indem das Auge eines Abschreibers dieses ursprünglich 
griechischen Verzeichnisses oder das Auge des lateinischen Übersetzers von tzqos 'Eyeoiovs 
zu tzqös 'JEßpaiovg abirrte cf GK II, 164. 171. 

2) Hierunter ist der gewöhnlich so genannte Barnabasbrief, nicht etwa der Hb zu 
verstehen GK II, 169 ff. Der Strich links von diesem und von den 3 letzten Titeln ist 
ein kritisches Zeichen, wodurch der Schreiber der Hs ausdrücken wollte, daß der Brief 
des Barnabas, der Hirt des Hermas, die Akten des Paulus und die Apokalypse des 
Petrus nach seiner Meinung oder dem kirchlichen Brauch seiner Umgebung nicht zu 
den scripturae sanctae gehören. 



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III. Ein afrikanischer Kanon aus der Zeit um 360. 81 

' erhaltenen Recension des Lib. gener. entstanden ist, ergibt sich aus der nur in CG vor- 

liegenden Angabe gleich zu Anfang des Index^ ab Adam usque in comulatum 

' Valentiniani (Valentini G) et Valentis anni sunt VDCCCCXX VIII cf Sanday p. 221. 

j Chron. min. p. 89. Wie immer die Ziffer der Weltära zu korrigiren sein mag, es kann 

nur das J. 365 gemeint sein, in welchem Valentinian und Valens zum ersten Mal 
Konsuln waren. In diesem Jahr ist also die in CG vorliegende Recension des Lib. gen., 

i welche die Verzeichnisse der biblischen und der Cyprianischen Schriften enthält und 

! sie im Index mit aufführt, oder doch dieser Index entstanden. Noch etwas älter 

müssen die Verzeichnisse selbst sein; denn erstens ist der Redaktor dieser Recension 
der Lib. gener. ein Kompilator, und zweitens enthält das Verzeichnis der biblischen 
Schriften bereits zwei Korrekturen des ursprünglichen Textes, und zwar solche, welche 

1 jedenfalls nach 380—400 nicht mehr möglich waren. Mommsen nahm a. 359 als Ent- 

stehungsjahr dieser Recension des Lib. gen. und somit der Aufnahme der Schriften- 

: Verzeichnisse an, weil eine in CG eingeschaltete chronologische Berechnung auf das 

Konsulat der Brüder Eusebius und Hypatius (a. 359) hinausläuft (Hermes XXI S. 143 ; 

I Chron. min. p. 81; Sanday p. 220). Wahrscheinlich hat der Bearbeiter des Lib. gen. 

welcher unter anderem die Schriftenverzeichnisse anhängte, im J. 359 gearbeitet, und es 
ist bei Gelegenheit einer im J. 365 angefertigten Kopie die auf dieses Jahr auslaufende 
chronologische Berechnung in den Index eingefügt worden. Sehr nahe liegt es anzu- 
nehmen, daß bei dieser Gelegenheit auch die kritischen Glossen zu den Briefen des 
Petrus und des Johannes, vielleicht zunächst an den Rand, eingetragen wurden. — Ich 
gebe den Text mit Ausstoßung der Masse der atl. Titel und ohne das Verzeichnis der 

i cyprianischen Schriften nach CG. 

Incipit indiculum veteri testainenti qui sunt libri canonici sie: 
Genesis versus JÜDCC 
Exodus versus III 



prophetae XII 1IIDCCC. 



Erunt omnes ver II LXVI1ILD. 
Sed ut in apocalypsi Johannis dictum est: „vidi XXIIII seniores 
mittentes Coronas suas ante thronum", maiores nostri probant hos libros 
esse canonicos et hoc dixisse seniores. 
10 Item indiculum novi testainenti: __ 

Evangelia IIII Mattheum vr IIDOC 
Marcum vef MDCC 
Johannem vr^MDCCO 
Lucam vr 1IICCC. 
15 Fiunt omnes versus X. 

Epistulae Pauli n XIII. 

Actus apostolorum ver ÜIDC. 
Apocalypsis ver MDCCO. 
Epistulae Johannis III u? CCCL 
20 una sola. 

Epistulae Petri II ver CCC 
una sola. 

Zahn, Grundrifs der Geschichte des neutestamentlichen Kanons. 6 



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82 IV. Der römische Kanon vom Jahre 382. 

Quoniam indiculum versuum in urbe Roma non ad liquidum, sed et alibi 
avariciae causa non habent integrum, per singulos libros computatis syllabis 
25 — posui numero XVI versum Virgilianum — omnibus libris numerum 
adscribsi. 

1 veteris G : veteri C | cannonici C | 2 versus G : vir n ohne Ziffer dahinter, so 
auch bis Iudicum | 5 prophete Gr : profetas C | 6 omnes versi numero (ohne Ziffer) Gr | 7 
apocalipsi G : apocalypsis C | 9 hoc C : hos G | 11 Matheum C | 12 Marcus C : Mar cum 
G, dieser stellt aber Johannes vor Marcus | 13 Johannem C : Johannes C | Lucas Gr 
Luca C, übrigens ist die Ziffer nach Sanday und Mise. Cass. in G und G die gleiche 
cf GK II, 1009 | 16 XIII C : XIIII G | 17 actus C : actuum G (nach Mommsen, actum 
nach Mise. Cass.) | 19 CCCL G : CCCCL | 20 u. 22 una sola C : an beiden Stellen 
om. G | 23 versuum C : versum G | ad liquidum corr. Mommsen : aliquidum G, aliqui dum 
C | et C : om. G | 24 libros C : om. G | conputatis G | 25 posui C (mit einem radirten 
Buchst, dahinter), steht auch in G (gegen GK II, 1009) | omnibus libris num adscHbsi C : 
om. G. I 



IT. Der römische Kanon vom Jahre 382. 

Über die Entstehung dieses Kanons und seine Fortbildung unter den Päpsten 
Gelasius (a. 492—496) und Hormisdas (a. 514 — 523), sowie über die einschlägige Literatur 
s. GK IL 258—267 und oben S. 68. Den Text, wie er unter Damasus 382 hergestellt 
wurde, hat C. H. Turner im Journal of theol. stud. I (1900) p. 554—560 nach den besten 
Hss herausgegeben. Diesen Text gebe ich im Auszug mit Angabe einiger wichtigerer 
Varianten und sonstigen Bemerkungen.. 

Nunc vero de scripturis divinis agendum est, quid universalis catho- 
lica *) reeipiat ecclesia et quid vitare debeat 2 ). 

Incipit ordo veteris testamenti: 
Genesis liber unus 

Exodus liber unus 



Machabeorum libri duo 
Item ordo scripturarum novi et aeterni 3 ) testamenti, quem saueta et 
catholica 4 ) suseipit ecclesia: 
Evaugeliorum 5 ) 

seeundum Matheum liber I 

seeundum Marcum liber unus 



1) Catholica im Sinn von „rechtgläubig", da sonst neben universalis tautologisch. 
Hormisdas bei Thiel, Epist. pontif. p. 931 + Romana. 

2) Dies beweist, daß schon damals eine Liste der Apokryphen aufgestellt wurde, 
welche unter Gelasius und Hormisdas erweitert wurde cf Thiel p. 462—471. 936 f. 

3) So auch Hormisdas 1. 1. cf Ap 14, 6, einige Damas. Hss om. et aeterni. 

4) AI. -{- Romana s. A 1. 

5) AI. -|- libri IIII f so auch Hormisdas. 



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IV. Der römische Kanon vom Jahre 382. 83 

secundum Lucam liber unus 

secundum Johannem liber unus 

Epistulae Pauli äpostoli numero XIV 



ad Romanos una 




ad Corinthios duas 6 ) 




ad Ephesios I 




ad Thesalonicenses II 




ad Galatas I 




ad Philippenses I 




ad Colosenses I 




ad Timotheuin II 




ad Titum I 




ad Filimonem I 




ad Hebreos I 




Item apocalypsis Johannis 


liber I 


Et actus apostolorum 


liber 1 7 ) 


Item epistulae canonicae 


numero VII 


Petri äpostoli 


epistulae duas 


Jacobi äpostoli 


epistula una 


Johannis äpostoli 


epistula una 


alterius Johannis presbyteri 


epistulae duae 


Judae zelotis äpostoli 


epistula I. 



Explicit canon novi testamenti. 



V. Ein syrischer Kanon aus der Zeit um 400. 

Er ist aus dem Cod. Syr. 10 des Sinaiklosters saec. IX zuerst herausgegeben in 
Studia Sinaitica I. Catalogue of the syriac mss. in the convent of S. Catharine on mount 
Sinai compiled by A. S. Lewis (London 1894) p. 11—14, von mir besprochen N. kirchl. 
Ztschr. 1900 S. 793— 805 cf auch oben S.4öff. und zu den Zahlen GK 11,384—408. Ich 
gebe hier eine Übersetzung des Eingangs und der ntl. Abteilung. 

„Ferner Berechnung der Zahl der heiligen Schriften, wie viele Zeilen 
(Stichen) in einer jeden derselben sind: Genesis 4516 Stichen . . . Das 
ganze Alte Testament 71574 St." 

„Evangelium des Matthaeus 2522 St. Evangelium des Marcus 1675 
St. Evangelium des Lucas 3083 St. Evangelium des Johannes 1737 St. 
Das ganze Evangelium 9218 St." 1 ) 



6) Für diese LA hier und bei den Briefen des Petrus (dagegen nicht zu 2. 3 Jo) 
beruft sich Turner aufC. Murat. 1.60. 69 und auf die besseren Codices des laodicenischen 
Bibelkanons in der isidorischen Übersetzung und des karthagischen Kanons von 419. 

7) AI. stellen die AGr zwischen Evv und Paulinen; so auch Hormisdas. 

1) Die Summe der Teilposten beträgt 9017. Die Zahl für Lucas ist zu hoch, die 
für Johannes zu niedrig. 

6* 



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84 V. Ein syrischer Kanon aus der Zeit um 400. 

„Praxis 2 ) der Apostel 2720 St." 

„Von dem Apostel Paulus Brief an die Galater 8 ) 265 St. An die Ko- 
rinther der erste 946 St. An die Korinther der zweite 653 St. An die 
Römer 825 St. An die Hebräer 837 St. An die Kolosser 275 St. An 
die Epheser 318 St. An die Philipper 318 St. An die Philipper 4 ) 235 St. 
An die Thessalonicher der erste 41 7 St. An die Thessalonicher der zweite 
118 St. An Timotheus der zweite 6 ) 114 St. . An Titus 116 St. An Phi- 
lemon 53 St. Der ganze Apostolos 5076 St." 6 ) 

„Alle Bücher, welche die heilige Kirche annimmt, 7 ) 90 000 St." 

2) Die Syrer behandeln dies Wort regelmäßig als Singular = ngäl-is. 

3) Hier wie im folgenden wörtlich „ Brief der Galater" u. s. w. 

4) Nicht ausdrücklich als ein zweiter bezeichnet. S. oben S. 48. 

5) Der 1 Tm ist stillschweigend ausgelassen. Ob zufällig? s. oben S. 52. Die 
Gesamtzahl der Briefe ist trotzdem 14. 

6) Die Summe der Teilposten ist 5490. Zu niedrig ist namentlich Rm und 2 Tm 
berechnet. 

7) Dies darf als sicherer Beweis dafür gelten, daß die Liste vollständig sein will, 
also die katholischen Briefe und die Ap nicht zufällig fehlen. 



Lippert & Co. (G. Pätz'sche Buchdr.), Naumburg a.S. 



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3 ks§§ 



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